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Offenbar will die Doppelspitze der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen und Anshu Jain, zurücktreten

Nachfolger steht schon fest

Deutsche-Bank-Chefs treten zurück

Frankfurt/Main - Die Co-Chefs der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen und Anshu Jain, haben überraschend ihren Rücktritt angekündigt. Ein Nachfolger steht schon fest.

Neustart bei der Deutschen Bank: Die beiden unter Druck geratenen Vorstandsvorsitzenden Jürgen Fitschen und Anshu Jain werden abgelöst. Jain trete zum 30. Juni zurück, Fitschen bleibe noch bis zur Hauptversammlung im Mai kommenden Jahres im Amt, teilte die Bank am Sonntag mit. Neuer Chef werde der bisherige Aufsichtsrat John Cryan. Der Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner nannte den Briten "die richtige Persönlichkeit zur richtigen Zeit".

Die Neuaufstellung der Spitze beschloss der Aufsichtsrat den Angaben zufolge am Sonntag in einer außerordentlichen Sitzung. Cryan wird demnach ab 1. Juli Ko-Vorstandschef an Fitschens Seite. Nach dessen Abschied bei der Hauptversammlung am 19. Mai 2016 führt Cryan den Vorsitz allein.

Laut der Bank entschieden sich Jain und Fitschen selbst zum Rückzug. Ihre Verträge wären eigentlich noch bis Ende März 2017 gelaufen. Jain soll ab Juli und noch bis Januar als Berater für die größte deutsche Bank tätig sein. Der längere Verbleib von Fitschen an der Vorstandsspitze soll nach Angaben des Unternehmens "einen geregelten Übergang" sicherstellen.

John Cryan ist seit 2013 Aufsichtsratsmitglied und dort unter anderem Vorsitzender des Prüfungsausschusses. 2008 bis 2011 war der 54-Jährige Finanzvorstand der Schweizer Großbank UBS, später Europa-Präsident des Staatsfonds von Singapur.

Nun Deutsche-Bank-Vorstandschef zu werden, sei "eine große Ehre" erklärte Cryan. Die Zukunft des Hauses hänge davon ab, "wie gut wir unsere Strategie umsetzen, unsere Kunden überzeugen und die Komplexität reduzieren". Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef Achleitner attestierte Cryan "große Erfahrung im Bank- und Finanzgeschäft". Außerdem stehe der designierte Vorstandschef "persönlich und beruflich für die Werte, die nötig sind, die Deutsche Bank voranzubringen und die Strategie 2020 erfolgreich umzusetzen". Dabei handelt es sich um das noch von Jain und Fitschen präsentierte Reformprogramm.

Den scheidenden Managern dankte Achleitner. "Aufgrund ihres jahrzehntelangen Einsatzes hat die Deutsche Bank ihre weltweite Führungsposition erreicht." Die Entscheidung Fitschens und Jains, vorzeitig abzutreten, "zeigt auf beeindruckende Weise ihre Einstellung, die Interessen der Bank vor ihre eigenen zu stellen". Jain bezeichnete seine 20-jährige Tätigkeit für das Unternehmen als "außergewöhnliche Zeit".

Der Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Klaus Nieding, begrüßte den Personalwechsel. "Die Investoren haben kein Vertrauen mehr zu Anshu Jain und Jürgen Fitschen gehabt", sagte er dem Berliner "Tagesspiegel" (Montagausgabe).

Jain und Fitschen standen zuletzt wegen zahlreicher Skandale, teils in Verbindung mit hohen Strafzahlungen, stark unter Druck. Im Mai straften die Aktionäre die Vorstandschefs bei der Hauptversammlung ab: Nur jeweils rund 61 Prozent stimmten für die Entlastung der Manager.

Auf Fitschen lastet zudem ein laufendes Gerichtsverfahren. Im Prozess vor dem Landgericht München I in Zusammenhang mit der Pleite des Medienkonzerns von Leo Kirch wirft ihm die Staatsanwaltschaft versuchten Prozessbetrug vor. Fitschen bestreitet die Vorwürfe. Neben ihm sind vier ehemalige Manager der Deutschen Bank angeklagt.

Die bisherigen Vorstandssprecher der Deutschen Bank

Hermann Josef Abs (1957-1967): Der gelernte Banker handelt in den 50er Jahren das Londoner Abkommen über deutsche Auslandsschulden aus. Ministerangebote von Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) schlägt er aus. Als Aufsichtsratsvorsitzender von zeitweise bis zu 30 Aktiengesellschaften erlangt Abs später enormen wirtschaftlichen Einfluss in der Bundesrepublik.

Franz Heinrich Ulrich (1967-1976) und Karl Klasen (1967-1969): Die erste Doppelsitze besteht, bis Klasen 1970 Präsident der Bundesbank wird. Ulrich setzt sich gegen den "Ausverkauf" der deutschen Wirtschaft ins Ausland ein. Die Deutsche Bank übernimmt etwa 29 Prozent des Grundkapitals der Daimler-Benz AG von der Familie Flick.

Friedrich Wilhelm Christians (1976-1988) und Wilfried Guth (1976-1985): Christians gilt als "Außenpolitiker" und Vorreiter der Annäherung an die Sowjetunion. Die Deutsche Bank finanziert 1970 das bis dahin größte Ost-West-Handelsgeschäft: Mannesmann-Röhren für Gasleitungen gegen sowjetisches Erdgas. 1985 erzielt die Bank eine Milliarde Mark Gewinn durch Zerlegung und Verkauf der Flick-Gruppe.

Alfred Herrhausen (1985-1989): Der Politikwissenschaftler will die Deutsche Bank zu einem Institut mit Weltstatus umbauen. Er fädelt große Übernahmen anderer Geldhäuser ein. Das "Allfinanz"-Konzept (Finanzprodukte aus einer Hand) wird zum Vorbild für andere deutsche Banken. Herrhausen kommt 1989 durch ein Attentat der RAF ums Leben.

Hilmar Kopper (1989-1997): Kopper baut das Investmentbanking aus und richtet die Bank zunehmend international aus. Eine der größten Pannen ist der Crash des Immobilien-Imperiums von Jürgen Schneider. Aus Koppers Bemerkung, offene Rechnungen in Höhe von 50 Millionen Euro seien "Peanuts", wird das Unwort des Jahres 1994.

Rolf-Ernst Breuer (1997-2002): Als "Mister Finanzplatz" baut er Frankfurt zu einem internationalen Finanzstandort aus. Ein Rückschlag ist 2000 die gescheiterte Fusion mit der Dresdner Bank. Später äußert sich Breuer kritisch zur Kreditwürdigkeit Leo Kirchs. Der Medienkonzern bricht zusammen, der Unternehmer verklagt Breuer und die Deutsche Bank. Eine juristische Dauerfehde beginnt.

Josef Ackermann (2002-2012): Der Schweizer polarisiert wie kaum ein anderer Bankmanager. Im Mannesmann-Prozess zeigt er 2004 im Gerichtssaal das Victory-Zeichen, 2005 streicht er tausende Stellen und verkündet zugleich ein Renditeziel von 25 Prozent. Die Deutsche Bank wird unter Ackermann eine weltweit führende Investmentbank, er steuert sie ohne Staatshilfen durch die Finanzkrise.

Anshu Jain und Jürgen Fitschen (2012-2015/16): Jain verdiente jahrelang als oberste Investmentbanker Milliarden für die Deutsche Bank. Viele Probleme des Hauses haben ihre Wurzeln in der von ihm geführten Sparte. Fitschen kämpft derzeit noch an zwei Fronten: Intern läuft immer noch die Aufarbeitung der Altlasten. Mitten im Umbruch bei der Deutschen Bank bindet ihn auch noch der Fall Kirch. Im Strafprozess vor dem Landgericht München wehrt sich Fitschen gegen den Vorwurf des versuchten Prozessbetrugs im Schadenersatz-Verfahren um die Kirch-Pleite.

AFP/dpa

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