Die dreisten Etiketten-Tricks

München - Der Etikettenschwindel bei Lebensmitteln hat Methode. Regelmäßig stolpern Stiftung Warentest und die Verbraucherzentralen über die Tricks der Hersteller - und das seit Jahren. Von Einzelfällen kann da keine Rede mehr sein.

Ernüchternd ist das Resümee von Stiftung Warentest, und ärgerlich zugleich. In den 30 durchgeführten Etiketten-Tests der vergangenen zwei Jahre mussten die Prüfer über ein Viertel der Produkte mit mangelhaft oder nur ausreichend bewerten. Von knapp 750 Lebensmitteln aus den Supermarktregalen waren demnach über 200 irreführend beschrieben. „Dabei täuschten Etiketten, Aufmachung oder Werbung die Verbraucher oft über die wahre Qualität. Lediglich sechs Produkte waren sehr gut, meist Mineralwässer“, schreiben die Tester.

Schwindel erst im Labor aufgedeckt

Mit Wasser lässt sich kaum tricksen, mit anderen Nahrungsmitteln dafür umso mehr - und so gekonnt, dass auch Stiftung Warentest oftmals erst im Labor auf die Mängel stieß. Da fielen zum Beispiel beim Test von Würzölen zwei Öle höchst unangenehm auf, die originäres Trüffel- und Steinpilzaroma anpriesen. Ihr Aroma stammte aber nicht von den edlen Pilzen, sondern aus der Retorte (test 3/10). „Solche Verstöße kann der Verbraucher selbst nicht aufdecken“, betont Stiftung Warentest. Dasselbe gilt für Lebensmittelimitate: Wenn frische Garnelen nur aus in Form gepresstem Fischeiweiß und Putenstücke im Fertig-Salat aus zusammengefügten Fleischresten bestehen oder der eingelegte Schafskäse in Wahrheit eine Mischung aus künstlicher Analogware und Kuhmilch ist.

Kritischer Blick aufs Kleingedruckte

Viele Tricks und Werbephrasen können Verbraucher jedoch auch selbst entlarven - wenn sie aufmerksam sind und sich entsprechend Zeit beim Einkaufen nehmen. Wie bei Verträgen geht es auch bei Lebensmitteln ums Kleingedruckte. Nicht der gut lesbare Aufdruck auf der Vorderseite der Verpackung sagt, was wirklich im Produkt steckt, sondern die Zutatenliste auf der Rückseite - dieses Verzeichnis ist bei verpackter Ware übrigens Pflicht. Da heißt es dann vorne groß „Rahmspinat“, nur hinten ist dieser „Rahm“ nicht zu finden, bemängelte Stiftung Warentest (test 4/10). Stattdessen eine Mischung aus Wasser, Milch und Xanthangummi. Letztere Zutat kommt übrigens auch oft in WC-Reinigern vor und sorgt als Nahrungsmittelzusatz für eine cremigere Note.

Auch bei den beliebten Fruchtpürees zum Trinken - den Smoothies - wurden die Tester schon fündig. Auf den Packungen im Test wurden hochwertige Früchte im Namen oder auf Bildern angepriesen, im Zutatenverzeichnis rangierten diese Zutaten aber an hinterer Stelle (test 11/08). Dort müssen alle Zutaten absteigend nach ihren Gewichtsanteilen aufgelistet sein. Statt Kokos, Ananas und Banane - so die Bezeichnung des Smoothie - rangierten allerdings die im Einkauf weitaus günstigeren Äpfel weit vorne.

Zuckerbomben mit vielen Gesichtern

Die Stiftung Warentest kritisiert im Prüfpunkt Deklaration auch Werbung, die in die Irre führt oder überzogen ist. Das passierte zum Beispiel beim Test von Kakaogetränkepulvern. Einige dieser Zuckerbomben waren als Kinderprodukte aufgemacht, gaben sich aber mit Nährstoffversprechen den Anschein gesunder Lebensmittel (test 12/08). Geworben wurde mit Vitaminen und Mineralstoffen, doch das Pulver bestand zu 78 Prozent aus Zucker.

Besonders beim Zucker lässt sich die tatsächliche Menge auf dem Etikett gut tarnen, erklärt die Verbraucherzentrale Bayern. Da stehen dann etliche klangvolle Namen wie Fruktose, Glukose oder Maltose auf der Zutatenliste. Wenn also mehrere verschiedene Süßungsmittel beim Herstellen verwendet wurden, tauchen diese zwar einzeln in der Zutatenliste auf, können aber zusammengenommen eine viel größere Menge im Produkt ausmachen.

Neue Regeln bei Aromastoffen

Ein Himbeerjoghurt ohne Himbeeren - das geht dank intensiv schmeckender Aromastoffe. Bei diesen Zusätzen hat die EU nun eine Verbraucherfalle entschärft. Industriell hergestellte Aromastoffe dürfen seit letzter Woche nicht mehr als „naturidentisch“ bezeichnet werden.

Aber auch hier steckt der Teufel wieder einmal im Detail, schließlich sind die Hersteller bei Produktion und Bezeichnung erfinderisch. Es kommt nämlich auf die Schreibweise an:

-„natürliches Himbeeraroma“ heißt tatsächlich, dass der Geschmack zu 95 Prozent aus echten Himbeeren bestehen muss.

-„natürliches Aroma Himbeere“ heißt hingegen, dass der Geschmack natürlichen, also pflanzlichen oder tierischen Ursprungs sein muss. Das können aber auch Bakterien, Schlachtabfälle oder Sägespäne sein, aus denen im Labor Aromastoffe gewonnen werden.

Zusatzstoffe und ihre Anwendung

Zusatzstoffe im Essen müssen, laut Verbraucherzentrale Bayern, sowohl bei loser Ware im Supermarkt als auch in Kantinen und in der Gastronomie angegeben werden. Nur so haben Gäste die Chance zu erkennen, dass im Würsteleintopf oder Schnitzel Süßungsmittel oder Geschmacksverstärker stecken.

-„mit Farbstoff“ = Farbstoffe sollen vor allem für ein appetitliches Aussehen sorgen und lassen deshalb eine bessere Qualität vermuten.

-„mit Konservierungsstoff“ oder „konserviert“ = Konservierungsstoffe verlängern die Haltbarkeit der Lebensmittel. Keime können sich nicht vermehren.

-„mit Antioxidationsmittel“= Sie behindern Reaktionen von Sauerstoff mit Fettbestandteilen im Nahrungsmittel und ermöglichen so längere Haltbarkeit.

-„mit Geschmacksverstärker“ = Wie der Name schon sagt! Allerdings stehen Geschmacksverstärker in dem Ruf, zu übermäßigem Verzehr anzuregen und dadurch Übergewicht zu fördern. Da die Stoffe den Geschmack von Rohstoffen verstärken, sparen Produzenten teure Zutaten.

-„mit Phosphat“ = Bestimmte Fleischerzeugnisse (etwa Brühwurst) können mit Phosphat schnittfest gemacht werden.

-„geschwefelt“ = Schwefeldioxid sorgt dafür, dass die Farbe erhalten bleibt, beispielsweise bei Trockenfrüchten. Die Deklaration muss erfolgen, wenn mehr als zehn Milligramm pro Kilogramm oder Liter enthalten sind.

-„geschwärzt“ = Bei Oliven, die mit Eisenverbindungen geschwärzt wurden, damit sie noch besser aussehen.

-„gewachst“ = Zum Beispiel bei Südfrüchten oder Äpfeln, deren Oberfläche mit Wachsen behandelt wurden.

-„mit Süßungsmittel(n)“ = Bei Lebensmitteln, die Süßstoffe und/oder Zuckeraustauschstoffe enthalten.

-„enthält eine Phenylalaninquelle“ = Bei Lebensmitteln, denen der Süßstoff Aspartam zugesetzt ist.

-„nach der Ernte behandelt“ = Kartoffeln können nach der Ernte mit den Stoffen Chlorpropham, Imazalil oder Thiabendazol gegen frühzeitige Keimung und Fäulnis behandelt werden. Der Name des Stoffes muss nicht genannt werden.

Stefanie Backs

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