Vom Start-up zur AG: Konstantin Urban hat es geschafft. Seine Firma Windeln.de verkauft Kinderbedarf aller Art. Jahresumsatz 2015: knapp 180 Millionen Euro. foto: Klaus haag

Interview mit Unternehmer Konstantin Urban

Gründer von Windeln.de über Start-Ups: "In Berlin ist es leichter"

München - Konstantin Urban gründete die Firma Windeln.de. Die Firma startete ganz klein und hat nun Erfolg. Im Münchner Merkur spricht er über Chancen für Start-Ups und Jungunternehmer in München.

Hofmannstraße, ehemaliges Siemens-Areal. Neue weiße Bürohäuser, davor halten junge Leute ihre blassen Gesichter in die Sonne. Die Firma Windeln.de erstreckt sich über vier Stockwerke, überall Flachbildschirme und Kinderfotos. Konstantin Urban – Dreitagebart, Slipper, lässiges Hemd – sitzt im Großraumbüro. Sieht so der Chef eines börsennotierten Unternehmens aus? Ein bisschen ist wohl noch übrig vom alten Gründergeist, dem Gefühl von Garage und Kapuzenpulli. Urban, 51 Jahre alt, Münchner und zweifacher Vater, war einer jener Start-up-Gründer, die die Stadt unbedingt fördern will. 

Vor allem Wirtschaftsbürgermeister Josef Schmid (CSU) setzt sich gern für die Jungunternehmer-Szene ein. Urban gehört zu denen, die es geschafft haben: Windeln.de wurde letztes Jahr zur Aktiengesellschaft. Zuvor hatte er Internetportale wie Parship.com an den Start gebracht. Wir fragten Urban, wie schwer es Start-up-Gründer heute in München haben.

Herr Urban, die Gründung eines Start-ups stellt man sich so vor: Man hat eine Idee, einen Geschäftsplan und ein Team – und dann wird einem das Geld hinterhergeworfen.

Konstantin Urban: Wenn’s so leicht wäre, könnte es jeder (lacht). Klar: Erstmal braucht es ein gutes Team, ein Businessmodell, ein Büro. Aber das Schwerste am Anfang ist, wo man das Geld herkriegt.

Woher kriegt man es? Von der Bank, von Risikokapitalgebern, von Papa?

Konstantin Urban: Windeln.de haben wir mit eigenem Geld und Geld von Familie und Freunden gestartet. Aber das ging nur, weil ich vorher zwölf Jahre für die Holtzbrinck-Verlagsgruppe gearbeitet und deren Internet-Portfolio mitaufgebaut hatte. Wir hatten dort einen der erfolgreichsten Risikokapital-Fonds geschaffen, der etwa Zalando finanziert hat. So hatte ich schon Knowhow und ein Netzwerk. Für jemanden, der frisch von der Uni kommt und gründen will, ist es schwerer.

Was kam nach dem Eigenkapital, sobald Sie Leute einstellen und Büros anmieten mussten?

Konstantin Urban: Wir bekamen eine Finanzierungsrunde durch den staatlichen High-Tech-Gründerfonds. Danach fanden wir immer Risikokapitalgeber. Aber es war schon ein Kampf.

Viele sagen, in Deutschland sei die Anfangsphase viel schwieriger als etwa in den USA – weil es weniger Risikokapitalgeber gibt.

Konstantin Urban: Ich glaube eher, dass eine gute Idee mit einem guten Management auch in Deutschland ihre Finanzierung findet. Es gibt sicher nicht so viel Risikokapital wie in den USA. Andererseits sind in Deutschland auch nicht so viele Unternehmen es wert, mit Risikokapital gefördert zu werden. Wenn jemand bei zehn Investoren anfragt und keiner die Idee gut findet, dann muss er sich schon überlegen, ob die Idee oder das Team wirklich so toll ist.

Ist es nicht Marktversagen, wenn für Start-ups am Anfang der Staat einspringen muss?

Konstantin Urban: Risikokapital ist nicht für alle Neugründungen etwas. Zwar werden aus guten Ideen oft solide Firmen. Aber ein Risikokapitalgeber findet das unspannend. Der will, dass die Firma irgendwann eine Milliarde Euro wert ist. Er muss ja fremdes Geld maximal gewinnbringend einsetzen, also nimmt er nur die Firmen, die den größten Erfolg versprechen, sogenannte Unicorns. Für andere Gründer ist es besser, sich nach staatlicher Förderung umzuschauen, nach Darlehen, einem normalen Bankkredit.

Aber einen Bankkredit gibt es auch nicht so leicht.

Konstantin Urban: Ich sehe möglicherweise ein Versagen der Banken. Die sind sehr vorsichtig geworden und nicht mehr bereit, ins Risiko zu gehen. Und es ist sicher auch eine Mentalitätsfrage. Die Amerikaner agieren mehr nach dem Motto: Auf geht’s zur Sonne! Und wir Deutschen: Hilfe, Risiken, nicht profitabel! Trotzdem finde ich es sinnvoll, dass es in der Anfangsphase staatliche Förderung gibt. Man muss eine gesunde Mischung fahren. Es bringt nichts, wenn der Staat alles zuschüttet. Wichtiger finde ich gute Rahmenbedingungen. Etwa die Einstellung gegenüber Unternehmern. Wenn du als Unternehmer in eine Talkshow gehst, kannst du davon ausgehen, dass vier Leute auf dich einschimpfen. Das Klischee ist: Schnösel. Die Gesellschaft sollte Unternehmer als Leute wahrnehmen, die einfach mal Geld verdienen – und das auch wieder investieren.

Wird aus der Bundesrepublik jemals ein Land der Internet-Unternehmer?

Konstantin Urban: Man nehme die Firma Rocket Internet. So mancher Vorwurf gegen die Samwer-Brüder ist sicher berechtigt. (Anm. d. Red.: Rocket Internet, gegründet 2007, war umstritten, weil es Risikokapital in Start-ups pumpte, die ausländische Geschäftsmodelle kopierten. Viel Profit, wenig Innovation. Ihr Aushängeschild: Zalando.) Aber sie haben Deutschland auf die Landkarte der Internet-Unternehmer gebracht. Zudem fungieren Leute wie die Samwer-Brüder als ,Business Angels‘ – von denen es in den USA viele gibt: Unternehmer, die mit eigenen Start-ups erfolgreich waren und jetzt in Neugründungen investieren.

Rocket Internet ist in Berlin, das München ewig Konkurrenz macht. Was hat Berlin, was München fehlt?

Konstantin Urban: In Berlin hat man alles an einem Platz. Dort sieht man, was die neuesten Ideen sind, woran gearbeitet wird. Die Großen, etwa Delivery Hero und Hello Fresh, sind in Berlin. All das zieht viele gute Mitarbeiter an – wie im kalifornischen Silicon Valley, wo man die besten Programmierer findet. Berlin hatte billige Büroflächen, da konnte man endlos Lofts anmieten. Und billige Gehälter. Aber das ändert sich gerade. München hat aber auch Vorteile, etwa bei der Lebensqualität. Es gibt auch hier einige arrivierte Start-ups, wie Check24 – und viele Risikokapitalgeber.

Wohin gehe ich als junger Gründer eher?

Konstantin Urban: In Berlin ist es am Anfang sicher leichter, ein Netzwerk aufzubauen. Etwa so: Du hast bei Zalando gearbeitet, dort jemanden kennengelernt, ein Zalando-Gründer gibt dir dein erstes Geld oder knüpft für dich einen Kontakt zum Holtzbrinck-Fonds. Aber sobald diese Anfangsphase geschafft ist, ist es wurscht, wo du bist.

Gibt es hier den Geist der Szene, den Bürgermeister Schmid gern beschwört? Bringt ein Event wie das Gründerfrühstück „Bits & Pretzels“ etwas, oder ist das vor allem Show?

Konstantin Urban: So ein Event schadet nicht. Ich finde es gut, wie es in kurzer Zeit unglaublich viele Leute angezogen hat. Aber ich glaube nicht, dass man München eine lässige Start-up-Szene oktroyieren kann. Doch es ist schön, wenn die Stadt sagt: Wir wollen euch Gründer hier haben.

Die Stadt will im Kreativquartier ein neues Gründer- und Innovationszentrum für Start-ups bauen, die Ideen für die Stadt der Zukunft entwickeln. Was halten Sie davon?

Konstantin Urban: Die Idee – geringe Miete und geteilte Büroräume – gibt es ja schon mehrfach. Aber die Büromiete ist nicht das größte Problem. Als wir mit Windeln.de anfingen, standen in der Schaertlinstraße diese alten Siemens-Gebäude. Wir haben die Verwalter gefragt, ob wir uns einmieten können. Und sie sagten: Macht nur. Sowas kann jeder!

Was ist die Hauptschwierigkeit am Anfang?

Konstantin Urban: Das Problem ist, Mitarbeitern ordentliche Gehälter zu zahlen, wenn schon ein WG-Zimmer 500 Euro Miete kostet. Da haben Start-ups einen Nachteil gegenüber arrivierten Unternehmen. Wenn du einem guten Mitarbeiter 35 000 Euro Jahresgehalt zahlst, ist das für den wenig Geld. Aber für das Start-up ist es viel Geld. Und so gehen viele Mitarbeiter lieber zu Check24 oder BMW.

Würde mehr geförderter Wohnungsbau helfen?

Konstantin Urban: Eher nicht. Junge Leute wollen doch nicht in staatlich geförderten Wohnbausiedlungen leben, sondern in Schwabing. Oder zumindest in Nordschwabing. Das ist sicher eine Hürde in München: die Mitarbeiterkosten. In Dresden bekommt jemand für die gleiche Arbeit nicht halb soviel Gehalt.

Könnte in München ein bahnbrechendes Ding wie WhatsApp entstehen?

Konstantin Urban: Ja, sowas könnte hier auch entstehen. Dafür braucht es nur die Idee und kaum Mitarbeiter, es hängt also nicht von Rahmenbedingungen ab. Aber das Innovationspotenzial von WhatsApp ist nach der ursprünglichen Entwicklung eher gering. Es gibt wenig neue Features. Da ist Internethandel wie Windeln.de viel komplizierter.

Letztes Jahr ist Windeln.de an die Börse gegangen. Der Start war etwas holprig, die Aktie fiel unter den Ausgabewert...

Konstantin Urban: Wenn man allein den Kurs betrachtet, ist der Börsengang in die Hose gegangen. Trotzdem glaube ich, dass es richtig war. Wir konnten genug Geld einsammeln für die nächsten Jahre. Und ein Börsengang macht einen disziplinierter. Aber die Welt ist nicht plötzlich ganz anders. Und ich freue mich, wenn meine Kinder sehen, was ich mache, und sagen: Das hast du mitgegründet, Papa.

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