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Container glänzen im Hamburger Hafen in der Sonne. Der IWF warnt vor einer erneuten Weltwirtschaftskrise.

Wachstumsprognose gesenkt

IWF warnt vor neuer Weltwirtschaftskrise

Washington - Der Internationale Währungsfonds ist so pessimistisch wie seit langem nicht. Er senkt seine Wachstumsprognose und sieht die Weltwirtschaft in Gefahr.

Olivier Blanchard muss es allmählich leid sein. Der Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF) hatte am Dienstag erneut die Aufgabe, der Welt zu erklären, warum seine Organisation ihre Prognose für das globale Wirtschaftswachstum abermals senken musste - wie so oft in den vergangen Jahren. Man sei wieder einmal zu zuversichtlich gewesen, deutete Blanchard an. „Das Tempo des Wachstums hat enttäuscht“ heißt das im vorsichtigen, weniger selbstkritischen IWF-Sprachgebrauch.

Die stetigen Korrekturen nach unten kratzen vielleicht am Selbstvertrauen, ganz sicher aber am Optimismus der Währungsfonds-Ökonomen, denn so düster klang ihre Analyse lange nicht mehr. „Die schlechteren Aussichten beeinträchtigen die Zuversicht, die Nachfrage und das Wachstum“, sagt Blanchard. Eine klassische Abwärtsspirale also, die Industrieländer genauso erfassen könne wie arme Nationen. „Die Risiken sind eindeutig vorhanden.“

Was das bedeutet, erlebt Deutschland gerade hautnah. Das wichtigste Konjunkturbarometer, das ifo-Geschäftsklima, sinkt seit Monaten. Wirtschaftsinstitute reduzieren ihre Wachstumsprognosen. Der Auftragseingang und die Industrieproduktion brechen ein. Manche Fachleuten nehmen das böse Wort Rezession in den Mund. Auch für den IWF ist Deutschland viel schwächer als bisher angenommen. Im Vergleich zur Juli-Schätzung senkte er seine Prognose für dieses Jahr um ganze 0,5 Prozentpunkte auf 1,4 Prozent.

Prognosen für Deutschland waren voreilig optimistisch

Noch im April war der IWF voller Lob für Deutschland, sprach gar von „Aufwärtsrisiken“, also von der Möglichkeit eines noch stärkeren Wachstums in Europas größter Volkswirtschaft. Davon ist nun keine Rede mehr, auch hier waren die Währungsfonds-Analytiker wohl zu optimistisch. Stattdessen stellen sie nun klare Forderungen an die Bundesrepublik. Sie habe „dringend benötigte öffentliche Investitionen zu finanzieren“. Der Haushalt sei gesund und Staatsausgaben für die Modernisierung der Infrastruktur zur Ankurbelung der Wirtschaft wären daher kein Problem.

Für den IWF mit seiner Chefin Christine Lagarde an der Spitze ist es ein Schreckensszenario, bald in eine neue Weltwirtschaftskrise zurück zu rutschen. Das zu vermeiden sei fast überall wichtiger als der Schuldenabbau oder die Rückkehr zu einer gemäßigteren Geldpolitik. So hat der Fonds auch kein Problem mit den umstrittenen Konjunkturmaßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB). Ob Zinssenkungen, Wertpapierkäufe und auch die Käufe von Kreditverbriefungen (ABS), das sei alles richtig. In den USA müsse die Notenbank Fed klar erklären, wie sie sich die Leitzinserhöhung vorstelle, „um zerstörerische Marktreaktionen zu verhindern“.

Doch eine offensive Geldpolitik allein könne das Übel nicht beseitigen. Viele Nationen müssten Strukturreformen anschieben, um den Jobmarkt, das Bildungswesen oder die Investitionsbereitschaft von Firmen zu verbessern, mahnt der IWF. Ebenso wichtig sei, die Zuversicht der Bürger und Unternehmer zu stärken. „Die Herausforderungen für die Politiker ist, das Vertrauen zu erneuern“, sagt Blanchard. Sie müssten zeigen, eine gute Strategie zu haben, wie sie die Altlasten der zurückliegenden Krise loswerden und das Problem des niedrigen Wachstums lösen wollen.

Das klingt alles ziemlich allgemein - und das hat auch einen Grund. Der IWF gibt nämlich mittlerweile selbst zu, keine Patentrezepte mehr ausgeben zu können. Viele Länder hätten ihre ganz eigenen, speziellen Probleme, die Konjunktur rund um den Globus sei alles andere als im Gleichschritt. „Ökonomische Evolutionen verlaufen immer differenzierter“, erklärt Blanchard. Blanke Wachstumszahlen könnten das nicht mehr richtig darstellen.

Konflikte wie in Ukraine könnten globale Schäden anrichten

Eindeutige Prognosen traut sich der Krisenhelfer aus Washington daher nicht mehr zu. Die Wirtschaft in der Eurozone könnte stagnieren und die Weltkonjunktur nach unten ziehen – aber danach sehe es noch nicht aus, meinen seine Volkswirte abwägend. Geopolitische Konflikte in der Ukraine oder in Nahost könnten große globale Schäden anrichten, aber zur Zeit gebe es darauf keine Hinweise.

Die Finanzmärkte könnten überhitzen, weil sich Investoren wegen der Niedrigzinsen unüberlegt auf Wertpapiere stürzten. Aber das müsse erstmal kein Problem sein. Nur eine Sache ist für die Ökonomen eindeutig: Der nächste Weltwirtschaftsausblick erscheint im kommenden Januar.

dpa

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