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Siemens bietet Flüchtlingen Praktika an.

Einblicke in verschiedene Abteilungen

Siemens: Praktikum für Flüchtlinge

München - Viele Flüchtlinge wollen arbeiten. Doch die rechtlichen Bedingungen machen es ihnen schwer. Der Elektronikkonzern Siemens bietet nun Praktika an.

Jörg Pohl, Projektleitung Integrationspraktikum bei Siemens in Deurtschland-

Viele haben noch die Bilder vom vergangenen Jahr im Kopf. Zigtausende Flüchtlinge kommen am Münchner Hauptbahnhof an. Menschen, die Schutz suchen, ihre Hoffnungen auf die neue Heimat setzen – und darauf, auch im Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können. Einen Vorschlag dafür liefert Siemens. Der Elektronikkonzern bietet Praktika an, die speziell für Flüchtlinge gedacht und auf zwei Monate angelegt sind – in dieser Zeit erhalten qualifizierte Flüchtlinge, die sich noch im Asylverfahren befinden, Einblicke in verschiedene Abteilungen und als Abschluss ein Zeugnis. Momentan bietet Siemens rund 100 Praktikumsplätze innerhalb Deutschlands an, zehn davon in München. Zwei Praktikanten haben uns von ihren Erfahrungen erzählt.

Der Informatiker - Er bleibt beim Weltkonzern

­Filmon ­Debru an seinem Arbeitsplatz bei Siemens.

Kinnlange Locken und ein herzliches Lächeln. Wer Filmon Debru sieht, kommt nicht darauf, was der 31-Jährige, der gerade ein Praktikum in der IT-Abteilung von Siemens macht, schon alles erlebt hat. Lässt man den Blick weiter schweifen auf die Hände, kommt man ins Nachdenken. Fast alle Finger hat Debru verloren. Passiert ist dies auf seiner Flucht aus Eritrea, die er 2012 antrat. In Sinae, einer Stadt in Ägypten, wurde die Reise unterbrochen, Ebru gekidnapped. Drei endlos lange Monate voller Schrecken wurde er festgehalten, bis er – gegen 33 000 Dollar – schließlich freikam.

Über einige Umwege kam Debru vor zwei Jahren schließlich nach München. Hier erhoffte er sich eine Perspektive. „Ich habe mir von Anfang an große Mühe gegeben, mich einzugliedern“, sagt Ebru. Er lernte Deutsch und schrieb zahlreiche Bewerbungen. Bei Siemens hat es schließlich geklappt. „Nach dem Vorstellungsgespräch wussten wir sofort – das passt!“, sagt Florian Schelle (45), Debrus Führungskraft. Vor allem mit seinen Vorkenntnissen konnte der junge Eriträer überzeugen. Er hat bereits studiert und verfügt über zwei Sprachzertifikate in Deutsch. Nicht nur seine Kompetenz überzeugte, sondern vor allem das Engagment des jungen Eriträers. „Mittlerweile beherrscht er die Programme besser als wir“, sagt Schelle.

Bisher ist Ebru der einzige Flüchtling, der ein Praktikum in der IT-Abteilung bei Siemens München macht. Schelle hofft allerdings, dass die Zahl bald steigt. In den zwei Monaten gliederte sich Ebru so gut ein, dass sein Praktikum sogar verlängert wurde. Trotz einer bewegten Vergangenheit kann der 31-Jährige nun postiv in die Zukunft schauen. Bei seiner Pflegefamilie in Pasing hat er sich bestens eingelebt. Und noch eine gute Nachricht: Ab September wird Ebru eine Ausbildung als Fachinformatiker bei Siemens beginnen.

Der Buchhalter - Er konnte bei der Arbeit glänzen

Samson Olowu arbeitete schon in ­Nigeria als Buchhalter.

Zwei Monate lang absolvierte Samson Abiodun Olowu sein Praktikum bei Siemens als Buchhalter. Bereits in seinem Heimatland Nigeria übte er diesen Beruf aus. Dort jetzt noch dort zu arbeiten, ist für den 34-Jährigen undenkbar. „Ich musste alles zurücklassen, um mein Leben zu retten“, sagt er heute. Olowu ging es einst gut in Nigeria, er war eingegliedert und konnte ein abgeschlossenes Studium vorweisen. Als Christen hatten seine Familie und er es in dem von Kriminalität geprägten Land allerdings schwer. Der Schock schließlich im Januar 2012: Bei einem Anschlag kam der kleine Bruder des Nigerianers ums Leben. Auch ein Umzug brachte keine Wende. Ende April 2012 dann der nächste Schicksalsschlag: Bei einem Gottesdienst stürmten bewaffnete Männer die Kirche und töteten seine Eltern.

Olowu beschloss, ganz neu anzufangen – und wagte den Weg nach Europa. In Italien lernte er seine jetztige Frau kennen. Das Paar machte sich bald auf nach Deutschland. 2015 fuhr der Zug, der den Flüchtlingen ein besseres Leben bringen sollte, am Münchner Hauptbahnhof ein. Heute leben die beiden im Kieferngarten – mit ihrem neun Monate alten Kind.

Beruflich geht es bergauf, bei seinem Praktikum bei Siemens konnte der Flüchtling glänzen. „Wir hatten überhaupt keine Probleme“, sagt Kathrin Schulte-Krumpen (35), seine Betreuerin. Seit einem Monat ist Olowu nun fertig mit dem Programm. Nun hat er Zeit, endlich richtig Deutsch zu lernen. Bei Siemens kam er zwar gut mit Englisch durch, doch zur Integration ist das Beherrschen der Sprache unumgänglich. Sein Asylantrag ist noch in Bearbeitung. Nun setzt Olowu erst einmal alles daran, so schnell wie möglich eine neue Stelle zu finden: „Ich möchte Deutschland alles geben, was ich kann.“

Sabrina Höbel

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