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Der Acker am Dach: Weil die Vergütung für Energie vom Dach unter den Preis für Haushaltsstrom gesunken ist, wird der Selbstverbrauch für Betreiber zur wirtschaftlich interessanteren Variante. 

Selbstversorger auf dem Vormarsch

Solaranlagen: Immer mehr verbrauchen den Strom selbst

München - Wird die Eigenproduktion zum Massen-Phänomen? Immer mehr Betreiber von Solaranlagen verbrauchen ihren Strom selber, statt ihn einzuspeisen. Doch die Politik weiß offenbar noch nicht, ob ihr das gefällt.

Helmut Muthig ist ein moderner Selbstversorger – der Acker, von dem er erntet, ist sein Hausdach in Pfaffenhofen. Dort und auf seiner Doppelgarage hat der 64-Jährige Photovoltaikmodule mit einer Leistung von 10,5 Kilowatt installiert. Einen Teil seines Stroms speist er aber nicht für Geld ins Netz ein. Er verbraucht ihn selbst. Muthig ist das, was man in der Branche „Prosumer“ nennt – eine Mischung aus Produzent und Konsument. Experten glauben, dass Leute wie er den Markt verändern könnten. Der Selbstversorger als Massenphänomen?

Menschen, die Strom auch für den Eigenverbrauch produzieren, gibt es schon lange. Doch der Selbstversorger gilt noch als Nischen-Erscheinung. Zwar nahm die Zahl der Solaranlagen auf Privatdächern deutlich zu. Allein in Bayern gibt es rund 500 000 Anlagen. Wegen der EEG-Vergütung ist es für die meisten Betreiber lukrativer, Strom ins Netz einzuspeisen. Noch. Für neue Produzenten ist es damit vorbei.

2012 sank die Einspeisevergütung für die Photovoltaik erstmals unter den Preis für Haushaltsstrom. Kleinproduzenten bekommen also weniger für den Strom, als sie selbst dafür bezahlen. Parallel sind die Kosten für Batteriespeicher zurückgegangen. Damit können auch private Betreiber sich nicht nur dann selbst versorgen, wenn die Sonne aufs Dach brennt, sondern auch abends und an eher diesigen Tagen.

Nach Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums nutzen Betreiber kleiner Anlagen ihren Strom schon heute zu rund einem Drittel selbst. Und laut dem Speichermonitoring der Technischen Hochschule (RWTH) Aachen wurde 2015 fast jede zweite kleine Anlage mit einer Batterie kombiniert – ein Indiz für Eigenverbrauch.

Die Rahmenbedingungen machten es attraktiv, eigenen Strom selbst zu nutzen, sagt Reinhard Madlener, Energieökonom an der RWTH. Er leitet ein Forschungsprojekt, das die Rolle der „Prosumer“ untersucht hat. Neben wirtschaftlichen spielen offenbar auch psychologische Gründe eine Rolle. „Vielen ist es wichtig, unabhängig zu sein“, sagt Madlener. Der Wunsch nach Autarkie stellte sich in einer Befragung als wichtiges Motiv der Selbstversorger heraus.

Helmut Muthig bestätigt das. Die Eigenproduktion ermögliche, mit dem Verbrauch „intelligent zu jonglieren“. Scheint die Sonne, schmeißt seine Frau Waschmaschine und Trockner an. Ist alle Wäsche gewaschen, speist er ins Netz ein oder lädt die Batterie – alles ganz nach Bedarf.

Wobei eine vollständige Unabhängigkeit wirtschaftlich auch wieder nicht effizient wäre – dafür müssten die Batterien viel zu groß und teuer sein. Bis zu 50 Prozent Selbstversorgung hält Madlener derzeit für rentabel.

Die Prosumer-Forschungsgruppe schreibt noch an ihrem Abschlussbericht für die Bundesregierung. Wesentliche Ergebnisse sind schon in einem Papier zusammengefasst. Prosumer könnten einen Beitrag zur „sozial-ökologischen Transformation des Energiesystems leisten“ und helfen CO2 einzusparen, heißt es unter anderem. Ihre Bedürfnisse böten auch „Anlass für eine Vielzahl von neuen Geschäftsmodellen und innovationsfördernden Wettbewerbsdruck“.

Allerdings – so geben die Forscher zu Bedenken – hänge die Bereitschaft der Bürger zu einem „smarten Energiedienstleister“ zu werden, auch von wirtschaftlichen Anreizen und vom rechtlichen Rahmen ab. Die rechtlichen Bedingungen dürften nicht zu komplex sein. Zudem müsse die Förderpolitik stimmen. Die Politik müsse auch offen sein für neue Geschäftsmodelle – etwa die Einbeziehung von Mietern in Prosumer-Projekte.

Letzteres könnte der Entwicklung einen kräftigen Schub geben. Denn die Zahl der Eigenheimbesitzer ist in Deutschland beschränkt. Wenn zusätzlich Mieter mit eigenen Anlagen zu Selbstversorgern werden könnten, wäre der Markt mit einem Schlag größer. Einzelne Projekte gibt es bereits. Auf dem Gelände der Münchner Funkkaserne hat der Energiedienstleister Naturstrom AG eine Anlage für zwei Mietergemeinschaften installiert. Im Gegensatz zu Eigentümern müssen Mieter aber auch für eigenen Strom EEG-Umlage bezahlen.

Die Politik wirkt indes noch unentschlossen, wie sie weiter mit Mietern umgehen soll. Zum einen enthält die jüngste EEG-Novelle eine Verordnungsermächtigung für den Mieterstrom. Die Regierung dürfte die Rahmenbedingungen also sofort neu regeln und für Mieter zum Beispiel die EEG-Umlage reduzieren. Gleichzeitig gibt es im Finanzministerium die Überlegung, die Stromsteuer für Mieterstrom zu erhöhen. Wohin die Reise geht, ist offen.

Die Prosumer-Trend hat auch mächtige Gegner: die großen Stromkonzerne. „Je mehr Akteure von der EEG-Umlage befreit werden, desto höher sind die Kosten für alle anderen Stromkunden“, sagt Stefan Kapferer, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft. Die geplante Regelung zum Mieterstrom sehe man kritisch.

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