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Der 18-jährige Maximilian Pscherer hat sich für den Beruf Koch entschieden. 

Unternehmer bangen um Zukunft

Ausbildungsstart: Für viele Firmen in Bayern ein schwarzer Tag

München - Zum Ausbildungsstart in Bayern zeichnet sich ein düsteres Bild. Firmen finden keine Azubis mehr, in manchen Branchen ist es bereits egal, ob Vierer oder Fünfer im Zeugnis stehen. 

Für zehntausende Jugendliche in Oberbayern hat am 1. September ein neuer Lebensabschnitt begonnen: Firmen aus Industrie, Handel und Handwerk begrüßten feierlich ihre neuen Lehrlinge, dann ging es in die Werkstatt, auf die Baustelle oder ins Büro.

Eine, der am Donnerstag nicht zum Feiern zumute war, ist Elisabeth Renner. Sie ist Chefin der gleichnamigen Münchner Baufirma. Mag ja sein, dass zehntausende Jugendliche eine neue Lehrstelle gefunden haben – in Renners Traditionsbetrieb hat sich kein einziger Lehrling verirrt.

Für die harte Arbeit am Bau entscheide sich kaum ein Jugendlicher

Sicher, sagt Elisabeth Renner, die Lehrstellen seien ausgeschrieben gewesen, aber für die harte Arbeit am Bau entscheide sich kaum noch ein Jugendlicher. Und als wäre das nicht genug, hätten sich am Mittwoch auch noch zwei Maurer nach jahrzehntelanger Arbeit in die Rente verabschiedet – die Zahl der Handwerker sank von 68 auf 66, Nachwuchs ist nicht in Sicht.

Etwas Grundlegendes hat sich verändert in den letzten Jahren: Waren Jugendliche vor zehn Jahren noch froh, überhaupt eine Lehrstelle zu ergattern, haben sich die Gewichte inzwischen komplett verschoben. Jetzt sind es die Firmen, die auf der Suche sind. Sie buhlen auf Messen und in Schulen um Nachwuchstalente, im Vorteil ist, wer einen beliebten Beruf zu bieten hat.

Bei den Männern ist das nach wie vor der Kfz-Mechatroniker, bei den Frauen die Kauffrau für Büromanagement – Handwerksbranchen wie das Baugewerbe, bei denen die Arbeiter auch bei Schnee, Regen und Minusgraden auf die Baustellen fahren, haben das Nachsehen.

Auch mit einigen Flüchtlingen gibt es große Probleme 

Die letzten ihrer Art: Sascha Gaubschat (links) und Stefanos Baboulis schließen voraussichtlich im März ihrer Maurerlehre ab - dann droht die Baufirma Renner erstmals seit Jahrzehnten ohne Lehrlinge dazustehen.

„Der Ruf am Bau ist extrem schlecht geworden“, klagt Renner. Die Folgen: Nachdem es der Baufirma nicht gelungen ist, Maurer-Nachwuchs zu finden, ist die Zahl der verbliebenen Lehrlinge bei Renner am Donnerstag von fünf auf drei geschrumpft.

Der 17-jährige Sascha Gaubschat und der 23-jährige Stefanos Baboulis sind seit Donnerstag im dritten Lehrjahr. Bekommen sie die Lehrzeit verkürzt, liegt die Zahl der Auszubildenden bei Renner im März bei Null. „Ich kann mich in den letzten 35 Jahren nicht daran erinnern, dass wir überhaupt keinen Lehrling hatten“, klagt Renner. Schon der Großvater habe auf den Baustellen ausgebildet.

Und Flüchtlinge? Immerhin galten sie vor einem Jahr als die große Hoffnung im Handwerk. Alles ausprobiert, sagt Renner. Acht Flüchtlinge hätten auf der Baustelle ein Praktikum gemacht – vergeblich. Die Flüchtlinge seien unpünktlich gewesen, die Einstellung zur Arbeit hätte nicht gepasst, einer habe sich aus Stolz nicht zu den Arbeitern in den Baucontainer setzen wollen, sein Klassenbewusstsein habe das nicht zugelassen.

Nur für einen Flüchtling ist die Chefin voll des Lobes: Ein früherer Kindersoldat aus Sierra Leone macht wie Gaubschat und Baboulis eine Ausbildung zum Maurer, er arbeitet gerade auf einer Baustelle im Münchner Süden.

Bezahlung auf dem Bau zu schlecht: "Kriminelle Subunternehmer machen Geschäft zunichte"

Bewerber profitieren vom Fachkräftemangel: Florian Vogel (rechts) bekam von vier Einzelhändlern die Zusage für einen Ausbildungsplatz – im August startete er seine Lehre beim Bio-Händler Alnatura. Seine Ausbilderin Constanze Zotz (links) ist seit zwei Jahren Einzelhandelskauffrau. Das mangelnde Interesse an ihrem Beruf ist ihr ein Rätsel.

Die beiden anderen jungen Männer werkeln zur gleichen Zeit auf einer Baustelle im Münchner Südwesten, es ist einer der letzten schönen Spätsommertage, beide sind bester Laune. Das schlechte Image ihres Berufsstandes können sie nicht verstehen: Natürlich beobachten sie bei Freunden, dass sich immer mehr für weiterführende Schulen, ein Studium oder einen Bürojob interessierten. Im ersten Lehrjahr seien in seiner Berufschulklasse noch fünf Mauerer-Lehrlinge gewesen, sagt Baboulis. Jetzt, im zweiten Lehrjahr, sei er der einzige, die meisten hätten gekündigt. Unverständnis bei den beiden: Wer sich anstrenge, könne schnell Karriere machen, Meister, Techniker oder Polier werden. „Der Maurer ist ein Top-Beruf“, sagt Baboulis, man lerne ja nicht nur Wände hochziehen, sondern könne am Ende auch problemlos Fliesen legen.  

Einen Kritikpunkt hat der etwas ältere Baboulis dann doch noch, immerhin wohnt er nicht mehr bei den Eltern: Die Bezahlung könnte zumindest ein klein wenig besser sein, sagt er. Jetzt, im dritten Lehrjahr, bekommt er mit Zuschlägen über 1400 Euro brutto. „Würde auf dem Bau mehr bezahlt, würde es auch mehr Maurer geben“, sagt er.

Darauf angesprochen, antwortet die Chefin: Man habe kaum Handlungsspielraum, kriminelle Subunternehmer hätten das Geschäft zunichte gemacht. „Würde man das eindämmen, wäre auch die Ausbildung wieder attraktiv.“

Im Einzelhandel mangelt es an geeigneten Bewerbern

Der Lebensmitteleinzelhandel hat ganz andere Probleme. Hier mangelt es weniger an Bewerbungen, das Problem ist: Es mangelt an geeigneten Bewerbern. Aber warum nur? „Der Einzelhandel hat nicht den besten Ruf“, sagt Florian Bosse, Ausbildungsleiter beim Bio-Händler Alnatura, der Job sei körperlich anstrengend – seine Begründung erinnert an die der Bauunternehmerin.

Akob und Terefe wollen's schaffen. Erster Arbeitstag für Akob Farho (l.) und Terefe Bualew (r.): Zwar ist auf Farhos neuer Arbeitskleidung noch „Praktikant“ zu lesen, Autohaus-Chef Hans Medele aus Weilheim hat die beiden Flüchtlinge aus Syrien und Äthiopien aber als Lehrlinge eingestellt. 

Besuch bei Alnatura in der Münchner Leopoldstraße: Um 5.30 Uhr hat der Chef den Laden aufgesperrt und Ware in Empfang genommen. Um 6 Uhr hat Florian Vogel damit begonnen, mit Kollegen Obst und Gemüse in die Auslagen zu räumen und Kühlware ins Regal zu sortieren. Seit 8 Uhr sind Kunden im Laden, Vogel steht auf dem Präsentierteller, jederzeit können Kunden ihn ansprechen – und das Bio-Geschäft sei beratungsintensiv, sagt der Marktleiter.

Dass das Image des Einzelhandels nicht gerade das beste ist, versteht Constanze Zotz nicht. Die 24-Jährige hat selbst vor zwei Jahren ihre Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau abgeschlossen – jetzt lernt sie den 18-Jährigen Vogel an. Der junge Mann macht den Job aus Überzeugung, er habe sich bewusst für die Bio-Branche entschieden, sagt er. Er verkaufe lieber Milch, von der er wissen, dass die Bauern fair bezahlt worden seien – bislang habe er seine Entscheidung für die Ausbildung bei Alnatura nicht bereut, sagt Vogel.

Hotel- und Gaststättengewerbe: "Egal, ob Vierer oder Fünfer im Zeugnis stehen"

Entscheidung? So ist die Lage am Ausbildungsmarkt. Vogel hatte nach seinen Bewerbungsgesprächen Zusagen von vier Einzelhändlern bekommen und hat sich am Ende für Alnatura entschieden. Für die Arbeitgeber bedeutet das: Sie müssen sich im Kampf um ihren Nachwuchs immer mehr anstrengen.

Im Hotel- und Gaststättengewerbe ist die Lage besonders angespannt. „Uns ist mittlerweile egal, ob Vierer oder Fünfer im Zeugnis stehen“, sagt Kathrin Wickenhäuser-Egger. Sie betreibt in München zwei Hotels in der Nähe des Hauptbahnhofes, das „Cristal“ und das „Dolomit“. Sechs Lehrlinge wollte sie einstellen – drei hat sie gefunden. Zwei Hotelfachfrauen und eine Fachkraft im Gastgewerbe. Ein Koch war wieder nicht dabei, obwohl Wickenhäuser-Egger einen gesucht hatte.

Die Ausnahme: Behar Rexhaj hat seine Ausbildung zum Elektriker begonnen, obwohl er sich mitten im Studium befindet. Er sagt, er habe sich bewusst für die Lehre entschieden, um Praxiserfahrung zu sammeln.

Damit blieb der 18-jährige Maximilian Pscherer zum Start der einzige Küchenlehrling im Hotel Cristal, jetzt ist er im dritten Lehrjahr. Auch er rätselt über das mangelnde Interesse an seinem Beruf: „Ich liebe es zu Kochen“, sagt er. Es gebe so viele Gewürze, als Koch könne man viel ausprobieren, es gebe keine Grenzen.

Die Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern hat festgestellt, dass selbst bei Banken und Sparkassen die Azubis inzwischen rar werden. „Die Anzahl der Bewerbungen ist rückläufig“, bestätigt Michael Stief von der Sparkasse Schongau. Er macht den demographischen Wandel dafür verantwortlich – und der ließe sich nicht umkehren.

Aber selbst im Handwerk gibt es sie noch, die Überzeugungstäter. Menschen wie Behar Rexhaj, die sich bewusst für eine Lehre entscheiden. Rexaj studiert eigentlich Elektrotechnik, erzählt er, nebenbei will er den Elektriker machen, um Praxiserfahrung zu sammeln.

Donnerstag um 8 Uhr, Neureutherstraße in München: Rexhaj sitzt mit sechs weiteren jungen Männern in einem Stuhlkreis, darunter zwei Flüchtlinge. Alle tragen das gleiche T-Shirt. Aufschrift: „Kuhn Elektro Technik GmbH.“ Ihr neuer Chef, Florian Kuhn, schwört die Runde auf den künftigen Job ein. „Ihr habt eine gute Entscheidung getroffen“, lobt der neue Chef die Runde. Als Elektriker sei es in Einzelfällen sogar möglich, ein sechsstelliges Jahresgehalt zu verdienen.

Jede dritte Lehrstelle in Oberbayern blieb unbesetzt

Später sagt er: „Früher wurde Elektriker, wer den Hauptschulabschluss hatte und in Mathe eine Zwei“ – heute sei das Bewerberspektrum sehr heterogen. Den Grund glaubt er ausgemacht zu haben: Schuld seien die Eltern, die ihre Kinder auf weiterführende Schulen schickten und sie zu Abitur und Studium drängten.

Die Kammern haben inzwischen reagiert, sie sprechen vom „Akademisierungswahn“ und geben viel Geld für Werbekampagnen aus, um Eltern von einem Ausbildungsberuf zu überzeugen. Trotz aller Bemühungen: Nach jüngsten Schätzungen blieb in Oberbayern zum Start des Lehrjahres jede dritte Lehrstelle unbesetzt.

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