Die Industrie in Bayern – hier der Blick auf die BMW-Welt – muss sich neuen Herausforderungen – etwa der Digitalisierung stellen, wenn sie ihre starke Rolle auch in Zukunft behaupten will.

Studie

Bayerns Industrie kann Führungsrolle behalten

München - Bayern und Deutschland können sich als Industriestandorte behaupten. Dazu müssen sich Wirtschaft und Politik auf veränderte Bedingungen einstellen. Das ergab eine Studie der Prognos AG.

Deutschland und besonders Bayern haben auf die Industrie gesetzt, als andere längst das Zeitalter der Dienstleistungen ausriefen. Das blieb nicht ohne Folgen. In Deutschland erwirtschaftet das Verarbeitende Gewerbe 23 Prozent der Bruttowertschöpfung. Dagegen sind es in Frankreich, im Vereinigten Königreich und in den USA nur noch zwischen zehn und zwölf Prozent. „Es zeigt sich, dass Volkswirtschaften wie Deutschland von ihrer starken industriellen Basis profitieren“, besagt eine Studie der Prognos AG, die von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) in Auftrag gegeben wurde.

Doch lassen sich Erfolge der Vergangenheit auch in eine Zukunft fortschreiben, die aller Voraussicht nach durch eine stürmische Entwicklung hin zu Digitalisierung und Kommunikation geprägt ist? Die Studie zeichnet ein vorsichtig optimistisches Bild: „Die deutsche Industrie hat gute Chancen, um in einem zunehmend wettbewerbsintensiven Umfeld zu bestehen und eine Führungsrolle einzunehmen“, so ein Fazit der Forscher. Allerdings ist das an eine Bedingung geknüpft: Wirtschaft und Politik müssen auf „Entwicklungen in den Bereichen Globalisierung, Digitalisierung oder Demografie“ reagieren.

Die Studie geht davon aus, dass künftig nicht mehr ein physisches Produkt – etwa ein Auto – sondern eine datengetriebene Dienstleistung den Kern der Wertschöpfung darstellt. Also im konkreten Fall, wie man möglichst schnell, bequem und zuverlässig von A nach B kommt. Car Sharing etwa weist in diese Richtung.

Und mit den Dienstleistungen stehen sich bislang getrennte Wirtschaftszweige gegenüber. Die Studie nennt die drei US-Giganten Apple, Google und Amazon als Beispiel. Von den hat nur Apple seine Wurzeln in der Fertigung. Amazon ist Versandhändler, Google Internet-Dienstleister. Und doch stehen alle drei als Anbieter von Smartphones und Tablet PCs im Wettbewerb. Die Geräte aller drei dienen vor allem als Zugangsschlüssel zur eigentlichen Dienstleistung – vor allem Medienangeboten. Zumindest von Apple und Google ist bekannt, dass sie auch selbstfahrende Autos entwickeln – und damit langfristig auch die wichtigste Branche in Bayern, den Fahrzeugbau herausfordern werden. „Schaffen es die etablierten Kraftwagenbauer, in der umfassenderen Mobilitätsbranche eine zentrale Position im Wertschöpfungsprozess zu erlangen, können sie vom künftig erwarteten Wachstum stark profitieren“ , so die Forscher. Das gelte auch für andere Industriebranchen.

Es werden neue Querschnittsbranchen entstehen: Mobilität, Gesundheit, Nahrung und Kleidung, Wohnen und Leben oder auch Sicherheit. Die klassischen Industrien, so die Prognose, werden darin aufgehen, „aber oft auch den produktiven Kern der Querschnittsbranchen bilden“. Aus der traditionellen Leitfrage der Industrie, „Was wird produziert?“ werde die neue Leitfrage, „Wofür wird etwas produziert?“

Die Wertschöpfung in der Industrie wird bis 2030 unter dem Strich weiter zunehmen, wenn auch weniger stürmisch als zwischen 2000 und 2015. Allerdings wird die entsprechende Beschäftigung durch gesteigerte Produktivität spürbar zurückgehen.

Ob die erwartete Entwicklung tatsächlich eintrifft, hängt auch an den Rahmenbedingungen. Würden etwa die Arbeitskosten um jährlich einen Prozentpunkt stärker steigen, als in der Studie angenommen, würde das bis 2030 allein in der Industrie zusätzliche 120 000 Arbeitsplätze kosten.

Negative Auswirkungen brächten demnach auch erschwerte Investitionsbedingungen – etwa durch Korruption oder Bürokratie, durch eine im internationalen Vergleich höhere Steuerlast, oder auch Handelshemmnisse – zum Beispiel, wenn Freihandelsabkommen aufgegeben würden.

All die genannten negativen Faktoren zusammengenommen ließen das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland um 125 Milliarden Euro oder 3,6 Prozent niedriger ausfallen. Der Verlust an Arbeitskräften beträgt demnach 300 000 oder 0,7 Prozent.

Gerüstet mit diesen Daten geht vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt in die Auseinandersetzung mit Politik und Gewerkschaften, die gemeinsam mit Wirtschaftsverbänden die laufende Woche zur „Woche der Industrie“ erklärt haben. „Wir brauchen eine wirtschaftsfreundliche Politik“, so Brossardts Botschaft. „Das ist ein Zukunftsschlüssel für unseren Industriestandort.“

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