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Cheflobbyist Erwin Knapek vor einem 60 Meter hohen Bohrturm in Holzkirchen.

Termin mit dem Cheflobbyisten

Der Strippenzieher hinter dem Geothermie-Boom

Holzkirchen - Seit Jahren entstehen in Oberbayern geothermische Großanlagen. Chef-lobbyist der Branche ist ein früherer SPD-Politiker: Erwin Knapek war einst Bürgermeister in Unterhaching, jetzt zieht er im Hintergrund die Strippen – und befeuert den Erdwärmeboom.

Für Erwin Knapek hat die Zukunft vor 150 Millionen Jahren begonnen: Damals lag das heutige Oberbayern tief unter der Meeresoberfläche, dicke Muschel- und Korallenpakete lagerten sich am Meeresboden ab. Die Kalkschicht liegt inzwischen viele Kilometer unter der südbayerischen Erde, Geologen sprechen vom „Süddeutschen Molassebecken“. Nach Jahrmillionen hat sich der Kalk wie ein Schwamm mit Wasser voll gesaugt. Nahe der Donau ist Wasser versickert, langsam Richtung Süden gekrochen und hat nach mehreren 10.000 Jahren die unterirdischen Tiefen zwischen München und Miesbach erreicht – ein Schatz, den Knapek heben will.

Unter den Gesteinsschichten im Voralpenland ist eine Art gigantischer Schnellkochtopf entstanden, das Wasser heizt sich dort auf Temperaturen von weit über 100 Grad Celsius auf – Thermalwasser, mit dem Knapek hunderttausende von Haushalte mit Wärme und Strom versorgen will. Das Potenzial sei enorm, schwärmt der Physiker. Die Zahl der Geothermie-Anlagen in der Region ließe sich in den kommenden Jahren vervierfachen.

Hunderttausende Haushalte ohne CO2-Ausstoß versorgen

Damit würden die Kraftwerke zusammen rund 500 Megawatt elektrische Leistung produzieren – das entspricht rund einem Drittel der Leistung des Atomreaktors Isar II. Und da sich mit der Erdwärme nicht nur Strom, sondern auch Fernwärme erzeugen lässt, könnten mit der Energie aus dem Untergrund die Heizungen hunderttausender weiterer Haushalte ohne den Ausstoß von CO2 betrieben werden. Das zumindest ist Knapeks Vision.

Knapek ist in Deutschland so etwas wie der Chef-Lobbyist in Sachen Erdwärme. Als Präsident des Bundesverbandes Geothermie versucht er Landräte und Bürgermeister von der Erdwärmenutzung zu überzeugen, er wirbt bei Investoren um Kapital und versucht staatliche Fördertöpfe anzuzapfen. Bereits die Bohrung in den Kalk verschlingt rund zehn Millionen Euro.

Der Erdwärme-Pionier ist umstritten

In der Branche gilt der frühere Siemens-Entwickler als Pionier in Sachen Geothermie – im Landkreis München ist er indes bis heute umstritten. Knapek war für die SPD jahrelang Bürgermeister in Unterhaching und hat 2009 mit dem Geld der Kommune eine der damals größten geothermischen Anlagen Deutschlands bauen lassen. 30,4 Megawatt thermische Leistung bringt das Kraftwerk heute. Zwar gab es damals bereits in Riem und Unterschleißheim kleinere Anlagen, aber Knapeks Kraftwerk übertraf alles bisher dagewesene: Nicht nur Fernwärme für die Haushalte sollte das Kraftwerk liefern, das siedende Wasser sollte gleichzeitig zur Stromgewinnung eingesetzt werden.

In Oberbayern will Knapek die Zahl der Anlagen vervierfachen

Knapek badet 2004 neben der Bohrstelle in Unterhaching.

Berühmt wurde Knapek durch ein Foto, das ihn 2004 neben der Bohrstelle zeigt: In Badehose sitzt er in einer Thermalwasser-Pfütze und feiert mit einem Glas Sekt in der Hand die Energiewende – von Lokalpolitikern in Unterhaching wird sein Projekt aber bis heute als „Millionengrab“ bezeichnet.

Knapeks Anlage in Unterhaching zeigte, welches finanzielle Risiko in den Anlagen schlummert: Die Pumpen gaben recht schnell den Geist auf, außerdem verkalkten sie schneller als gedacht. Dann implodierte auch noch ein Ammoniak-Tank, weil bei Wartungsarbeiten ein Ventil falsch bedient wurde.

Darauf angesprochen, schüttelt Knapek den Kopf: Man müsse langfristig denken, sagt er. Langfristig würde sich die Anlage finanziell rechnen, Anfangsprobleme seien normal. Die Kommunen in Oberbayern müssten jetzt kräftig in die CO2-freie Technik investieren, sonst ließe sich das beschlossene Zwei-Grad-Ziel des Pariser Klimagipfels nicht erreichen.

Und immer mehr Kommunen scheinen Knapeks Idee zu folgen – trotz Risiken. Derzeit beobachtet Knapek im Landkreis Miesbach, wie der Geothermie-Boom Richtung Süden vorrückt. Mit Holzkirchen hat sich wieder eine Kommune dazu entschieden, das Risiko einer Bohrung einzugehen. Eine Spezialfirma aus dem Ölgeschäft hat im Winter einen 60 Meter hohen Bohrturm errichtet und damit begonnen, zwei baumstammdicke Löcher in die Erdkruste zu treiben.

In Holzkirchen stößt der Bohrer auf eine explosive Gasblase

Die Bohrung in Holzkirchen verläuft aber nicht völlig reibungslos: Ende März ist der Bohrkopf fast im Kalkstein, als vier Kilometer unter der Erde das passiert, was nicht passieren sollte: Die Warnlämpchen schlagen Alarm, die Sensoren am Bohrturm haben Erdgas registriert, offenbar hat der Bohrer eine Gasblase geknackt, das explosive Gemisch droht unkontrolliert an die Oberfläche zu strömen.

Geistesgegenwärtig stoppt ein Arbeiter die Bohrung, schließt das Sicherheitsventil und verhindert so Schlimmeres. Eine Verschnaufpause, um nun das zu tun, was in solchen Situationen vorgesehen ist: Das Gas ableiten und an einer sogenannten Bohrfackel verbrennen. Noch Wochen nach dem Zwischenfall ist am Bohrplatz das Feuer zu sehen. Geschätzter Schaden: rund drei Millionen Euro – zahlen soll die Versicherung. 400 Meter des Bohrlochs müssen wieder mit Zement befüllt werden, erst dann kann der Bohrer irgendwo unter Holzkirchen eine Abzweigung ins Gestein graben und die entzündliche Gasblase weiträumig umfahren.

Im Mai meldete die Bohrfirma dann doch noch den ersehnten Erfolg: In über fünf Kilometern Tiefe brodelt Thermalwasser, 140 Grad heiß – Knapek ist seiner Vision wieder ein Stück nähergerkommen. Momentan bohren die Arbeiter ein zweites Loch, verlegen Metallrohre. Bald soll das heiße Wasser in einer Leitung nach oben schießen, über Wärmetauscher einen zweiten Wasserkreislauf erhitzen und über ein Rohrgeflecht direkt in die Heizungskeller der Holzkirchner Einwohner fließen. Und das Thermalwasser? In den Wärmetauschern kühlt es sich ab, über das zweite Bohrloch wird es in den Millionen Jahre alten Kalk zurückgepresst. Läuft alles nach Plan, wäre es Holzkirchen gelungen, das wertvolle Thermalwasser anzuzapfen.

Es besteht ein Erdbeben-Risiko

Anderen Städten ist dieser Erfolg nicht vergönnt: Im schweizerischen St. Gallen war der Bohrkopf 2013 in noch größerer Tiefe auf Gas gestoßen – als man den Gasausbruch stoppen will und das Bohrloch mit Wasser füllt, löst die Rettungsaktion nebenbei ein Erdbeben der Stärke 3,6 aus. Inzwischen haben die Behörden das Projekt gestoppt.

Auch wenn Knapek betont, dass das Erdbebenrisiko in Oberbayern in Folge von Bohrungen gering sei: Dass selbst Risikoprofis wie die Münchener Rück eine Bohrung nur ungern absichern, zeigt, welche finanziellen Risiken bei der Schatzsuche lauern. Den Kommunen und beteiligten Firmen bleibt nur eines: Mit teurer Technik das Risiko minimieren. Zum Einsatz kommen sogenannte Vibro-Trucks. Fahrzeuge, die aussehen wie Kriegsgerät der Bundeswehr, aber weiß lackiert sind. Sie rütteln den Boden durch, messen die Reflexion der Wellen und erstellen geologische Karten vom Tiefengestein.

So geht es weiter in der Region

Im Winter waren die Rüttellaster in München unterwegs, der Goldrausch ist im Zentrum der Landeshauptstadt angekommen. Die Stadtwerke betreiben bereits Anlagen in Riem und Sauerlach, bald soll Freiham in Betrieb gehen – und in einigen Jahrzehnten könnte die Millionenstadt komplett mit Erdwärme beheizt werden. Und Knapek? Der Strippenzieher macht Tempo in München, trifft sich mit Stadträten und wirbt für eine schnelle Umsetzung. Geht es nach ihm, hat die Stadt 2030 ein Fernwärmenetz – das Heizen mit Gas oder Öl wäre Vergangenheit.

Holzkirchen soll 2017 ans Netz gehen, im Voralpenland sind derzeit 14 weitere Anlagen geplant. Werden sie realisiert, käme das einer Verdopplung der oberbayerischen Anlagen gleich. Von Knapeks angepeilter Vervierfachung ist das noch weit entfernt. Aber seiner Vision, den Millionen Jahre alten Kalk im großen Stil als Energiequelle zu nutzen, wäre er wieder ein Stück näher gekommen.

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