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Neue Technik musste immer auch gebändigt werden. Die historische Aufnahme, die 1916 nach der Explosion eines Wasserrohrkessels in Nürnberg entstand, zeigt, welche gewaltigen Schäden durch Mängel entstanden.

Zerstörerische Technik 

150 Jahre TÜV: Warum alles mit heißem Dampf begann

München - Schwere Unfälle in Fabriken erschütterten das Vertrauen der Menschen in die Technik. Deshalb gründeten Unternehmer vor 150 Jahren einen Verein, der zur globalen Sicherheits-Marke wurde: den TÜV.

Das Fahrrad beim TÜV: Hier ein Prüfstand im Jahr 1989 beim TÜV Product Service in der Münchner Ridlerstraße.

Zischen, Poltern und Stampfen wurden zu den Geräuschen der Moderne – hervorgerufen durch riesige Maschinen, die im 19. Jahrhundert Fabriken auch unabhängig von Flussläufen mit Energie versorgten. In riesigen Kesseln erzeugter Dampf war der Motor der Industrialisierung. Doch er war mit dem damaligen Wissen kaum beherrschbar. Immer wieder zerbarsten Kessel oder Leitungen. Die unbändige Kraft, die dabei freigesetzt wurde, brachte Gebäude zum Einsturz. Menschen wurden unter Trümmern begraben oder durch heißen Dampf getötet. Viele erlitten bleibende Verletzungen oder wurden für ihr weiteres Leben entstellt. Kein Staat kümmerte sich um solche Unglücksfälle. Es waren 22 badische Unternehmer, die sich am Dreikönigstag vor 150 Jahren 1866 in Mannheim zusammenschlossen, um die „Gesellschaft zur Überwachung und Versicherung von Dampfkesseln“ zu gründen. Das Datum gilt als Geburtsstunde der Technischen Überwachungsvereine in Deutschland.

Immer mehr regionale Initiativen bildeten sich und schlossen sich später zusammen. Aus den Anfängen in Mannheim wurde der TÜV Süd, ein global tätiger Prüfkonzern mit Sitz im Münchner Westend. „Es ging darum, den Menschen die Angst vor der Technik zu nehmen“, beschreibt rückblickend dessen Chef Axel Stepken das Motiv, das bis heute gilt.

Fast vier Jahre dauerte es, bis die Idee in München Fuß fasste. Der Kupferfabrikant Abraham Lismann regte am Nikolaustag 1869 beim Politechnischen Verein eine entsprechende Organisation „für das diesrheinische Bayern“ an. Unter den Zuhörern waren der Konstrukteur Carl von Linde und der Brauereibesitzer Gabriel Sedlmayr. Am 23. April 1870 wurde in München der „Bayerische Dampfkessel-Revisionsverein“ gegründet. Vorsitzender wurde der Lokomotivfabrikant Georg Krauss.

TÜV historisch: Fünf Jahre lang kein Kessel explodiert

Ein beeindruckender Erfolg: Seit fünf Jahren sei keiner der vom Verein überwachten mehr als 1000 Dampfkessel explodiert, berichtete Walther Gyssling, der Chefingenieur des Vereins, im Jahr 1877. Dabei begann die technische Überwachung bei Null. Erste Inspektionen hatten lebensgefährliche Sicherheitsmängel bei Kesseln und ein erschütterndes Unwissen von Betreibern und Maschinisten zutage gefördert. Es dauerte bis in die 1880er Jahre, bis die neuen Erfahrungen in Normen gefasst wurden, die präventiv bereits beim Bau von Dampfkesseln ansetzten.

Auch wenn Dampfmaschinen alten Stils aus Fabriken verschwunden sind, gehört die Überprüfung von Kesseln, beispielsweise in Kraftwerken nach wie vor zu den Kernkompetenzen des TÜV. Die Marke allerdings ist den meisten Menschen durch die alle zwei Jahre fällige Hauptuntersuchung ihrer Autos gegenwärtig. Auch sie hat ihre Wurzeln in Mannheim: 1906 wurden bei Benz & Co. die ersten zwölf Kessel-Ingenieure zu Kfz-Sachverständigen ausgebildet.

Crashtest unter freiem Himmel: Der TÜV testet auch beim Flugplatz Jesenwang (Kreis Fürstenfeldbruck).

Die Hauptuntersuchung war lange ein Monopol. Heute teilt sich der TÜV dieses Geschäftsfeld auch mit anderen Prüforganisationen. Und selbst dafür ist die Zulassung in Gefahr. Weil neue Eichvorschriften bei Messgeräten nicht umgesetzt wurden, hat die Deutsche Akkreditierungsstelle die Akkreditierung und damit eine Rechtsgrundlage für die Hauptuntersuchung von TÜV & Co. entzogen. Allerdings ist dies noch nicht rechtskräftig. Experten rechnen einhellig mit einer Einigung. Autos müssen wohl auch künftig „zum TÜV“.

Es gibt auch jenseits des Straßenverkehrs nur wenige Alltagsgegenstände, die nichts mit dem Unternehmen zu tun haben. Aufzugsanlagen präsentieren das achteckige TÜV-Symbol. Skibindungen werden geprüft und zertifiziert und selbst bei Fahrgeschäften auf Volksfesten oder Turngeräten auf Spielplätzen sieht der TÜV nach dem Rechten. International hat der TÜV Süd seine Aktivitäten durch Zukäufe ausgeweitet und damit in den letzten Jahren ein rasantes Wachstumstempo vorgelegt: Allein 2015 kletterte der Umsatz um 6,5 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro. Die Mitarbeiterzahl stieg um rund 1000 auf über 22 600. Die meisten davon arbeiten außerhalb Deutschlands.

TÜV Süd: IT-Sicherheit als Zukunftsaufgabe

Und neue Herausforderungen warten auf das nun 150 Jahre alte Unternehmen. So etwa im Bereich der Elektromobile, in deren Batterien ähnliche Energiemengen gebändigt werden müssen, wie früher in Dampfkesseln.

Der Ingenieur Carl Isambert aus Mannheim war 1868 der erste hauptamtliche Sachverständige eines Technischen Überwachungsvereins in Deutschland. Er deckte schon bei seinen ersten Inspektionen gefährliche Mängel auf und ließ sie beseitigen.

Ganz andere Sicherheitsaufgaben bringt das „Internet der Dinge“ mit sich. Dadurch werden in der Industrie, aber auch im Alltag der Menschen, technische Systeme und Anlagen weltweit vernetzt. Sie bieten so ein weit geöffnetes Einfallstor für Hacker-Attacken – und einen riesigen Bedarf für die Abwehr solcher Angriffe. 2016 investiert der TÜV Süd in zwei digitale Kompetenzzentren – eines davon in München, eines in Singapur. Das 150 Jahre alte Unternehmen will sich mit dem technischen Fortschritt weiterentwickeln. „Unser Haus hat bisher jede Technik-Revolution erfolgreich mitgestaltet“, sagt TÜV-Süd-Chef Axel Stepken. Er lässt keinen Zweifel daran zu, dass er das auch in Zukunft so halten will.

Martin Prem

Martin Prem

E-Mail:Martin.Prem@merkur.de

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