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Die Uhren-Branche setzt gegen Smartwatches auf klassische Werte.

Smartwatches zum Trotz

Uhren-Branche setzt auf klassische Werte

Basel - Die Schweizer Uhren-Hersteller experimentieren zwar mit eigenen Smartwatches. Auf der weltgrößten Uhrenmesse Baselworld wird aber deutlich, dass sie ihr Kerngeschäft nach wie vor woanders sehen - bei klassischen Zeitmessern.

„Kann eine vernetzte Uhr für die Ewigkeit sein?“, will der Uhren-Manager Jean-Claude Biver in seiner gewohnt polternden Art wissen. Es ist eine rhetorische Frage. Natürlich nicht, sagt er. Aber die mechanischen Zeitmesser, wie sie etwa die von Biver mitverantwortete Marke Hublot herstellt, sie könnten im Prinzip ewig laufen. Das sei der große Unterschied, betont Biver, der zu den bekanntesten Gesichtern der Schweizer Uhren-Industrie gehört, zum Auftakt des wichtigsten Branchentreffs Baselworld.

Dem Auftrieb der neuen Konkurrenz mit Mini-Computern am Handgelenk begegnen die Schweizer Hersteller mit einem Fokus auf klassische Werte. Ja, vielleicht interessierten sich viele junge Leute für eine Smartwatch, „aber später werden sie eine Schweizer Uhr haben wollen“, zeigt sich der Vorsitzende der Schweizer Baselworld-Aussteller, François Thiébaud, überzeugt. „Eine Schweizer Uhr zu kaufen, ist wie einen Teil des Schweizer Traums zu kaufen.“

Nun ist es so, dass im vergangenen Jahr die Exporte der Schweizer Uhrenindustrie gesunken sind. Die Branche erklärt das aber vor allem mit der Abschwächung im wichtigen Markt China und den Folgen der Terroranschläge von Paris für den Reisemarkt. Die französische Hauptstadt sei nun einmal der Ort, an dem sich viele gut betuchte Gäste eine teure Uhr gönnten.

2015 bis zu 20 Millionen Smartwatches verkauft

Immerhin wurden im vergangenen Jahr aber nach Schätzungen von Marktforschern 18 bis gut 20 Millionen Smartwatches verkauft - mehr als doppelt so viele wie ein Jahr zuvor. In diesem Jahr könnten es nach Prognosen der Analysefirma IDC schon mehr als 34 Millionen werden. Und die Ausfuhren der Schweizer Hersteller sanken 2015 um 1,6 Prozent auf rund 28,1 Millionen Armbanduhren.

Dabei gewann Apple aus dem Stand eine dominierende Position bei den Computer-Uhren. Nach Einschätzung der Marktforscher machte die im April mit leichten Produktions-Engpässen gestartete Apple Watch etwa zwei Drittel der neuen Kategorie aus. Der iPhone-Konzern verkauft damit also etwa halb so viele Armbanduhren wie die ganze Schweizer Branche, und das wohl zu einem ähnlichen Durchschnittspreis über 700 Franken. Und Umfragen machten bei Käufern vermehrtes Interesse an Computer-Uhren aus.

Bei der Marke Tag Heuer versucht Biver seit vergangenem Jahr sein Verständnis einer Symbiose aus Technik und Tradition umzusetzen. Besitzer der Android-Smartwatch „Connected“ können sich nach zwei Jahren das - dann wahrscheinlich veraltete - digitale Innenleben durch ein mechanisches Laufwerk ersetzen lassen, das macht dann bitte noch einmal 1500 Dollar.

Biver nennt das „in den Ewigkeit-Modus“ versetzen. Dabei ist es nicht so, dass er die modernen Trends ausblenden würde. „Bald wird alles vernetzt sein“, sagt er im nächsten Atemzug. „Die Brille, die Schuhe, der Kühlschrank, das Auto, die Uhr.“ Das Smartphone, das könne dann überflüssig werden.

Apple treibt den Markt an

Bei Computer-Uhren hat auch Biver den iPhone-Konzern ganz klar als Markttreiber ausgemacht: „Apple setzt die Trends, Apple macht den Markt, Apple bestimmt die Mode.“ Für seine Branche müsse das aber nicht schlecht sein - denn je mehr Apple verkaufe, desto mehr Leute tragen überhaupt wieder eine Uhr am Handgelenk.

Während die Branche in Basel den Luxus pflegte - die „Stände“ der Hersteller sind eigentlich aufwendig in die Hallen gebaute Boutiquen - sind die Computeruhren im Massenmarkt weiter auf dem Vormarsch. So kündigte die Fossil-Gruppe, aus der Uhren von Marken wie Michael Kors, Diesel oder Skagen kommen, passend zur Baselworld 100 neue vernetzte Produkte von der Smartwatch bis zum Fitness-Tracker an. Darunter sind zwei Modelle von Computer-Uhren mit dem Google-System Android Wear ab 275 Dollar.

Zugleich wächst ein Ökosystem um die Computer am Handgelenk. Der ehemalige Google-Manager Vic Gundotra stellte am Mittwoch spezielle Armbänder vor, die eine Apple Watch zum EKG-Gerät machen sollen. Es werde kein Fitness-Gadget, sondern ein medizinisches Produkt mit offizieller Zulassung sein, betonte Gundotra im Blog „Recode“. Die US-Aufsichtsbehörde FDA habe schon ihre Zustimmung zugesichert.

dpa

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