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Provokante Thesen sind sein Markenzeichen: Ifo-Chef Sinn befürchtet, der Euro könnte zerbrechen.

„Unser Reichtum hängt in der Luft“

München - Europa in der Krise – das Thema bewegt, beunruhigt, beschäftigt Politik, Wissenschaft, Verbraucher. Lösungsansätze liefert Ifo-Chef Hans-Werner Sinn, der die Griechen gerne irischer hätte und den deutschen Export-Überschuss als Luftnummer bezeichnet.

Wenn der Mann mit dem markanten Mormonen-Bart spricht, verdrehen viele die Augen. Noch mehr aber hängen gebannt an seinen Lippen, versuchen den Gedanken des international renommierten Münchner Ökonomen zu folgen. In der gegenwärtigen Staatsschuldenkrise in Europa ist Hans-Werner Sinn ein gefragter Redner, der sich nicht scheut, gegen den Strom zu schwimmen, unbequem zu sein und anzuecken. Rund 600 Zuhörer hat der Chef des Ifo Instituts im Bayerischen Hof, wo er auf Einladung des Wirtschaftsbeirats Bayern teils düstere Zukunfts-Szenarien vorträgt.

Die bisherigen Rettungsbemühungen der Staatengemeinschaft vor allem für Griechenland hält Sinn für grundlegend falsch. „Das ist Konkursverschleppung und führt zu einer Vergrößerung der Problemlage“, sagt der 63-Jährige. „Das Hauptproblem Griechenlands sind nicht die Schulden, sondern die fehlende Wettbewerbsfähigkeit.“ Und die werde mit den immer neuen milliardenschweren Paketen nicht angekurbelt. Zumal fortdauernde Transfers politische Ansteckungseffekte nach sich ziehen würden und auch andere Länder Hilfen wollten.

Ein richtiger Schritt aus dem Elend sei dagegen eine Senkung des relativen Preisniveaus in den Krisenländern. „Doch da passiert nichts“, wettert Sinn, weder in Griechenland noch in Italien, Portugal oder Spanien. Um 30 Prozent müsste Griechenland billiger werden, um voranzukommen und auf türkischem Niveau zu sein. Doch hierfür gebe es keinerlei Anzeichen. „Es kann sein, dass daran der Euro zerbricht“, mahnt Sinn.

Gleichzeitig betont er, dass die Iren gezeigt hätten, wie es funktionieren kann. Zwischen 2006 und 2011 haben sie Sinn zufolge die Preise auf der Grünen Insel um 16 Prozent gesenkt. Der Außenhandel habe daraufhin einen Schub erlebt, und auch die Leistungsbilanz habe sich deutlich verbessert. „Irland ist die große Ausnahme“, lobt Sinn.

Die ist in gewisser Weise auch Deutschland. „Wir sind die Krisengewinner“, sagt Sinn. Deutschland erlebe derzeit einen von der Binnenwirtschaft getragenen Boom, der sich besonders gut anhand der Bautätigkeiten zeige. Anders als in den USA oder in Spanien werde der Bauboom jedoch aus eigenen Mitteln getragen. „Die Anleger trauen sich nicht mehr raus und suchen sichere, langweilige Anlagen“, so Sinn.

Gleichzeitig bewegt sich Deutschland jedoch auf dünnem Eis. „Unser Reichtum hängt in der Luft“, sagt der Finanz-Professor und spricht ein sperriges Thema an: virtuelle Geldströme zwischen den Notenbanken, Target genannt. Hier sackt so manchem Zuhörer schwindelnd-schläfrig der Kopf auf die Brust. Dabei steckt Sinn zufolge gerade hier jede Menge Sprengkraft drin.

Bei der Bundesbank haben sich demnach bis Ende Januar dieses Jahres 498 Milliarden Euro an Forderungen gegenüber der Euro-Zone angehäuft. „Das sind unsere Export-Überschüsse“, sagt Sinn. Dadurch werde Deutschland als Euro-Retter erpressbar, meint er. Schließlich hätten diese Target-Forderungen nur Bestand, solange die Euro-Zone existiert. Bricht sie jedoch auseinander, drohen immense Verluste. „Das ist ein hohes Risiko“, sagt Sinn.

Dabei sind die knapp 500 Milliarden Euro, die hier insgesamt auf dem Spiel stehen würden, noch gar nicht die höchste Zahl, die Sinn an diesem Abend in die Runde wirft. Er rechnet vor, dass die europäischen Haftungssummen derzeit bei 1258 Milliarden Euro liegen. Nach Ausweitung des Rettungsschirmes EFSF wären es 2096 Milliarden Euro. Würden dann die Krisenländer Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien (GIIPS) allesamt pleitegehen, müsste Deutschland mit 676 Milliarden Euro dafür einstehen. Ein empörtes Murmeln geht durch die vollbesetzten Reihen im Festsaal. „Das ist eine Extrem-Rechnung und kein realistisches Szenario“, sagt Sinn. Aber so hoch liege eben der derzeitige Haftungspegel für die Bundesrepublik. Wobei in diesem schlimmsten Fall allein 130 Milliarden Euro nach Athen fließen würden. „Davon könnte man 225 Transrapidstrecken bauen“, sagt der Ifo-Chef schmunzelnd mit Blick auf die erste Reihe, wo Otto Wiesheu saß. Bayerns ehemaliger Wirtschaftsminister musste einst sein Schwebebahn-Projekt aufgeben – die Kosten waren dem Bund zu hoch.

Stefanie Backs

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