Je bunter desto besser: Mit der „Charta der Vielfalt“ verpflichten sich Unternehmen, Vielfalt unter ihren Mitarbeitern zu fördern. 1500 Firmen haben bisher unterzeichnet.

Charta der Vielfalt

Unternehmen sollen bunter werden

München - Migranten, Frauen, homosexuelle und ältere Arbeitnehmer – mit dem Beitritt zur „Charta der Vielfalt“ verpflichten sich Unternehmen zu mehr Toleranz und Offenheit. Klingt gut. Nur was steckt dahinter?

Bei Infineon steht ein „Menü der Vielfalt“ auf der Speisekarte. Ernst & Young berät Mittelständler zum Thema „Vorteil Vielfalt“ und die deutsche Post eröffnet eine Ausstellung mit dem Titel „Gelebte Vielfalt“. Unternehmen in ganz Deutschland haben sich mit Aktionen am ersten deutschen Diversity-Tag beteiligt. Sie alle haben die „Charta der Vielfalt“ unterzeichnet – und sich damit verpflichtet, die Vielfalt (englisch: Diversity) in ihren Unternehmen zu fördern.

Das Thema hat Konjunktur. Daimler, die Deutsche Bank, die BP Europa und die Deutsche Telekom initiierten vor sieben Jahren die „Charta der Vielfalt“. Die Schirmherrschaft übernahm Kanzlerin Angela Merkel. Die Erklärung löste einen regelrechten Ansturm aus. Bis heute haben 1500 Unternehmen und Organisationen mit rund 6,5 Millionen Mitarbeitern die Charta unterzeichnet – Dax-Konzerne, Mittelständler, aber auch Kommunen und Fußballvereine.

Die Mitglieder verpflichten sich, „ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das frei von Vorurteilen ist“. Ziel der Charta: „Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen Wertschätzung erfahren – unabhängig von Geschlecht, Nationalität, ethnischer Herkunft, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter, sexueller Orientierung und Identität.“

Zahlen, was sich seit dem Beitritt zur Charta in den Unternehmen getan hat, gibt es allerdings nicht; auch weil die Erklärung darauf verzichtet, messbare Ziele festzulegen – etwa eine Quote für Frauen in Führungspositionen. „Konkrete Ziele in der Charta zu definieren wäre schwierig, weil die Rahmenbedingungen der Unternehmen sehr unterschiedlich sind“, sagt Kerstin Pramberger, Head of Diversity Deutschland bei der Deutschen Bank und Vorstandsmitglied der Charta der Vielfalt. „Die Charta ist eine Selbstverpflichtung zu Diversity Management. Jedes Mitgliedsunternehmen sollte für sich definieren, welche Initiativen und Maßnahmen im eigenen Unternehmen umsetzbar sind.“ Unter dem Mantel der Charta findet sich dementsprechend ein bunter Strauß an Projekten.

Bei der Deutschen Bank gibt es ein bereichsübergreifenden Diversity-Komitee und verschiedene Mitarbeiternetzwerke – eines für Frauen, eines für homo-, bi- und transsexuelle Mitarbeiter, ein Generationen- sowie ein multikulturelles Netzwerk. Bei BP sind flexible Arbeitszeitmodelle Teil des Diversity Managements – zum Beispiel Job-Sharing. „Davon profitieren sowohl Mütter und Väter, als auch Mitarbeiter, die Partner oder Eltern pflegen, oder aber Mitarbeiter, die sich zum Beispiel berufsbegleitend weiterbilden“, so eine BP-Sprecherin. Infineon hat sich zum Ziel gesetzt, den Frauenanteil im Management zu erhöhen. „Konkret wollen wir den Anteil von Frauen im mittleren und Top-Management – in Deutschland und weltweit – auf 15 Prozent bis Ende 2015 und 20 Prozent bis Ende 2020 steigern“, erklärt Gerlinde Bitto-Khalili, die für das Diversity Management bei Infineon zuständig ist. Der Beitritt zu Charta sei weniger als Antrieb, sondern als Ausdruck für eine Diversity-freundliche Personalpolitik zu verstehen.

Die LBS Bayern ist erst kürzlich der Charta beigetreten. Bei dem Münchner Unternehmen ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein Schwerpunkt der Diversity-Arbeit: Kinderbetreuung in den Sommerferien, die Möglichkeit von Heimarbeit am Buß- und Bettag und ein Eltern-Kind-Büro stehen zur Verfügung, um Engpässe bei der Kinderbetreuung zu überbrücken. „Diversity Management wird in der Personalarbeit immer wichtiger. Es gibt 65 Studien, die einen eindeutigen Trend aufzeigen: Unternehmen, die auf Vielfalt setzen, konnten neue Kundengruppen erobern, die Arbeitsatmosphäre verbessern und Krankheits- und Fehlzeiten reduzieren“, sagt Barbara König, Personalentwicklerin der LBS Bayern.

Die Idee des Diversity Management ist nicht zuletzt, dass soziale Vielfalt dem wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens dient. Vielfalt sei „im globalen Wettbewerb ein Muss“, sagt auch Maria Böhmer (CDU), Integrationsbeauftragte der Bundesregierung. Deutschland brauche angesichts der demographischen Entwicklung gut ausgebildete Fachkräfte. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen hätten bei der Förderung von Vielfalt Nachholbedarf.

Die Charta der Vielfalt ist dabei ein Anfang. Allein vom Beitritt profitieren Migranten, Frauen oder Arbeitnehmer über 50 Jahren allerdings nicht. Es kommt ganz darauf an, was die einzelnen Unternehmen daraus machen.

Manuela Dollinger

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