Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt
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Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt.

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Abgas-Skandal: Verkaufszahlen brechen nicht ein

Wolfsburg - Der VW-Konzern hat mit der Manipulation der Abgastests auch gegen Europarecht verstoßen. Die IG Metall warnt nun davor, dass nach dem Skandal die Belegschaft büßen muss. Alle Entwicklungen im News-Ticker.

+++AKTUALISIEREN+++

  • Der VW-Skandal erhält eine politische Dimension: Mehrere Umweltminister der EU-Mitgliedsstaaten fordern die EU-Kommission zu Aufklärung auf
  • VW hat ein schonungsloses Schuldeingeständnis abgedruckt: "Wir haben das wichtigste Teil unserer Autos kaputt gemacht: Ihr Vertrauen"
  • Der Konzern hat mit der Manipulation auch gegen Europarecht verstoßen.
  • Zum ersten Mal seit Bekanntwerden des Abgas-Skandals sind nun auch Arbeitsplätze in Gefahr.
  • Bislang haben erst sieben Anleger auf Schadenersatz geklagt.

+++ Der Abgas-Skandal bei Volkswagen ist in der ersten Oktoberhälfte laut der Arbeitnehmervertretung noch nicht auf die Verkäufe des Konzerns durchgeschlagen. „Es gibt noch keine Anzeichen dafür“, sagte VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh am Dienstag in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. Das gelte auch explizit mit Blick auf den wichtigen Heimatmarkt Deutschland und Europa. „Und das Gute ist ja auch: Unsere aktuellen EA-288 Euro-6-Diesel, die jetzt beim Händler stehen, sind gar nicht betroffen.“

Osterloh betonte aber, es sei noch viel zu früh für eine Entwarnung. „Es wäre Blödsinn, heute den Leuten zu sagen „Dein Arbeitsplatz ist sicher“, wenn ich das im Moment gar nicht sagen kann. Man muss auf alle Eventualitäten vorbereitet sein.“

+++ Im Volkswagen-Skandal um manipulierte Abgaswerte sind bislang sieben Schadensersatzklagen von Anlegern beim zuständigen Landgericht in Braunschweig eingegangen. Nähere Details zu den Verfahren wollte eine Sprecherin am Dienstag nicht nennen. Volkswagen drohen nach Bekanntwerden der Vorwürfe Mitte September weltweit Verfahren, Strafzahlungen und Schadensersatzforderungen in Milliardenhöhe. Die Aktie von Europas größtem Autobauer hatte in zwei Wochen mehr als 40 Prozent an Wert verloren. Anfang Oktober hatte bereits ein Privatanleger die Rückabwicklung seines Aktienkaufs gefordert. Ihm sei pro Aktie ein Schaden von rund 60 Euro entstanden.

EU-Staaten verlangen Neuberechnung der Einhaltung der Umweltauflagen

+++ In der Affäre um manipulierte Abgaswerte bei VW-Diesel-Fahrzeugen verlangen mehrere EU-Staaten Aufschluss über mögliche Auswirkungen auf die europäischen Umwelt- und Luftreinhaltungsziele. Dies geht aus einem Schreiben Österreichs und Dänemarks hervor, das der Nachrichtenagentur AFP am Montag vorlag. Der Fall könnte demnach "einen direkten Einfluss auf die Gesamtemissionen eines Landes" sowie auf "Anstrengungen aller Mitgliedstaaten" haben, die EU-Vorgaben zu Luftschadstoffen einzuhalten.

In der Abgasaffäre müsse nun auch "die Umweltdimension klar bewertet und hervorgehoben werden", heißt es dem Antrag der beiden Länder für den Rat der EU-Umweltminister am kommenden Montag. Der Vorstoß Österreichs und Dänemarks wird dabei von fünf weiteren Länder unterstützt: Niederlande, Frankreich, Griechenland, Slowenien und Luxemburg.

Die EU-Kommission wird in dem Schriftstück aufgefordert, beim Treffen der Umweltminister "den Umfang der Manipulation von Diesel-Autos klarzustellen" und "ihre Auswirkung auf luftverschmutzende Emissionen und betreffende Bestimmungen zu bewerten". Darüber hinaus verlangen die Staaten eine Information über Möglichkeiten, die Standards für den Stickoxidausstoß bei Diesel-Fahrzeugen "in der betreffenden EU-Gesetzgebung auf das Niveau für Benzin-Fahrzeuge zu verringern".

VW-Zentrale in Frankreich durchsucht

+++ Die VW-Zentrale im nordfranzösischen Villers-Cotterêts sei durchsucht worden, außerdem hätten sich die Ermittler Zugang zu den VW-Büros in Roissy im Norden von Paris verschafft, verlautete am Sonntag aus Justizkreisen, womit ein Bericht der Zeitung "Journal du Dimanche" bestätigt wurde. Die Durchsuchungen fanden demnach bereits am Freitag statt. Es seien Unterlagen und Datenträger beschlagnahmt worden.

+++ Die IG Metall hat die Führung des VW-Konzerns gewarnt, nach dem Abgas-Skandal auf Kosten der Mitarbeiter zu sparen. "Die Belegschaften bei VW und bei den Zulieferern treffen an dem Skandal keine Schuld", sagte der Vize-Chef der Gewerkschaft, Jörg Hofmann, der "Bild am Sonntag". Die Arbeitnehmervertreter würden "alles tun, damit die Belegschaft nicht ausbaden muss, was Manager angerichtet haben". Hofmann sagte, es mache ihn wütend, "das die Beschäftigten jetzt Angst um ihre Zukunft haben müssen".

Skandal wird VW teuer zu stehen kommen

Der Skandal um manipulierte Abgaswerte bei Diesel-Fahrzeugen wird für VW teuer. Neben den Kosten der Rückruf- und Reparaturaktion für die betroffenen Autos drohen dem Unternehmen Geldstrafen, Steuerrückzahlungen und möglicherweise auch Schadenersatzzahlungen. Der Konzern teilte vor wenigen Tagen mit, die Investitionen würden um eine Milliarde Euro pro Jahr gekürzt.

Ob wegen der Vorgänge auch Arbeitsplätze gestrichen werden, ist noch ungewiss. Der neue VW-Vorstandschef Matthias Müller sagte Anfang Oktober auf einer Betriebsversammlung, es werde alles dafür getan, "die Beschäftigung im Unternehmen zu halten".

IG-Metall-Vize Hofmann, der am Dienstag an die Spitze der Gewerkschaft gewählt werden soll, forderte wegen des Skandals "einen Wandel in der Unternehmenskultur. Die Philosophie, dass niedrige Kosten für hohe Renditen alles sind, hat zu strafbarem Fehlverhalten geführt", beklagte er.

VW-Abgas-Skandal: VW hat auch gegen EU-Recht verstoßen

+++ Der VW-Konzern hat mit der Manipulation von Abgastests bei Diesel-Fahrzeugen gegen Europarecht verstoßen. Das teilte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) am Freitag in einem Schreiben an 31 europäische Amtskollegen mit, wie die „Bild am Sonntag“ berichtete. Ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums bestätigte das Schreiben am Samstagabend.

Demnach verwies Dobrindt in dem zweiseitigen Brief auf einen Bescheid des Kraftfahrt-Bundesamts vom Donnerstag. Darin habe die Kontrollbehörde festgestellt, dass es sich bei den von VW in bestimmte Diesel-Fahrzeuge eingebauten Softwareprogrammen um unzulässige Abschalteinrichtungen handle - nach einem Artikel der EU-Verordnung Nr. 715/2007. Die Verordnung regelt unter anderem die Typgenehmigung von Autos hinsichtlich der Emissionen und den Zugang zu Reparatur- und Wartungsinformationen.

Der Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer sagte dazu der Zeitung: „Mit diesem Schreiben muss der VW-Konzern jetzt europaweit mit Schadensersatzforderung und Strafrechtsverfahren rechnen.“

Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) hatte am Donnerstag einen verpflichtenden Rückruf für alle VW-Fahrzeuge mit manipulierter Motor-Software in Deutschland angeordnet. Allein in Deutschland zwingt der mit Abstand größte Rückruf in der VW-Firmengeschichte 2,4 Millionen Autofahrer nächstes Jahr dazu, mit den Dieseln zur Nachbesserung zu fahren. Der Rückruf soll im Januar 2016 starten und dürfte sich bis zum Jahresende hinziehen.

+++ Beschwört der Abgas-Skandal das Ende des Qualitätssiegels "Made in Germany"? Lesen Sie hier den Kommentar zum VW-Skandal vom stellvertretenden Chef-Redakteur des Münchner Merkur, Georg Anastasiadis.

+++ Nach seinem Rücktritt als VW-Chef im Zuge des Abgas-Skandals beendet Martin Winterkorn auch seine Funktion als Vorstandsvorsitzender in der Porsche-Holding PSE. Auf ihn folgt mit Wirkung zum 1. November der neue VW-Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch, wie die PSE als größter Volkswageneigner am Samstag mitteilte.

VW-Abgas-Skandal: Volkswagen schließt sinkende Verkäufe nicht aus

+++ Volkswagen schließt im Strudel der Abgas-Affäre einen Einbruch bei den Verkäufen und damit einhergehende Folgen für Produktion und Jobs nicht aus. „Sollte sich ein vorübergehender Beschäftigungsrückgang ergeben, wird Kurzarbeit wie in der Vergangenheit eine sinnvolle Möglichkeit sein“, sagte ein Konzernsprecher am Samstag der Deutschen Presse-Agentur in Hannover. „Zurzeit ist die Entwicklung der Absatz- und Beschäftigungssituation nicht absehbar.“

Zuvor hatte der Betriebsrat erklärt, das Top-Management um den neuen Volkswagen-Konzernchef Matthias Müller erwäge eine Kappung der Leiharbeit. Der Sprecher betonte: „Der Vorstand unternimmt auch in dieser Krise alles, die Beschäftigung der Volkswagen-Mitarbeiter zu sichern.“

+++ Im Abgas-Skandal bei Volkswagen sind nun erstmals Jobs in Gefahr. Der Vorstand diskutiere über eine Reduzierung der Leiharbeit, teilte der VW-Betriebsrat am Samstag der Deutschen Presse-Agentur in Hannover mit. Ein Sprecher der Arbeitnehmervertretung sagte wörtlich: „Als Betriebsrat werden wir alle Möglichkeiten unterstützen, um die Arbeitsplätze unserer Kolleginnen und Kollegen mit Leiharbeitsverträgen zu sichern. Wir wissen, dass der Vorstand andere Szenarien diskutiert.“

Der Volkswagen-Konzern zählt mittlerweile rund 600.000 Mitarbeiter auf der Welt. Laut den jüngsten Angaben von Ende Juni umfasste die Belegschaft etwa 597.800 Menschen. Das waren noch einmal gut 5000 Menschen oder 1 Prozent mehr als zum Jahreswechsel.

Knapp die Hälfte davon arbeitet im Inland und etwa jede fünfte Stelle (120.000 Menschen) entfällt auf Niedersachsen. Als Deutschlands größter privater Arbeitgeber spielt der Konzern mit seiner Größe auch global in einer besonderen Liga. Weltweit gibt es nur ganz wenige Unternehmen, die noch mehr Menschen Arbeit geben - etwa die US-Handelskette Walmart und der asiatische Elektroriese Foxconn.

VW-Abgas-Skandal: "Wir haben gerade einen großen Fehler gemacht"

Der VW-Abgas-Skandal bereitet Volkswagen einen heißen Herbst.

+++ Mit einem schonungslosen Schuldeingeständnis hat sich der VW-Konzern in der eigenen Mitarbeiterzeitung zu Wort gemeldet und einen enormen Vertrauensverlust eingeräumt. Gleichzeitig verspricht Deutschlands größter Arbeitgeber und Autobauer, mit aller Kraft um die Gunst der Kunden kämpfen zu wollen. Auf einer ganzen Seite stehen über dem blau-weißen VW-Logo folgende Worte:

„Wir haben das wichtigste Teil unserer Autos kaputt gemacht: Ihr Vertrauen. Wir haben gerade einen großen Fehler gemacht. Wir haben Ihr Vertrauen beschädigt. Vertrauen, das wir über 60 Jahre aufgebaut haben. Jedes Mal, wenn Sie eines unserer Fahrzeuge gekauft haben, haben Sie an uns geglaubt. Und trotzdem haben wir Sie nun enttäuscht. Darum werden wir jetzt vor allem eins tun: auf unsere Worte Taten folgen lassen. Denn wir werden eine Lösung für jeden betroffenen Kunden finden. Und wir werden nicht aufhören zu arbeiten, bis wir Ihr Vertrauen wiedererlangt haben.“

+++ Als Reaktion auf den VW-Abgas-Skandal will das Bundesverkehrsministerium einem Bericht zufolge die Zulassungskriterien für neue Pkw verschärfen. Wie das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" am Freitag vorab aus seiner neuen Ausgabe berichtete, lässt Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) prüfen, ob die Autohersteller in Zukunft dazu verpflichtet werden sollen, ihre Motorsoftware offenzulegen.

Nach Auffassung des Ministeriums solle das Erkennen und Verhindern von rechtswidrigen Abschalteinrichtungen für die Abgasreinigung in Zukunft Bestandteil einer "Weiterentwicklung" der europäischen Zulassungsvorschriften sein, schreibt der "Spiegel". Um elektronische Abgastricks in neuen Fahrzeugtypen erkennen zu können, müssten die Prüfer jedoch Zugang zu der Motorsoftware erhalten. Diesen würden die deutschen Autohersteller bisher jedoch systematisch verweigern.

VW-Abgas-Skandal: Größter Skandal der Unternehmensgeschichte

+++ Der Abgas-Skandal schlägt sich noch nicht in Verkaufszahlen von Volkswagen nieder: Im September verkaufte VW in Europa 8,4 Prozent mehr Fahrzeuge als im Vorjahresmonat, wie der Branchenverband Acea am Freitag in Brüssel mitteilte. VW lag damit nur etwas unter dem Durchschnitt der Gesamtbranche, die im selben Zeitraum um 9,8 Prozent wuchs.

+++ Personalwechsel zwischen Daimler und Volkswagen: Christine Hohmann-Dennhardt, derzeit Daimler-Vorstand für Integrität und Recht, wechselt nach Wolfsburg, wie beide Unternehmen am Freitag mitteilten. Dort soll sie die gleiche Funktion im Vorstand übernehmen. Der neue VW-Aufsichtsratsvorsitzende, Hans Dieter Pötsch, bat demnach den Aufsichtsratschef von Daimler, Manfred Bischoff, den Vertrag von Hohmann-Dennhardt vorzeitig aufzulösen. Dieser Bitte kam Daimler nach. Bereits vergangene Woche hatten Medien berichtet, dass VW im Zuge des Skandals um manipulierte Abgaswerte im Vorstand ein Ressort für Integrität und Recht schaffen wolle.

Volkswagen arbeitet derzeit den größten Skandal in seiner Unternehmensgeschichte auf. Der Konzern hatte in den USA zugegeben, Abgaswerte von Dieselfahrzeugen durch eine Software manipuliert zu haben, die bei Tests zu einem niedrigeren Schadstoffausstoß führte als im Normalbetrieb. Weltweit wurde die Software in bis zu elf Millionen Autos eingebaut.

Die Entwicklungen im Abgas-Skandal bei VW der vergangenen Tage können Sie hier nachlesen.

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