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Am Wacker Boulevard in Charleston im US-Bundesstaat Tennessee liegt das neue Werk der Wacker Chemie. Die Straße wurde zu Ehren des Münchner Chemikonzerns, dem größten Arbeitgeber am Ort, umbenannt.

Wacker Chemie

Burghausen – jetzt auch in Amerika

Charleston/Tennessee –Der Münchner Chemiekonzern Wacker hat im US-Bundesstaat Tennessee ein Werk eröffnet, das Hoffnung in die Provinz bringt. Jobs für mehr als 650 Menschen – und es sollen noch viel mehr werden. Denn Wacker plant hier nicht weniger als das amerikanische Burghausen. Ein Besuch.

Vor der Presbyterian Church weht die amerikanische Flagge im Wind. Ein Pick-up parkt vor Fugate’s Guns and Ammo, dem örtlichen Waffenhändler. In den Vorgärten stehen reihenweise Schilder mit Wahlwerbung: „Vote for Trump“. Der 650-Seelen-Ort Charleston im US-Bundesstaat Tennessee ist genau das, was man sich unter einer Kleinstadt in der amerikanischen Provinz vorstellt – zumindest solange, bis man am Wacker-Boulevard abbiegt. Denn hier sieht es irgendwie aus wie im Landkreis Altötting. Hier sieht es aus wie in Burghausen.

Riesige Beton- und Metalltürme erheben sich am Ende der Straße. Der Münchner Chemiekonzern Wacker hat sich hier inmitten von Wald und Wiesen niedergelassen. Vor ziemlich genau fünf Jahren begannen die Bauarbeiten auf dem Gelände, das mit 220 Hektar Fläche mehr als fünfmal so groß ist wie die Münchner Theresienwiese. Rund 2,5 Milliarden US-Dollar (umgerechnet 2,2 Milliarden Euro) hat Wacker in den neuen Standort gesteckt – das größte Investment in der Firmengeschichte. Jetzt wurde die Fabrik, in der Polysilizium für die Solar- und Halbleiterindustrie hergestellt wird, offiziell eröffnet.

Wie wichtig Wacker für die Einheimischen ist, sieht man daran, dass zum „Grand Opening“ jeder gekommen ist, der in der Region Rang und Namen hat. Vom Bürgermeister über den Gouverneur bis zu den Senatoren des Bundesstaats Tennessee. Die Politiker werden nicht müde, den bayerischen Konzern zu loben. „Wir sind sehr dankbar, dass Wacker bei uns investiert hat. Welcome to Tennessee. Dankeschön“, ruft Gouverneur Bill Haslam, bevor er die Bühne verlässt und die Nationalhymne erklingt.

Doch warum zieht es ein bayerisches Unternehmen in die US-Provinz? Vorstandschef Rudolf Staudigl, der zur Eröffnung aus München angereist ist, zählt die Gründe auf. Es sind viele. Zunächst war in Charleston eine entsprechend große Fläche verfügbar – für rund 20 Millionen US-Dollar (knapp 18 Millionen Euro) hat Wacker das Land 2009 gekauft. Für ganze 220 Hektar ist das ein Spottpreis.

Das Gelände in Charleston ist beinah genauso groß wie der Wacker-Standort im oberbayerischen Burghausen, 110 Kilometer östlich von München. Hier schlägt seit über 100 Jahren das Herz des Chemiekonzerns. Im größten Werk des Unternehmens – und gleichzeitig dem größten Chemiestandort Bayerns – sind rund 10 000 der weltweit 17 000 Wacker-Mitarbeiter beschäftigt. In Charleston sind es momentan 600, Ende des Jahres sollen es 650 sein.

Für die Region ist das ein Segen. Die Arbeitslosigkeit im Bradley County, in dem Charleston liegt, hat sich innerhalb der vergangenen Jahre mehr als halbiert. Waren 2009 noch knapp zehn Prozent der Einwohner ohne Job, sind es heute 3,9. Auch Wacker hat dazu beigetragen.

Bereits 2012, kurz nach der Grundsteinlegung, gründeten die Münchner im nahe gelegenen Chattanooga das Wacker Institut. In Zusammenarbeit mit dem Chattanooga State Community College bildet Wacker hier Mitarbeiter für die Polysilizium-Produktion aus. Zwei Jahre dauert das Programm, in dem die Auszubildenden in Testlaboren mit Chemikalien hantieren. 200 Männer und Frauen wurden bisher ausgebildet.

Einer der Absolventen ist Aaron Franckhauser, 36. Er war während seiner Ausbildung auch für sechs Monate zu Gast im bayerischen Burghausen, wo Wacker seit Jahrzehnten Polysilizium produziert. „Das war eine tolle Erfahrung. Ich bin begeistert von Wacker“, sagt Franckhauser, der mittlerweile als Teamleiter im Infrastrukturbereich am Standort Charleston arbeitet. Wie alle Mitarbeiter hier kommt Franckhauser aus der näheren Umgebung. Er lebt im zwölf Meilen entfernten Cleveland, Tennessee – mit gut 40 000 Einwohnern die größte Stadt im Bradley County.

Wacker zählt bereits jetzt zu den größten Arbeitgeber in der Region. Doch auch andere ausländische Unternehmen zog es in den vergangenen Jahren nach Tennessee. Volkswagen baut zum Beispiel seit 2011 im benachbarten County den VW-Passat für die US-Kundschaft. Um Firmen anzulocken, bieten Bundesstaat und Kommunen den Unternehmen unter anderem Steuervergünstigungen und andere finanzielle Anreize – auch für Wacker war das ein Grund, sich hier niederzulassen. Das Willkommenspaket für die Münchner dürfte sich laut Schätzungen auf rund 200 Millionen US-Dollar belaufen, heißt es.

Auch die vergleichsweise niedrigen Energiekosten in den USA und die gute Infrastruktur rund um Charleston habe eine Rolle bei der Wahl des Standortes gespielt. Der größte Passagierflughafen der Welt, Atlanta, liegt nur zwei Autostunden entfernt. Außerdem kreuzen sich in der Region zentrale Autobahnen und Güterzuglinien. Darauf ist Wacker angewiesen, um das Rohmaterial für die Fabrik heranzuschaffen und das fertige Polysilizium um die Welt zu schicken.

Wacker stellt seit 1959 hochreines Polysilizium her. Die Münchner sind weltweit der zweitgrößte Hersteller – nach dem chinesischen Unternehmen GCL. Den Bedarf an Rohmaterial deckt Wacker zu einem Drittel selbst – das entsprechende Werk steht in Norwegen. Zwei Drittel wird auf dem Weltmarkt zugekauft.

Das Gelände am Wacker Boulevard ist von Stacheldrahtzaun umgeben. Ein Sicherheitsteam kontrolliert die Zufahrt. Zutritt haben nur Mitarbeiter. Bild- und Videoaufnahmen sind auf dem Gelände verboten. Bei Wacker herrschen strengste Sicherheitsvorkehrungen, damit die Technologie nicht in die falschen Hände fällt. Denn das graue Material sieht zwar unscheinbar aus – hat es aber in sich. Polysilizium ist der wichtigste Rohstoff zur Produktion von Solarzellen. Im Gegensatz zum Rohsilizium ist der Reinheitsgrad höher. Bei der Produktion kommt das sogenannte Siemens-Verfahren zum Einsatz, das vor 50 Jahren erfunden wurde. Dabei werden dünne Siliziumstäbe verwendet, die in einer Atmosphäre aus den beiden Gasen Trichlorsilan und Wasserstoff geheizt werden. Aus dem Trichlorsilan lagert sich dann nach und nach Silizium an den Stäben ab, die auf diese Weise zu dickeren Säulen aus Polysilizium wachsen. Sind sie dick genug, wird der Reaktor abgeschaltet, der Stab abgekühlt und in kleinere Brocken gebrochen.

Am Standort Charleston stellen die Münchner erstmals außerhalb Deutschlands Polysilizium her. Die Produktion wurde im Januar hochgefahren. Ziel ist es, dass bis zum Herbst alle Anlagen auf Hochtouren laufen. 20 000 Tonnen Polysilizium sollen hier dann pro Jahr hergestellt werden. Das entspricht dem Gewicht von 4000 Elefanten.

Doch damit nicht genug. In Planung ist bereits der Ausbau der Anlagen. Langfristig sei Charleston für Wacker die Grundlage für einen voll integrierten Siliziumstandort in den USA, dem zweitgrößten Chemiemarkt der Welt, sagt Staudigl. Vorbild für Charleston ist Burghausen, wo Wacker über die vergangenen Jahrzehnte einen Standort aufgebaut hat, der einer Stadt gleicht.

Platz genug für ein amerikanisches Burghausen haben die Münchner in Tennessee. Das Gelände ist erst zu 40 Prozent erschlossen. Und bereits Ende des Jahres werden am Wacker Boulevard genauso viele Menschen arbeiten wie in Charleston leben.

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