Die Wall Street führt bis Europa

- Paris - Nun ist Frankfurt in Not. Ganz unbescheiden kündigen Euronext und die New Yorker Börse NYSE an, mit ihrem Zusammenschluss "die Weltkarte der Aktien- und Derivatebörsen zu verändern". Die Aussichten dafür stehen nicht schlecht.

Gelingt der transatlantische Zusammenschluss der führenden Wertpapier-Handelsplattformen Amerikas und des Euroraums, so kann das eine unwiderstehliche Sogwirkung auf die anderen Börsen auslösen. Schon steht Mailand bereit, sich dem großen Börsenbund anzuschließen. Madrid könnte folgen. Und Frankfurt? "Die Deutsche Börse könnte zwischen NYSE, Euronext und einem transatlantischen Bund aus Nasdaq und Londoner Börse zerrieben werden", meint ein Pariser Analyst.

Noch ist es nicht so weit: Die Deutsche Börse kann mit einem sehr attraktiven Angebot die Euronext-Aktionäre immer noch überzeugen, lieber an Frankfurt zu verkaufen. Politisch wäre das in Frankreich gar nicht ungern gesehen. So wirbt der Chef des Finanzausschusses des Senats, Jean Arthuis, für eine "europäische Hochzeit, die die Homogenität der Euro-Zone stärken und dem Wirtschaftspatriotismus neuen Elan geben würde". Doch Arthuis nennt auch den Grund dafür, warum sich in Paris alle Haare gegen die Frankfurter sträuben: "Der deutsche Bräutigam erscheint als jemand, der die anderen erstickt. Das stimmt sicherlich auch."

Die Deutsche Börse mit ihrem Drang nach Zentralisierung und ihrem "Silo-Modell", das neben dem Handel auch die nachbörslichen Geschäfte umfasst und so Marktmacht für satte Gewinne schafft, gilt in Paris als Krake mit unstillbarem Machthunger. Die mehrheitliche Übernahme der Euronext durch die NYSE führt dagegen praktisch zum Anschluss der Wall Street an die Euronext-Föderation dezentraler Länderbörsen. Die arbeiten auf einer Plattform, bleiben aber regional nah an ihren Kunden. Zudem ist auch an der Wall Street der Handel von der Abwicklung getrennt.

So erntet Euronext-Chef Jean-Franç¸ois Thé´odore Beifall für die Formulierung, New York sei "die europäischere Lösung". Fast hämisch bietet der Pariser Börsenmanager den Frankfurtern an, dem Verbund beizutreten und so für das "Ideal einer großen paneuropäischen Börse" zu wirken. Denn er nennt eine für die Deutschen unannehmbare Bedingung: Sie müssten sich von ihrem Goldesel Clearstream trennen und als Regionalbörse der Föderation anschließen. Im Verbund hätten sie dann vielleicht zwei von 20 Sitzen - für die selbstbewussten Deutschen undenkbar.

Tatsächlich haben die Amerikaner viele Zugeständnisse gemacht. So wird Thé´odore die internationalen Geschäfte weiter von Paris aus leiten können. London mit der Euronext-LIFFE soll das Weltzentrum für Derivatgeschäfte werden. Das entscheidende Exekutivkomitee wird paritätisch von beiden besetzt. Im Verwaltungsrat hat die NYSE zwar eine Mehrheit, doch strategische Entscheidungen können nur mit Zweidrittel-Mehrheit getroffen werden. Nichts geht gegen Euronext.

Die so mächtige Wall Street braucht Euronext. Trotz großer Anstrengungen hinkt die Traditionsbörse technisch hinterher. Sie wird attackiert von der nach London greifenden Nasdaq und hat das elektronische Geschäft mit Derivaten verschlafen. Außerdem muss sie hilflos zusehen, wie sich ausländische Unternehmen wegen der nach Börsenskandalen verschärften Publikationsregeln von den USA abwenden.

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