Warnt vor der Vergemeinschaftung von Finanzrisiken in Europa: Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Foto: Arne Dedert/Archiv
+
Warnt vor der Vergemeinschaftung von Finanzrisiken in Europa: Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Foto: Arne Dedert/Archiv

Weidmann sieht EU-Transferunion kritisch

Der Bundesbank-Präsident hat Ifo-Präsident Sinn zum Abschied viele Komplimente gemacht. Und die Politik vor teuren Fehlern gewarnt.

München (dpa) - Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hat vor Gefahren der Vergemeinschaftung von Finanzrisiken in Europa gewarnt. Viele Volkswirte sähen eine europäische Transferunion skeptisch:

"Entscheidungen würden vor allem auf nationaler Ebene getroffen, während die Konsequenzen dieser Entscheidungen über die gesamte Eurozone verteilt würde", sagte Weidmann bei einem Festakt zur Pensionierung von Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn in München.

"Ohne eine Übertragung von nationalen Haushaltsrechten auf die europäische Ebene würde ein solcher Aufbau die Anreize für vernünftige und nachhaltige Politikentscheidungen in den Mitgliedsstaaten untergraben", warnte Weidmann mit Blick auf die immer wieder geforderten Eurobonds.

Der Bundesbank-Präsident lobte Sinn als herausragenden Wissenschaftler, der das Ifo-Institut zu einer angesehenen Forschungseinrichtung gemacht und mit seinen Argumenten die politische Debatte über Jahrzehnte mitgeprägt habe. In seinem Buch "Kaltstart" habe er schon 1991 richtig vorausgesagt, dass die Lohnerhöhungen in den neuen Bundesländern zu mehr Arbeitslosigkeit führen werden. Später sei er einer der Wegbereiter von Kanzler Gerhard Schröders Agenda 2010 gewesen. "Und das Rezept hat funktioniert: Die Arbeitslosigkeit sank und die Beschäftigung stieg", sagte Weidmann. Der jetzt eingeführte Mindestlohn und die Rente mit 63 könnten dagegen könnten als Roll-back gesehen werden.

Sinn hat das Münchner Ifo-Institut 17 Jahre lang geleitet und geht nach seinem 68. Geburtstag im März in Pension. Der monatlich veröffentlichte Ifo-Geschäftsklimaindex gilt heute als wichtigster Frühindikator für die deutsche Wirtschaft. Der Professor mit dem markanten Bart gehört zu den bekanntesten und streitbarsten deutschen Ökonomen. Sein Nachfolger als Ifo-Chef wird der Mannheimer Wirtschaftsprofessor und Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Clemens Fuest.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble will auf dem Festakt am Nachmittag über "Europa zwischen Wunsch und Wirklichkeit" sprechen. An der Feier nehmen Dutzende Professoren aus aller Welt teil.

Mehr zum Thema

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Forscher: Beim Brexit verlieren alle, besonders die Briten

Den Warnungen vor hohen Kosten zum Trotz haben die Briten für den EU-Austritt ihres Landes gestimmt. Ökonomen wiederholen nun ihre düsteren Prognosen: Die …
Forscher: Beim Brexit verlieren alle, besonders die Briten

Interview zum Brexit: Anleger sollten jetzt Ruhe bewahren

München - Es ist nur logisch, dass Anleger nach dem Brexit verunsichert sind. Wir fragen die unabhängige Finanzberaterin Stefanie Kühn im Interview, wie sich …
Interview zum Brexit: Anleger sollten jetzt Ruhe bewahren

Brexit könnte den Briten 300 Milliarden Euro kosten

Gütersloh - Der EU-Austritt wird die Wirtschaft der Briten schmerzhaft treffen, glauben Experten. Aber auch Deutschland muss mit hohen Verlusten rechnen.
Brexit könnte den Briten 300 Milliarden Euro kosten

Rekordtief beim Milchpreis: Bauern fordern Nothilfe

Berlin - Ein Liter Milch für unter 20 Cent: Solche Tiefstpreise lassen deutsche Milchbauern um ihre Existenz bangen. Sie fordern schnelle Nothilfe.
Rekordtief beim Milchpreis: Bauern fordern Nothilfe

Kommentare