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Auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung ILA nähern sich Grüne und Airbus an.

Auf der ILA

Zaghafte Annäherung: Airbus und die Grünen

Berlin - Die Umweltbewegung und die Luftfahrtindustrie – das waren bisher zwei Welten ohne Berührungspunkte. Doch jetzt spricht man miteinander und findet sogar lobende Worte.

Noch vor wenigen Jahren wäre ein solches öffentliches Zusammentreffen undenkbar gewesen: Tom Enders, Boss des größten europäischen Luftfahrtkonzerns Airbus, und Ralf Fücks, Vorsitzender der Heinrich-Böll-Stiftung (die den Grünen nahesteht) tauschen sich vor Publikum ausgesprochen freundlich zum Themenbereich Fliegerei und Umwelt aus. Das einst Unvorstellbare ist tatsächlich geschehen – auf der Luft- und Raumfahrtausstellung ILA in Berlin.

Die Positionen, das wird Beobachtern schnell deutlich, sind abgesteckt, denn das Treffen auf der Internationalen Luftfahrtausstellung war zwar das erste in der Öffentlichkeit. Aber hinter verschlossener Tür spricht man bereits seit zwei Jahren im kleinen Kreis immer wieder miteinander. Spitzenpolitiker der Ökopartei und die Vordenker des Technologiekonzers im engen Dialog.

Fliegerei muss klimaneutral werden

Ein wenig verblüfft die Veranstaltung im Pressezentrum der Messe am Berliner Flughafen Schönefeld schon: Keine Vorwürfe, keine Vorhaltungen und in vielen Punkten sind sich Fücks und Enders sogar überraschend einig. Dass die Fliegerei langfristig klimaneutral werden muss – kein Dissens. Dass Flugzeuge leiser geworden sind, aber noch leiser werden müssen – Einigkeit. Noch erstaunlicher: Wo Differenzen deutlich werden, scheinen die Gräben nicht mehr unüberbrückbar. Das Gespräch bleibt sachlich. Soll der Luftverkehr 2050 komplett klimaneutral sein? Das meint der grüne Vordenker. Oder sind 75 Prozent CO2-Einsparung nicht schon ehrgeizig genug? So sieht es der Airbus-Chef.

Selbst mit der Ausweitung des CO2-Handels auf den Luftverkehr, wie Fücks sie fordert, könnte sich Enders abfinden – wenn er weltweit vereinbart würde und nicht allein europäische Fluggesellschaften die Lasten zu tragen hätten – was Fücks in Kauf nähme.

Auch die Grünen sind Vielflieger, "aber mit schlechtem Gewissen"

Die grüne Forderung, dass Kurzstreckenreisen vom Flugzeug auf die Bahn verlagert werden sollen, kontert Enders mit dem Argument, niemand sonst fliege so viel wie die Klientel der Ökopartei. Dem musste Fücks, der selber als Vielflieger gilt, zähneknirschend zustimmen. „Man fliegt – ja“, sagt er „aber mit schlechtem Gewissen“.

Ein bisschen ist die Annäherung durchaus wohl auch ein Signal von Airbus an andere Parteien: Wir können auch mit denen. Denn mit Schwarz-Rot tut sich Enders, der selbst einmal CSU-Mitglied war, manchmal schwer. Zum Beispiel bei der steuerlichen Entlastung von Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen. Diese hat die große Koalition den Unternehmen versprochen, bisher aber nichts in diese Richtung unternommen.

Grüne in Regierungsverantwortung

Dazu kommt: Die schwindende Zustimmung zu den Volksparteien Union und SPD bringt in immer mehr deutschen Ländern Grüne in die Regierungsverantwortung. Da kommt man an Gesprächen kaum vorbei.

Mehr Schwierigkeiten in den eigenen Reihen als Enders, hat wohl Fücks. Die Gespräche „passen für manche nichts ins Weltbild“, räumt er ein. Da hat es wohl bereits nach der Ankündigung des Dialogs intern mächtig Zoff gegeben.

„Das ist keine Harmonieveranstaltung“, sagt Fücks, „aber nützlich und notwendig“. Er betont dabei aber, dass die militärische Seite nicht Gegenstand der Gespräche war. Da dürfte der Ton spürbar rauer werden. Enders bezeichnete den Dialog von Airbus mit den Grünen als „überfällig“. Er sei „angetan von der konstruktiven und kritischen Diskussion.“

Kerosin als Kostenfaktor Nummer eins

Umgekehrt hat Enders inzwischen auch einiges vorzuweisen, was die früheren tiefen Gräben zwischen Umweltbewegung und Luftfahrtindustrie füllen könnte. Er kann damit punkten: Sparsamere und leisere Flugzeuge zum Beispiel. Das ist allerdings keine ökologische Wende, sondern schlicht ökonomischer Sachzwang: „Kerosin ist Kostenfaktor Nummer eins“, sagt Airbus-Chef Enders. Das zwinge die Industrie dazu, Flugzeuge so effizient wie möglich zu machen.

Zudem gibt es die Anstrengungen des Konzerns etwa zur Erforschung von Biosprit aus Algen, bei dem der Konflikt Tank oder Teller vermieden wird. Airbus und Siemens investieren außerdem als Partner jeweils einen dreistelligen Millionenbeitrag in die Entwicklung von batterie- oder hybridelektrischen Flugzeugen. Ein zweisitziger elektrischer Trainer, der E-Fan ohne Tank, könnte schon in zwei Jahren fliegen und an vielen kleinen Flugplätzen die Auseinandersetzung um den Fluglärm massiv entschärfen. Und Fluglärm ist einer der Haupt-Konfliktpunkte zwischen Luftfahrt- und Ökobewegung.

Ökologische Ansätze an allen Ecken

Wer sich auf der Berliner Luftfahrtschau umsieht, stolpert an allen Ecken über ökologische Ansätze. Etwa das fliegbare Modell eines superleichten und damit sparsamen Flugzeugs, dessen Struktur komplett aus einem 3-D-Drucker kommt. Die vielen Entwicklungsansätze, die nun deutlicher zutage treten haben auch mit der Neuausrichtung der ILA zu tun. Die hat es aufgegeben, den großen europäischen Leistungsschauen der Branche in Le Bourget (Frankreich) und Farnborough (England) nachzueifern, die in ihrer Größe und wirtschaftlichen Bedeutung uneinholbar vorn liegen.

Nun konzentriert man sich auf die Präsentation von Zukunftstechnologien für die Luftfahrt und vor allem auch auf die Raumfahrt – bei der deutsche Unternehmen international eine zunehmend wichtige Rolle einnehmen.

ILA bleibt erlebbar

Und doch bleibt das Alte auf der ILA erlebbar. Gerade hat im Rahmen der Flugvorführungen ein neuer Airbus A 350 XWB fast unhörbar auf der Landebahn aufgesetzt, da startet eine MIG 29 der polnischen Streikräfte zu ihren Kapriolen steil nach oben in die Wolken. Für fast zehn Minuten macht der Lärmteppich des russischen Kampfflugzeugs jeden Dialog und jedes Gespräch unmöglich.

Doch scheint mit jedem Kilometer, den man sich von der Erde entfernt, auch in der Branche das Gespür für die Umweltgefahren zu wachsen. Jan Wörner, der Chef der Europäischen Weltraumagentur ESA, macht in einem Vergleich die Verletzbarkeit der Erde, so wie sie Raumfahrer sehen, deutlich. Wäre die Erde groß wie ein Fußball, hätte die Atmosphäre im gleichen Maßstab gerade die Dicke eines Haares. So gesehen ist es nur eine hauchdünne Schicht, die Leben auf der Erde ermöglicht.

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