Wunderwaffe und Hassobjekt

60 Jahre „Blitzer“: Ein Blick ins Münchner Polizei-Archiv

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München - Der 21. Januar 1957 gilt als Geburtsstunde der Radarkontrolle in Deutschland. An diesem Tag startete das nordrhein-westfälische Innenministerium den ersten Versuch einer Geschwindigkeitsmessung in Düsseldorf. Anlässlich des 60. Geburtstages der Blitzer hat Sascha Benz von der Münchner Polizei in die Archivkiste gegriffen.

Am Anfang, Ende der 50er-Jahre, ist die Polizei den Temposündern einfach hinterhergefahren. Die Beamten hielten die Autofahrer an, erklärten ihnen, dass sie gerade zu schnell waren, und kassierten Bußgeld. „Das ist heute nicht mehr vorstellbar“, sagt Polizeihauptmeister Sascha Benz von der Verkehrspolizeiinspektion Verkehrsüberwachung (VPI VÜ). In den Anfangszeiten waren an den grünen BMW-Limousinen, den „Barockengeln“, zwei Kameras angebracht. „Die eine nahm den eigenen Tacho auf, die andere das Auto, das vorbeifuhr“, erklärt der 45-Jährige. War ein Autofahrer zu schnell, gab auch der Barockengel Gas. Wie viel ein Autofahrer in den ersten Jahren berappen musste, kann Benz nicht sagen. Auch die Zahl der Geblitzten ist nicht überliefert.

Vor 1957 durfte jeder so schnell fahren wie er wollte

Die erste „Radarfalle“, die an den Straßenrändern stand, war so groß und von Weitem sichtbar, dass sie nun wirklich nicht viel mit einer „Falle“ zu tun hatte. „Die Blitzer sind am Anfang ganz offen rumgestanden, weil ja sowieso kein Mensch wusste, was das ist“, erklärt Benz. Erst, wenn der Autofahrer angehalten wurde oder Post bekam, wurde ihm klar, dass zu schnelles Fahren jetzt was kostet. Wo in der Landeshauptstadt die ersten Blitzer standen, ist Benz nicht bekannt. „Mit Sicherheit dort, wo es am häufigsten gekracht hat, vorstellbar sind große Straßen wie die Ludwig- und Leopoldstraße.“ Erst ab 1. September 1957 gab es innerorts die Geschwindigkeitsbeschränkung auf 50 Kilometer pro Stunde. „Vorher durfte jeder fahren, so schnell er wollte oder eben konnte“, berichtet der Polizeihauptmeister.

Etwa 20 000 Mark kostete das erste Radarkontrollgerät – eine Menge Geld. Einen Käfer hat man zum Vergleich in den 50er-Jahren für etwa 3900 Mark bekommen, einen Porsche 356 für 14 900 und einen Mercedes-Flügeltürer für 29 000 Mark. Das erste Radarkontrollgerät wurde von der Firma Telefunken entwickelt und auf der Internationalen Polizeiausstellung in Essen Mitte September 1956 präsentiert. 1958 ging das Gerät in Serie. Mit den ersten Blitzern konnte man Autos nur von hinten aufnehmen. Damals feierten die Zeitungen das Gerät als „Wunderwaffe der Polizei“. Zum ersten Mal „offiziell“ geblitzt wurde am 15. Februar 1959 auf einer Straße zwischen Düsseldorf und Ratingen.

Blitzer sollten Zahl der Verkehrstoten verringern

Die Geschwindigkeit zu überwachen, wurde laut Benz notwendig, weil sehr viele schwere Unfälle auf zu hohe Geschwindigkeit zurückzuführen waren. „In den 50ern gab es pro Jahr etwa 15 000 Verkehrstote in Deutschland.“ Zum Vergleich: Im Jahr 2015 waren es 3459. „Und ein Tempolimit macht natürlich nur Sinn, wenn es auch überwacht wird.“ Einen gewaltigen Entwicklungsschritt machte die Technik ab Mitte der 70er: Denn dann konnten die Radargeräte Autos auch von vorne aufnehmen. 1977 gingen die ersten Lichtschranken in Betrieb. Sie wurden bis Ende der 90er-Jahre verwendet.

Immer wieder sind und waren die Geräte der Wut der Autofahrer ausgesetzt. Sie werden abgesägt, angezündet und beschossen. „Die Radartonne wird zum Beispiel oft umgetreten oder umgeworfen“, sagt Benz. Der 45-Jährige überwacht seit 2006 den Verkehr. „Man muss sich schon viel anhören. Für viele ist das Abzocke. Aber der Polizei ist das egal, ob wir am Tag einen oder hundert beanstanden, wichtig ist uns die Sicherheit.“ Die Polizei hat zurzeit im Stadtgebiet an sieben Orten fest installierte Blitzer, der erste wurde 2008 an der Dachauer Straße/Max-Born-Straße in Betrieb genommen. Zudem hat die VPI VÜ acht mobile Messanlagen. Jede Dienststelle kann außerdem mit einem Laserhandmessgerät blitzen. Im Jahr 2015 wurden mehr als 130 000 Raser in München und im Landkreis erwischt. Wie viel die Polizei in München nur durchs Blitzen einnimmt, ist statistisch nicht erfasst. Die Gesamteinnahmen aller Verkehrsdelikte – dazu zählen unter anderem Parkverstöße und Alkohol am Steuer – beliefen sich 2015 bayernweit auf gut 117 Millionen Euro.

Auch Polizisten werden übrigens mal geblitzt – nicht nur, wenn sie mit Blaulicht und Martinshorn zu einem Einsatz fahren. „Ich wurde vor einiger Zeit zur Kasse gebeten“, sagt Sascha Benz. „Weil ich in der 30er-Zone etwas zu schnell unterwegs war.“

60 Jahre Radar: Die Blitzer der Münchner Polizei

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