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Schnellladestation sorgt für Frust: Auch nach mehreren Versuchen fließt aus der Eon-Ladesäule am Irschenberg kein Strom in die Batterie. Bernhard Tschenscher hat bereits Erfahrung mit langen Wartezeiten.

Problemzone Ladesäulen

Abenteuer-Urlaub mit dem Elektroauto: Der Selbsttest

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München - Mit dem Elektroauto in den Urlaub – ist das möglich? Ein Versuch zeigt: Wer über den Irschenberg hinaus will, muss sehr viel Hartnäckigkeit mitbringen.

Keine Umgebung für Urlaubsvorfreude: München Steinhausen, Zamdorfer Straße. Ein tristes Gewerbegebiet. Doch beim Nissan Autohaus Mükra gibt es etwas, was Seltenheitswert hat: Kostenlose Energie fürs Autofahren – elektrischen Strom. Nicht nur der Nissan Leaf, unser fahrbarer Untersatz, lässt sich hier laden. Auch Elektroautos anderer Fabrikate tanken hier kostenlos neue Kraft. Und der Ladeplatz ist gerade frei.

Wir haben heute eine spannende Aufgabe vor uns: Wie weit kommt man, wenn man mit dem Elektroauto nach Süden in den Urlaub fahren will? Geht das überhaupt? „Es geht, wenn man Geduld mitbringt“, sagt Bernhard Tschenscher, Ingenieur beim ADAC.

Seit Monaten schlägt er sich mit einem elektrischen Nissan Leaf durch den Alltag. Mit 43 Prozent Reststrom kam er nach seiner Anfahrt aus dem Münchner Süden und dem Stau durch die Landeshauptstadt am vereinbarten Treffpunkt an. Zeit zum Tanken.

Das sollte kein Problem sein. Der Kofferraum ist voller Stecker, Kabel und Adapter. Die braucht Tschenscher auch. Denn Elektroautos und Ladesäulen passen in vielen Fällen nicht zusammen.

Ab 80 Prozent fließt Strom langsamer

In Steinhausen klappt es – auf den zweiten Versuch. Stecker rein, Ladung aktivieren. Nichts passiert. Ein Mitarbeiter des Autohauses setzt das System zurück, fährt den Rechner erneut hoch. Nun fließt der Strom – reichlich.

Es handelt sich um eine Chademo Schnell-Ladestation – das Optimum für den kleinen Japaner. Schon nach 23 Minuten ist die Batterie wieder zu 86 Prozent voll.

Schon 80 Prozent sind bei Batterieautos eine Art magische Grenze. Je voller eine Batterie wird, desto langsamer fließt der Strom. Ab 80 Prozent wird die Warterei an der Ladesäule zur Qual. Zumal die Reichweite begrenzt ist. 199 Kilometer gibt Nissan bei voller Batterie an. Blieben also 170 Kilometer. Im nächsten Jahr will man sogar die 300-Kilometer-Marke knacken. Auch andere Hersteller sprechen von ähnlichen Fortschritten bei der Batterie-Entwicklung. Aber das ist Zukunftsmusik.

Tschenscher kennt die Praxis der Gegenwart. Er verweist die Herstellerangaben ins Reich der Fabel. Er spricht von gut der Hälfte. Ergäbe rund 85 Kilometer für uns. Vielleicht ein bisschen mehr – bei sparsamer Fahrweise. Das deckt sich mit Erfahrungsberichten im Internet. Doch 86 Prozent müssten locker für die 50 Kilometer zur nächsten Station reichen, dem Irschenberg – trotz Steigung und Autobahn-Tempo.

Es reicht: 17 Prozent Restenergie am Zielort. Mehrere Restaurants und Spielplätze sollen an der Raststätte helfen, die Wartezeit auch mit Kindern zu überbrücken. Mit einer knappen halben Stunde Ladezeit rechnen wir.

Chademo ist verfügbar, also kein Problem für den Nissan. ABB hat die Säule geliefert, Eon betreibt sie. Partner mit guten Referenzen. Und fünf Euro für die Ladung sind ein stolzer Preis. Da sollte man den Kunden doch auch etwas bieten. Doch geboten ist Frust: Tankstellenbetreiber Klaus Waldschütz eilt zur Eon-Ladesäule. „Die hat noch nie richtig funktioniert“, sagt er. Der erste Versuch gibt ihm Recht. Auch der zweite, dritte, vierte. Runterfahren. Hochfahren. Stecker raus. Verbindung überprüfen. Auto ganz abstellen. Wieder hochfahren. Wir ziehen alle Register – ohne Erfolg. Die Eon-Zapfsäule verweigert die Zusammenarbeit nachhaltig.

Waldschütz hat das kommen sehen. Er macht seinem Ärger über den größten deutschen Energieversorger Luft. „Wia lang muss ma studier’n, bis ma so blöd is wie die?“ schimpft er. Der Konzern ist informiert, schickt aber seit Wochen keinen Service-Mitarbeiter, um an der meistbesuchten Autobahn-Raststätte Deutschlands die Schnell-Ladesäule wieder in Funktion zu setzen.

Tesla: Reichlich Strom zum Nulltarif

Waldschütz hat längst zur Selbsthilfe gegriffen und eine eigene Ladestation installiert. Typ 2. Langsamer als Chademo. Aber sie funktioniert. Schließlich bietet seine Tankstelle von Erdgas bis hin zu Diesel alles an, was Autos verarbeiten können. Also auch Strom.

Nur kann der Nissan über den Typ-2-Stecker nur ein Drittel der angebotenen Ladeleistung aufnehmen. Bernhard Tschenscher bereitet uns auf eine längere Pause vor. Über eine Stunde, besser zwei. Zeit für ein ausgedehntes Mittagessen. Und für einen Blick auf die andere Seite der Tankstelle.

Dort stehen sechs weitere Elektrozapfsäulen, die auch funktionieren. Supercharger heißen sie. Der Elektro-Auto-Pionier Tesla hat sie dort installiert. Er verwendet ein eigenes Stecksystem und bietet für Fahrer der Marke Schnell-Laden zum Nulltarif – aber eben nur für Tesla-Fahrer. Nicht einmal Wartezeiten sind ein Thema. Eine der Ladesäulen ist zwar verbotenerweise zugeparkt. Alle anderen sind aber frei. Das Signal: Wir sorgen für freie Fahrt. Hier kann man neidisch werden.

Nach knapp zwei Stunden ist auch die Batterie unseres Nissan wieder einsatzbereit. Es geht zurück in den Münchner Osten zur funktionierenden Schnell-Ladesäule. Das Fazit: Die Urlaubsfahrt in den Süden ist möglich, bleibt aber ein Abenteuer. Ungeplante Pausen selbst bei optimaler Planung werden zur Qual. Wartezeiten, weil die Ladesäule belegt ist, kurze Betriebszeiten oder schlicht ein technischer Ausfall, sind realistische Risiken. Wer über den Brenner nach Italien oder über die Tauernautobahn nach Kroatien will, sollte eine Übernachtung zusätzlich einplanen.

Im Süden braucht man Improvisationstalent

Die eigene Familie sollte man der Tortur ohnehin besser nicht aussetzen. Dazu kommt: Je weiter man nach Süden kommt, desto spannender wird die Sache. Tanken über Nacht am Hotel, an einem Campingplatz, an einem Yachthafen oder an der Lieferrampe eines Supermarkts ist grundsätzlich möglich, wenn die Betreiber es erlauben. Schnell-Ladestationen dagegen sind rar. Da ist dann immer wieder Improvisationstalent des Fahrers gefragt.

Wer nicht so weit will, hat es besser. Zumindest Österreich scheint über ein leidlich funktionierendes System zu verfügen. Smatrics, eine Marke, hinter der mehrere österreichische Energieanbieter stecken, hat ein flächendeckendes Ladesäulen-Netz aufgebaut – sogar mit einheitlichem Bezahlsystem.

Smatrics will europaweit expandieren – auch nach Deutschland. Die Entwicklungshilfe aus Österreich könnte eine gute Nachricht für Elektroautofahrer sein, die nicht wollen, dass ihre nächste Urlaubsreise schon am Irschenberg zu Ende ist – mitten im von der Bundesregierung ausgerufenen deutschen Leitmarkt für Elektromobilität.

Verstehen Sie E- Mobilität?

M.P.

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