Den Crashtest bestanden. Doch wie schneidet man die Insassen aus dem Wrack? Feuerwehrleute im Übungeinsatz beim ADAC nach einem simulierten Unfall mit dem japanischen Elektroauto I-Miev.

Wie der ADAC aus Auto-Unfällen lernt

Landsberg - In Landsberg testet der ADAC nicht nur Kindersitze und Motorradhelme. Hier werden die Daten und Argumente gesammelt, um Autohersteller weltweit auf bessere Sicherheitstechnik zu verpflichten.

Mit Tempo 68 knallt das Auto an einen Baum. Stahl und Blech werden gequetscht. Glas splittert. Airbag und Sicherheitsgurt fangen den Fahrer auf, der nur kleinere Blessuren erleidet. Die Diagnose steht sofort fest. Denn der Fahrer ist mit einem Computer verbunden. Es ist ein Dummy. Der Unfall ist ein Crashtest im Landsberger ADAC-Technik-Zentrum.

Hier, direkt an der Autobahnausfahrt Landsberg Nord, werden nicht nur die Fahrzeuge der Gelben Engel für Panneneinsätze gerüstet und ihre Fahrer für den Job an liegen gebliebenen Autos fit gehalten. Hier wird auf Herz und Nieren geprüft: Kindersitze, Reifen, Fahrradanhänger und eben auch das ganze Auto.

Obwohl Zentrums-Leiter Reinhard Kolke Unfälle simulieren lässt, sind es reale Unfallgeschehen, die ihn umtreiben. Zum Beispiel eines, bei dem vergangenes Wochenende fünf Menschen getötet wurden: Ein Auto war beim Einscheren nach einem riskanten Überholmanöver ins Schleudern geraten und in ein weiteres Fahrzeug gekracht. „Mit elektronischem Stabilitätsprogramm wäre das höchstwahrscheinlich nicht so passiert“, sagt Kolke. Fünf Menschen wären noch am Leben. Kolke plädiert für die ESP-Pflicht.

Das unterscheidet das Landsberger Crash-Zentrum von Anlagen, die von der Industrie betrieben werden: Hersteller optimieren ihre eigenen Autos, Erkenntnisse, die in Landsberg gewonnen werden, sollen höhere Sicherheitsstandards allgemein durchsetzen.

So tritt Kolke nicht nur für ESP ein, sondern auch für eine vorgezogene umfassendere ABS-Pflicht für Motorräder. Er deutet auf ein Diagramm, das europaweit eine steigende Zahl getöteter Motorradfahrer belegt. Eine aus analysierten Unfällen hochgerechnete abfallende Linie zeigt, dass viele dieser Opfer vermieden werden könnten, wenn ABS nicht erst ab 2017 Pflicht wäre, sondern bereits 2013. „Es wäre auch noch früher möglich“, sagt der promovierte Ingenieur Kolke. Er fordert, die Verpflichtung auf kleine Krafträder auszudehnen. Dazu holt er ein unscheinbares kleines Kästchen aus dem Regal: Ein ABS, das kaum 100 Euro kosten und auch Kleinroller sicherer zum Stehen bringen würde.

Ein alter Zehntonner vor der Crash-Anlage zeigt, dass die Organisation mit ihren über 17 Millionen Mitgliedern sich bereits für ein anderes Thema rüstet: Unfälle, bei denen an einem Stauende schwere Lastzüge Personenwagen überrollen und deren Insassen zerquetschen. Es gibt Fahrassistenzsysteme, die fast alle dieser Unfälle verhindern würden. Kostendruck in den Speditionen sorgt dafür, dass sie fast immer von der Ausstattungsliste gestrichen werden. Dabei ziehen Industrie und Autoclub hier an einem Strang und wollen die Sicherheitssysteme verpflichtend einführen.

Auch in anderen Bereichen arbeitet der ADAC mit der Industrie zusammen. So stehen mittlerweile Hersteller Schlange, um das Eco-Test-Siegel des ADAC für besonders verbrauchsgünstige und emissionsarme Autos zu bekommen. Immer mehr Flottenbetreiber fordern das Siegel, bevor sie ein Modell kaufen.

Schwerpunkt in Landsberg bleibt aber die Sicherheit. Schon wenn einer der gelben Rettungshubschrauber im Einsatz zu einem Unfall unterwegs ist, wird daran geforscht, wie man künftige Unfälle vermeidet oder wenigstens ihre Folgen lindert. Von Bord aus wird die Unfallstelle umfassend fotografiert. Und per Funk werden medizinische Daten gesammelt. Einige junge Notärzte erlangen ihre Doktortitel im ADAC-Einsatz durch die systematische Auswertung dieser Unfalldaten.

Auch Feuerwehrleute sind immer wieder beim ADAC in Landsberg, um dazuzulernen. Denn die immer besseren Fahrgastzellen moderner Autos schützen die Insassen. Sie machen es aber auch schwer, Verletzte aus dem Inneren zu bergen. Oft zerbrechen Rettungsscheren an hochfestem Stahl in den nur scheinbar fragilen modernen Dachkonstruktionen. Oder ein Rettungsspreizer zündet den bisher nicht ausgelösten Airbag und verletzt die Insassen zusätzlich. Explodieren können auch Gasdruckdämpfer etwa an der Heckklappe.

Eine Rettungskarte für jeden Autotyp, die unter der Sonnenblende deponiert wird, kann den Rettungskräften zeigen, wo man beim jeweiligen Auto sinnvollerweise ansetzt. Noch wichtiger wird das bei Hybrid- und Elektro-Autos, bei denen ein unbedachter Schnitt die 400-Volt-Leitungen des Hochvoltsystems freilegt, was das gesamte Fahrzeug unter lebensgefährliche Spannung setzen kann. Der erste Griff eines Retters gilt künftig der Batterie. Kann er sie abklemmen, ist ein Großteil der Gefahren gebannt. Doch zuerst muss er wissen, wo sie ist. Im Kofferraum? Unter dem Sitz? Neben dem Motor? Auch das zeigen die Karten. Eine Million dieser Rettungskarten sind bereits in Autos deponiert. Die zweite Million wird gedruckt. Bis alle 50 Millionen Autos in Deutschland damit ausgestattet sind, haben die Unfallexperten aus Landsberg noch reichlich zu tun.

Martin Prem

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