Reifenhersteller haben versucht, ihre Produkte für ADAC-Tests (hier Testvorbereitungen für Winterreifen in der Schweiz) zu präparieren. Doch der Spielraum für Manipulationen war in der Praxis gering.

Gelber Engel

So plump wurde beim ADAC gefälscht

München - Das Gutachten über die Manipulationen bei der ADAC Wahl zum Lieblingsauto der Deutschen hat vor allem ein Ergebnis: Bei den Fälschungen wurde mit unglaublicher Dummheit vorgegangen.

Kopfschütteln, Fassungslosigkeit. Bei Mitarbeitern des ADAC hat das Gutachten der Prüfungsgesellschaft Deloitte zu den Fälschungen rund um den Preis „Gelber Engel“ die schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Es dokumentiert dabei nicht so sehr finstere Machenschaften, sondern einen fast unbegreiflichen Dilettantismus. „Es ist kein Gedanke dahinter erkennbar“, stöhnt ein Mitarbeiter. Was trieb Michael Ramstetter, den entlassenen Kommunikationschef des Autoclubs? Hier der Versuch einer Motivsuche.

-Ramstetter wollte ein Ergebnis, das wegen höherer Beteiligung repräsentativ aussieht: Dazu hat er offenbar willkürlich Ziffern ersetzt oder eingefügt. Für den VW-Golf lag ihm die Zahl 3409 vor. Er machte daraus 34 299. Bei der Mercedes A-Klasse wurden aus 1418 am Ende 24 418.

-Ramstetter wollte Hersteller nicht brüskieren: Bei den Zahlen, die ihm vorlagen, wären unter den fünf bestplatzierten Autos vier Modelle aus dem Volkswagen-Konzern gelegen: Zweimal VW, einmal Audi, einmal Skoda. Dazu kommt ein Mercedes, aber kein BMW. Deshalb hat Ramstetter den 5er BMW, der auf Platz sieben lag, vor den eigentlichen Fünften, den VW Tiguan, gesetzt.

-Völlig unerklärlich ist aber, wie Ramstetter entging, dass der 3er BMW, der bei der Abstimmung per Coupon auf Platz 2 lag, bei der Online-Auswertung auf Platz 69 landete. Diese Diskrepanz hätte jeden stutzig machen müssen.

Tatsächlich hatte der 3er auch bei den Online-Stimmen den Platz zwei belegt. Durch einen Computerfehler sind diese Stimmen aber komplett unter den Tisch gefallen. Dafür wurden die 120 Stimmen, die für den 6er abgegeben wurden, dem 3er zugerechnet.

Und selbst wenn diese falschen Zahlen korrekt addiert worden wären, hätte der 3er in der Gesamtbilanz auf Platz 15 gestanden. Dort landete aber der Audi A5. Jede noch so oberflächliche Plausibilitätskontrolle hätte die Fehler aufgedeckt.

Besonders kurios: Das korrekte Resultat wäre so ausgefallen, dass Ramstetter für sein Wunschergebnis an der Rangfolge nicht hätte tricksen müssen: Platz eins: VW Golf, Platz zwei: BMW 3er (gefälscht: Audi A 3), Platz drei: Audi A3 (gefälscht: Mercedes A-Klasse), Platz vier: Mercedes A-Klasse (gefälscht: Skoda Octavia), Platz fünf: Skoda Octavia (gefälscht: BMW 5er).

Dazu kommen noch kleinere Schlampereien, die aber die Rangfolge nicht veränderten. So wurden Doppelstimmen, die anhand der Mitgliedsnummern identifizierbar waren, nicht aussortiert.

Immerhin ein Verdacht hat sich nicht erhärtet: Dass weitere Mitarbeiter an den Manipulationen beteiligt waren. Hätte Ramstetter nur einen Komplizen gehabt, wären ihm die größten Dummheiten bei seinen Aktionen wohl nicht unterlaufen.

Der ADAC, der zeitweise auch bei seinen Produkttests dargestellt wurde, als wäre er eine einzige kollektive Fälscherwerkstatt, kann sich wenigstens teilweise rehabilitiert sehen. Das wird ihm aber nicht ersparen, dass der Gelbe Engel, eine Veranstaltung, die den ADAC in der nachrichtenarmen Zeit zum Jahresanfang viel öffentliche Aufmerksamkeit einbrachte, wertlos geworden ist. Alle deutschen Autohersteller haben inzwischen angekündigt, die Auszeichnungen, die sie seit 2005 erhalten haben, wieder zurückzugeben.

Einige Vorwürfe im Zusammenhang mit den viel beachteten Produkttests des Clubs erwiesen sich inzwischen als nicht mehr haltbar. So hatten WDR und Süddeutsche Zeitung darüber berichtet, dass Reifenhersteller die Möglichkeit hatten, dem ADAC für seinen Reifentest Sonderexemplare aus wertvolleren Materialien und mit besseren Eigenschaften zur Verfügung zu stellen. So seien verfälschte Testergebnisse veröffentlicht worden. Die Berichte lösten bei den ADAC-Testern in Landsberg Verwirrung aus. Die dortigen Techniker und Ingenieure waren sich sicher, dass die Fristen zwischen Bestellung und Auslieferung so knapp bemessen waren, dass für derartige Manipulationen nach ihrer Auffassung schlicht die Zeit fehlte.

Das hat mittlerweile auch der Brancheninsider eingeräumt, der für die Berichte als Kronzeuge diente. Er spricht mittlerweile nur noch von „Feintuning“ an bestehenden Produkten vor den Tests. Das deckt sich mit den Erkenntnissen unserer Zeitung. Ein ehemaliger Manager eines großen Reifenherstellers hat das Vorgehen bei den Manipulationsversuchen erklärt: ADAC-Bestellungen wurden von den betroffenen Händlern der Vertriebsorganisationen der Hersteller mitgeteilt. Sie sorgten dafür, dass die Reifen, die für den ADAC bestimmt waren, vorgewuchtet wurden.

Dabei werden Ungenauigkeiten bei der Produktion ausgeglichen, indem an bestimmten Stellen, wo der Reifen zu schwer ist, Material abgetragen wird. Das ist im Kern das Gleiche wie beim Auswuchten von Autorädern mit Bleigewichten. Doch das Ergebnis gilt als feiner: besserer Rundlauf, höhere Laufruhe, geringere Geräuschentwicklung. Doch bei den sicherheitsrelevanten Eigenschaften, dem Bremsweg oder der Spurhaltung sind die feingetunten Reifen nach Einschätzung von Experten auch nicht besser als ein ganz normales Serienprodukt.

Martin Prem

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