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Das Autofahren aufzugeben, fällt vielen schwer

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Aussteigen bitte: Ein älterer Mann steigt auf einen Stock gestützt aus seinem Wagen. Autofahren aufzugeben, fällt vielen Senioren schwer. © Ulrich Niehoff/EPD

Memmingen – Das Autofahren im Alter aufzugeben, ist für viele Senioren ein schwerer Schritt. Damit verzichten sie auf Selbstbestimmung und Mobilität. Leidtragende sind auch die Angehörigen, die in der Zwickmühle stecken.

Am Ende haben sie ihm doch den Autoschlüssel abnehmen müssen. Es ging nicht mehr anders. Darauf angesprochen, wie es ihm denn jetzt gehe, so ganz ohne sein Auto, ohne die gewohnte Mobilität, zuckt der 88-jährige Mann mit den Schultern und sagt: „Ja mei, was soll man machen.“ Er will gar nicht davon reden. Sein Gesicht bleibt teilnahmslos. Es verrät nichts von den stummen Kämpfen, die es in der Familie gab.

Wenn seine Tochter Rosemarie Bauer (Name geändert) darüber nachdenkt, was zuvor schon alles passiert ist – und was Schlimmeres hätte passieren können – beißt sie sich auf die Unterlippe. Es ist Nachmittag in einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Memmingen. Im Haus der Familie, in dem immer noch vier Generationen unter einem Dach leben, zieht der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee durch die Stube. Rosemarie Bauer hat einen Apfelkuchen gebacken. Früher, so sagt sie, hat oft der Opa Kuchen beim benachbarten Bäcker geholt, natürlich mit dem Auto.

Währenddessen schweigt ihr Vater und rührt die Milch unter den Kaffee. Obwohl er sich ganz offensichtlich große Mühe gibt, nicht zu zittern, vollführt der Löffel doch unkoordinierte Bewegungen. „Wir fahren dich doch jederzeit wohin du willst“, sagt Rosemarie Bauer. Sie versucht, ein aufmunterndes Lächeln aufzusetzen.

„Der Verzicht aufs Autofahren ist – besonders auf dem Land – ein herber Einschnitt“, sagt Simon Wagner von der Deutschen Verkehrswacht. Die meisten Menschen sehen den Verzicht als Verlust ihrer Freiheit und Unabhängigkeit, denken, sie kommen nun gar nicht mehr raus. „Da sind Familie und Freunde gefragt“, sagt Wagner, „dann müssen Fahrdienste organisiert werden.“ Für Rosemarie Bauer kein Problem. Ein schlechtes Gewissen hat sie trotzdem, seit sie ihrem Vater den Autoschlüssel abgenommen hat. „Danach habe ich die ganze Nacht nicht geschlafen.“ Sicher habe sie den Schritt lange angekündigt. Aber als es eines Tages dann so weit war, kam bei ihr doch ein komisches Gefühl hoch.

Wie selbstverständlich sei ihr Vater hinunter in den Hof gegangen, habe die Scheunentüre aufgemacht, wo der alte Golf seit 20 Jahren steht. „Er ist hinters Steuer gerutscht und hat erst nach ein paar Minuten gemerkt, dass der Autoschlüssel gar nicht da ist.“ Wortlos sei er aus dem Wagen gestiegen, habe die Tür zur Scheune fein säuberlich wieder verschlossen und sei stumm an der Tochter vorbeigegangen. „Wenn was wirklich Schlimmes passiert“, sagt Rosemarie Bauer, „könnte ich nicht damit leben.“

Anfangs waren es nur Rempler. Mal ein Einkaufswagen auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt. Mal ein kleiner Auffahrunfall vor einer Ampel, weil er zu spät gemerkt hat, dass sie rot war und schon andere vor ihm angehalten hatten. „Ich bin doch versichert“, hat er dann immer nur gesagt. Einmal parkte er an einer Tankstelle aus, streifte dabei ein anderes Auto auf der gesamten linken Seite – und fuhr davon. Mehr als 5 000 Euro Sachschaden. Eine Anzeige wegen Fahrerflucht gab es nur deshalb keine, weil der Inhaber der Tankstelle wusste, wer der Unfallverursacher war.

„Das war dann der Moment, in dem wir gesehen haben, es geht einfach nicht mehr“, sagt Rosemarie Bauer. Zur gleichen Zeit fielen ihr in der Zeitung Berichte von schweren Unfällen auf, die betagte Fahrer verursacht hatten. Im April starb ein neunjähriger Bub in Ravensburg, als er auf einem Zebrastreifen von einem 86-Jährigen erfasst wird.

„Wenn sich brenzlige Situationen im Straßenverkehr häufen“, sagt Ralf-Joachim Schulz, Professor für Geriatrie am St. Marien Hospital in Köln, „dann sollten Hausarzt und Angehörige mit dem Betroffenen eine Fahrtauglichkeitsuntersuchung anstreben.“ Gründe für Unsicherheiten seien manchmal einfach mangelnde Sehfähigkeit oder Blutdruckabfall. „Wichtig ist, die Ängste bei betagten Autofahrern abzubauen und nicht immer gleich mit dem schlimmsten Szenario ,Führerscheinabgabe‘ zu drohen.“

Simon Wagner von der Verkehrswacht stimmt zu. „Eine objektive Beurteilung hilft meist mehr, als auf die Leute einzureden.“ Beispielsweise eine Probestunde bei der örtlichen Fahrschule oder auch ein vertrauliches Gespräch mit dem Arzt. In den meisten Fällen wüssten die Älteren aber ohnehin, was sie am Steuer könnten und was nicht, so seine Erfahrung: „Sie passen ihre Fahrweise an, steigen im Dunkeln nicht mehr hinters Steuer oder meiden große Kreuzungen“.

Dennoch: Sofern über 75-jährige Autofahrer in einen Unfall verwickelt sind, tragen sie nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes dann auch in drei von vier Fällen die Hauptschuld. Die häufigsten Verschulden der Senioren: Sie nehmen anderen die Vorfahrt, verursachen Unfälle beim Abbiegen, Wenden, Rückwärtsfahren, Ein- und Anfahren. Gleichzeitig tragen sie häufiger schwere Verletzungen im Straßenverkehr davon als Jüngere.

Oft wird der Ruf nach verpflichtenden Fahrprüfungen ab einem gewissen Alter laut. Ralf-Joachim Schulz hält die aus wissenschaftlicher Sicht nicht für geboten. Ein Nutzen sei nicht belegt. Und es bestehe die Gefahr, dass man sich in falscher Sicherheit wiege. Auch ADAC-Verkehrspsychologe Ulrich Chiellino ist gegen zwingende Kontrollen. „Nichtsdestotrotz sind natürlich auch Senioren sowie wir alle aufgerufen, sich kritisch zu hinterfragen, ob eine sichere Teilnahme am Straßenverkehr gegeben ist“, sagt er. Das gelte besonders nach einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall.

Rosemarie Bauers Vater hat den Apfelkuchen inzwischen aufgegessen. Sein Blick geht hinüber zur Dorfstraße, auf der gerade ein Auto gemächlich vorbeifährt. Der alte Mann hält kurz inne und sieht ihm nach. Irgendwie hofft die Tochter, er möge neben den ganzen Kleinigkeiten, die er hin und wieder vergisst, auch vergessen, dass er nicht mehr Autofahren darf. Dann schüttelt sie den Kopf und sagt: „Das ist auch nicht besser.“

Erich Nyffenegger

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