Autonomes Fahren: Hände weg vom Steuer

Berlin – Selbstfahrende Autos sind für viele ein Alptraum, der wohl bald wahr wird. Auf Deutschlands Straßen sollen in absehbarer Zeit autonome Autos unterwegs sein. Die rechtliche Grundlage hierfür wurde kürzlich gelegt.

Erst im Februar kam es in Kalifornien zu einem Vorfall, der Skeptikern von selbstfahrenden Autos Argumente lieferte: Der Zusammenstoß eines selbstfahrenden Google-Autos mit einem Linienbus. Grund zur Aufregung war weniger das Unfallausmaß – außer einem kleinen Blechschaden passierte nichts – als der Auslöser: Zum ersten Mal war bei einem solchen Unfall die Software schuld. Was für viele also noch wie Zukunftsmusik klingt, gehört in Kalifornien schon bald zum Alltag. Selbstfahrende Autos auf offener Straße sind keine Seltenheit mehr. Und auch auf deutschen Straßen wird es bald zur Normalität gehören, auf dem Fahrersitz einen Kaffee zu trinken und dabei Zeitung zu lesen.

In Deutschland spielt sich diese autonome Auto Revolution noch auf der Teststrecke München-Nürnberg ab. Doch dabei wird es nicht lange bleiben: Stuttgart und Ludwigsburg haben vor kurzem ausgewählte Straßen als Testfeld angekündigt.

Mensch und Computer gleichgestellt

Der Ansporn zu dieser Digitalisierung kommt in Deutschland vor allem von Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU). Seiner Einschätzung nach wird es bis 2020 möglich sein, sich auf deutschen Straßen mit autonomen Autos frei fortzubewegen.

Die rechtlichen Weichen hierfür wurden bereits gestellt: Computer dürfen zukünftig Fahr- und Steueraufgaben übernehmen, ein „Fahrer“ kann also entweder Mensch oder Computer sein. Der Mensch muss jedoch weiterhin die Möglichkeit haben, den Computer übersteuern zu können. Soweit ist es nun gesetzlich festgehalten, doch es tun sich weitere Problemfelder auf. Hand in Hand mit Digitalisierungen geht bekanntlich das Thema Datenschutz. Je mehr Aufgaben der Computer übernimmt, desto größere Datenmengen gibt es auch, die gespeichert werden.

Verbraucherzentrale schlägt Alarm

Details zu allen Fahrten werden aufgezeichnet, ausgewertet – und vielleicht auch gespeichert? Diese vielen persönlichen Daten gilt es vor Missbrauch zu schützen. 

Nach einer Umfrage der Verbraucherzentrale sorgen sich 62 Prozent der Befragten beim autonomen Fahren um den Datenschutz. Als größte Gefahr jedoch befinden rund 80 Prozent Hackerangriffe, also die Steuerung des Autos von außen oder beispielsweise eine Manipulation der Bremsen. Ein von fremder Hand gesteuertes Auto ist heute noch unvorstellbar, aber jede Veränderung bringt neue Probleme mit sich.

Der Trend zur Digitalisierung herrscht nicht nur bei der Autotechnik, sondern in der Automobilbranche allgemein. Neben den Herstellern setzen inzwischen auch Versicherer auf digitale Konzepte. Bei den sogenannten Telematik-Tarifen errechnet sich die Höhe des Versicherungsbeitrages aus dem Fahrverhalten, also aus Faktoren wie Bremsdauer, Geschwindigkeit und abruptem Anfahren. Aufgezeichnet werden aber unter anderem auch Daten dazu, welche Strecke wann zurückgelegt wurde oder wie laut der Fahrer Musik hört. Jedoch zeichnet nicht jede Versicherung permanent auf. 

Datenschützer sehen bei Telematik-Tarifen dieselben Datenschutz-Probleme, wie bei autonomen Autos, da alle Fahrten elektronisch dokumentiert werden. Autos werden ihrer Meinung nach zunehmend zu selbstständigen Robotern auf Rädern und der Fahrer zu einem „gläsernen Fahrer“. Die Verbraucherschutzzentrale sieht eine klare Regelung des Datenschutzes als unausweichlich. Über der ganzen Debatte um Datenschutz, Technik und Recht, schwebt jedoch auch noch eine ganz andere Grundsatzdiskussion.

Ethik im Straßenverkehr: Algorithmen, die über Leben und Tod bestimmen

Ein Hauptargument in der Diskussion um selbstfahrende Autos ist die Verkehrssicherheit. Eine schnelle und bedachte Reaktion des Computers in brenzligen Situationen soll die Unfallzahlen drastisch reduzieren. An diesem Punkt stehen unweigerlich moralische und juristische Fragen im Raum, die mit der Programmierung einhergehen. Nach welchen Kriterien entscheidet der Computer im Extremfall, wen er bei einem unausweichlichen Unfall überfährt und was das geringere Übel ist? Steuert er eher in den einzelnen Radfahrer zur linken anstatt in die Menschenmenge zur rechten? Was ist, wenn der Radfahrer ein Kind dabei hat? 

Im deutschen Recht darf keine quantifizierende Abwägung von Menschenleben vollzogen werden, ein Leben darf also nicht zum Wohl mehrerer geopfert werden. Das hat das Bundesverfassungsgericht 2006 dargelegt, als es die Abschussermächtigung im Luftsicherheitsgesetz für nichtig erklärte. Alle Leben sind gleich „wert“ und dürfen nicht gegeneinander aufgewogen werden. Der Computer dürfte in dieser Situation nach deutschem Recht nicht die Entscheidungsmacht haben. Eine schwierige Frage, der sich Philosophen und Politiker stellen, die sich aber wahrscheinlich nicht im nationalen Rahmen klären lässt.

Des einen Freud, des anderen Leid – die Vorstellung von selbstfahrenden Autos mag manchen alptraumhaft erscheinen, viele sehen jedoch die Möglichkeit, die ungewohnt freie Zeit im Auto produktiv für beispielsweise berufliche Angelegenheiten zu nutzen und freuen sich auf mehr Fahrkomfort ab 2020. Bis dahin sind aber noch einige offenen Fragen zu klären, die Recht, Technik und Ethik betreffen.

Rubriklistenbild: © dpa

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