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Ami 6 von Citroën: Laut, langsam, riechend – er ist trotzdem wunderbar

Skurriler Oldtimer

Mein Freund, der Ami

Unser Autor Jörg Heinrich fährt einen der skurrilsten und seltensten Oldtimer Münchens, einen Citroën Ami 6 aus dem Jahr 1966. Er verrät Ihnen, was er mit seinem Freund, dem Ami, erlebt...

Verliebt in seinen Ami: Autor Jörg Heinrich fährt voll auf sein 108 km/h schnelles Auto ab.

Er ist laut, er ist langsam, er ist unsicher, er riecht, und er ist wunderbar. Und vor allem ist er kommunikativ. Wenn Sie unerkannt und anonym durch den Münchner Stadtverkehr kommen wollen, kaufen Sie sich einen Ferrari. Kein Mensch wird Sie ansprechen. Aber legen Sie sich niemals einen Ami 6 zu! Denn: Mit dem nicht mehr ganz frischen Franzosen können Sie an keiner Tankstelle, vor keinem Supermarkt und an kaum einer Ampel stehenbleiben, ohne angesprochen zu werden – und das immer freundlich, mit einem Lächeln im Gesicht. Denn dieses Autochen macht fröhlich. „Des is a Ami, gell?“, strahlt die ältere Dame, die einst im gleichen Modell zu ihrer Hochzeit getuckert ist. Andere fragen: „Ja, was ist das denn?“

Skurriles Cockpit: Mit dem wagenradgroßen Lenkrad fühlt man sich wie ein Kapitän der Landstraße.

Also von vorn: „Das“ ist ein Citroën Ami 6, mit Technik und der legendären Revolverschaltung der Ente, aber mit größerer Karosserie. Gebaut von 1961 bis 1969. Knatternde zwei Zylinder, 597 Kubik, luftgekühlt, 24,5 PS, gerade mal 670 Kilo schwer. Auf das halbe PS legt man durchaus Wert als Besitzer eines Ami 6, denn jede halbe Pferdestärke ist hilfreich, um nach nur wenigen Kilometern Anlauf ein Höchsttempo von rund 108 Sachen zu erreichen.

Aber was heißt „der Ami“? Genau genommen handelt es sich bei dem ulkigen Vehikel um eine ältere Dame, zumindest der Name Ami 6 (Französische Lautmalerei für „La Missis“) deutet darauf hin. Unter Kennern gilt die Frontpartie der Missis, die an Donald Duck nach einem harten Tag mit Tick, Trick und Track erinnert, als das am mürrischsten dreinblickende Autogesicht der Welt. Von der Seite sieht der Ami auch ulkig aus. Etwa so, als wäre ein Sturm über ihn hinweggefegt und hätte seinen gesamten Aufbau hexenhäuschenmäßig nach hinten verschoben.

Knatschig-knautschig: Auch das Heck des Ami 6 sieht so aus, als ob es in die Schrottpresse gekommen wäre.

Das Ergebnis ist die sogenannte Ligne Z, mit einem Heck in Z-Form und nach innen ragender Heckscheibe. Falls Ihnen das bekannt vorkommt: Der fliegende Ford Anglia, mit dem Harry Potter nach Hogwarts düste, hatte das Z auch. Aber Citroën hat’s erfunden. Fliegen kann der Ami nicht, er ist mit Fahren ausreichend beschäftigt, aber ein automobiler Geniestreich ist die Ligne Z auf jeden Fall. Denn nur sie ermöglicht auf gerade mal 3,92 Meter einen Kofferraum von durchaus stolzer Größe. Kein Wunder, dass Design-Legende Flaminio Bertoni, der auch die Ente und den göttlichen Citroën DS schuf, den Ami für seinen größten Wurf hielt.

Und wie fährt sich das Autochen nun? Ach, großartig, wie Gott in Frankreich eben! Der Ami schwankt schon bei geringen Geschwindigkeiten durch Kurven wie der Wiesn-Besucher nach der fünften Mass, und ist dabei bequem wie ein rollendes Sofa. Schlaglöcher? Nicht für Monsieur Ami! Bei ein wenig Pflege ist der Franzose voll alltagstauglich, tuckert mit sieben Litern Verbrauch (an Bleizusatz denken!) brav und zuverlässig durch die Landschaft.

Die Schöne und das Biest: Ein Werbefoto für den Ami 6 aus den Sechziger Jahren.

Und das Schönste: Von Elektronik keine Spur! Hier fahren Sie noch selbst, und nicht der Computer. Sie kurbeln am lastwagengroßen Lenkrad, latschen mit Schmackes in die erstaunlich guten Bremsen. Jeder Schaltvorgang ohne metallisch krächzenden Protest des Getriebes ist ein Triumph! Und wenn es regnet, schalten sich die Scheibenwischer nicht per Sensor selbst ein, sondern Sie ziehen energisch am mit ESSUIE-GLACE (Deutsch: Scheibenwischer) beschrifteten Knöpfchen, woraufhin sich die beiden Scheibenwischerchen ächzend in Bewegung setzen.

Und wie er riecht! Nein, er duftet geradezu, nach einer betörenden Mischung aus Metall, Schmieröl, Benzin und einem Hauch von Flugrost, nach herrlicher alter handgedengelter Technik. Das beste mittelalte Parfum der Welt! Ja, der rüstige Renner riecht genau wie früher die mächtigen Dampflokomotiven der Königlich Bayerischen Eisenbahnen im Deutschen Museum. Er riecht nach Kindheit, dieser alte Franzose.

Gurte? Braucht niemand, sind gar nicht erst eingebaut. In diesem Auto fahren Sie vorausschauend wie ein Motorradfahrer. Und das alles macht so viel Freude, dass der mit allem Hightech ausgestattete Audi A3 des Ami-Besitzers oft genug in der Garage bleiben muss, und stattdessen der Ami auf große Tour gehen darf. Aber nur, wenn die Jahreszeit stimmt. Denn der Rost ist der schlimmste Feind des Autochens. Ein, zwei Münchner Streusalz-Winter würden genügen, um den Citroën zu ruinieren. Und das wäre ein Jammer, und mindestens so traurig wie der Gesichtsausdruck von meinem Freund, dem Ami.

Jörg Heinrich

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