+
So gut wie neu: Tageszulassungen machen einen Neuen zum Gebrauchten und lassen die Preise sinken. Foto: Sebastian Kahnert/dpa

ADAC-Test

Deutsche Auto-Händler unterbieten Listenpreise mit Jungwagen

Nur noch jedes dritte neue Auto wird in Deutschland von Privatleuten zugelassen. Kunden haben die Wahl aus einer Vielzahl von Angeboten, doch echte Schnäppchen sind eher junge Gebrauchte.

Frankfurt/Main (dpa) - Neuwagen werden in Deutschland immer teurer, sodass sich immer weniger Konsumenten ein fabrikneues Auto nach eigenen Vorstellungen zusammenstellen und bestellen. Der Markt hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert, der Anteil der Privatkunden ist um die Hälfte geschmolzen.

Die Deutschen sind ein Volk der Gebrauchtwagenkäufer geworden, wie die Statistik des Kraftfahrtbundesamtes zeigt. Den gut eine Million privaten Neukäufen pro Jahr stehen rund sieben Millionen Besitzumschreibungen gegenüber, bei denen Privatpersonen anschließend die neuen Autobesitzer sind.

Die Preise für Autos mit stärkerer Motorisierung, Premium-Anspruch und verbesserter Serienausstattung sind immer weiter gestiegen. 2016 betrug der durchschnittliche Listenpreis der verkauften Neuwagen ohne Sonderwünsche 31 400 Euro und damit 2,1 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie aus Berechnungen des Car-Instituts der Universität Duisburg-Essen hervorgeht. Über Jahrzehnte betrachtet ist die Preisentwicklung dramatischer: 1980 stand der Durchschnittswagen noch mit 8420 Euro in der Liste, was unter Berücksichtigung der Inflation einem heutigen Wert von gut 18 000 Euro entspräche.

Einer Musterrechnung zufolge liegen die Herstellkosten für ein durchschnittliches Mittelklasse-Auto nur bei gut der Hälfte des Listenpreises. Mehr als 47 Prozent sind für Steuern, Handelsmarge sowie den Gewinn und die Vertriebskosten des Herstellers vorgesehen und lassen natürlich auch Luft für Preisnachlässe.

Hersteller und Händler haben eine Vielzahl von Strategien entwickelt, die Kunden mit vermeintlichen oder tatsächlichen Schnäppchen zu locken. Gängige Mittel sind offen beworbene Sonderaktionen, die häufig mit verschachtelten Leasing-Angeboten, Ausstattungs- und Garantiepaketen oder hohen Eintauschprämien arbeiten.

Wer bei seinem Neuwagen jeden Schalter einzeln aussuchen möchte, kommt über Internet-Plattformen an individualisierte Angebote, die laut Car-Institutsleiter Ferdinand Dudenhöffer bei den 30 beliebtesten Modellen rund 19 Prozent unter den veröffentlichten Listenpreisen liegen. Auch der ADAC kommt in einem aktuellen Test mit fünf verschiedenen Neuwagen zum Ergebnis: "Online ist es immer günstiger". Allerdings sollten die Kunden bei den Portalen genau auf das Kleingedruckte achten und die Entfernung zu den Auslieferlagern beachten, sagt ADAC-Sprecherin Katharina Lucà.

Die niedergelassenen Händler ließen sich im ADAC-Test von den Offerten der Netz-Konkurrenz nur wenig beeindrucken: Nur 20 von 50 untersuchten Anbietern gingen noch einmal von ihrem ersten Preis herunter, blieben aber immer deutlich über dem Online-Niveau. Die höheren Preise begründeten sie mit besserer Beratung und Service - ein Versprechen, das die ADAC-Tester allerdings ausdrücklich nicht bestätigen wollten: Von 50 Autohäusern hätten 23 keine ausreichende Informationen zum Neuwagen gegeben und gleich 33 darauf verzichtet, das konkrete Auto vorzuführen. Immerhin lagen auch die Händler-Offerten im Schnitt gute 12 Prozent unter dem Listenpreis, den also wirklich niemand mehr zahlen muss.

"Servicequalität hat nun einmal ihren Preis", gibt sich der Zentralverband des deutschen Kfz-Gewerbes selbstbewusst. Der Handel könne Rechtssicherheit, persönliche Beratung, Probefahrt und individuelle Finanzierungsangebote wie kein Konkurrent anbieten.

Die Autohäuser haben aber auch flächendeckend Autos zu Sonderpreisen im Angebot, die ihr Geschäftsmodell eigentlich in Frage stellen. Sie heißen Tageszulassungen, Jungwagen oder Hausangebot und sind streng genommen Gebrauchtwagen, auch wenn die Autos meist noch keine 100 Kilometer auf der Uhr haben.

Der Rabatt kann gerade bei Auslaufmodellen die 30 Prozent überschreiten und gilt als "süßes Gift", das Herstellern und Handel die Marge nimmt. 20 Prozent der Gebrauchtwagen und damit gut 1,4 Millionen Autos waren 2016 beim Verkauf höchstens ein Jahr alt. "Das sind eigentlich Auswüchse der herrschenden Überproduktion, aber man kann auf dieses Zusatzgeschäft nicht verzichten", sagt der Präsident des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe, Jürgen Karpinski, der selbst in Frankfurt ein Autohaus betreibt.

Ein weiterer Günstig-Kanal für Neuwagen sind Re-Importe, die über Vermittler oder deutsche Händler angeboten werden. Die Ausstattung dieser Wagen kann stark von den deutschen Modellen abweichen, so dass der ADAC zum peniblen Vergleich rät. Mit EU-Autos sollte es nach den Erfahrungen der Mitglieder in Garantiefällen keine Probleme geben, aber auf eine weitergehende Kulanz der Hersteller über die Garantie hinaus dürfen Käufer von EU-Autos nicht rechnen.

Halterstatistik 2015 Kraftfahrtbundesamt

Mitteilung ADAC

ADAC-Test im Detail

ADAC zu Re-Importen

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Auto polieren: So versiegeln Sie den Lack richtig
Eine aufwendige Arbeit, die sich aber lohnt: Das Auto polieren. Wir erklären Ihnen, wann der beste Zeitpunkt fürs Aufpolieren ist und wie Sie dabei vorgehen.
Auto polieren: So versiegeln Sie den Lack richtig
Volvo erneuert Mittelklasse-Kombi V60
Zum Genfer Autosalon reist Volvo mit einem überarbeiteten V60 an. Das Aussehen des Mittelklasse-Kombis bleibt klassisch. Und auch bei der Antriebstechnik geht der …
Volvo erneuert Mittelklasse-Kombi V60
Daniel Craig trennt sich von seinem Bond-Wagen - das ist er wert
"007" für die eigene Garage? Das könnte für einen Glücklichen bald möglich sein - denn Daniel Craig versteigert seinen Bond-Wagen.
Daniel Craig trennt sich von seinem Bond-Wagen - das ist er wert
Hyundai Nexo mit Brennstoffzelle kommt im Herbst
Als Nachfolger für das Modell ix35 Fuel Cell präsentiert Hyundai jetzt den Nexo. Er steht auf einer eigenständigen Plattform und bekommt die Energie für eine Reichweite …
Hyundai Nexo mit Brennstoffzelle kommt im Herbst

Kommentare