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Treibstoff vom Acker: Auch beim Rapsmethylester, auch Biodiesel genannt, wird ein Nahrungsmittel in Treibstoff verwandelt.

Biosprit vor dem Aus?

E10 und der Hunger in der Welt

Soll der Kraftstoff E10 vom Markt verschwinden, um den Hunger in der Welt effektiver zu bekämpfen, wie Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel fordert? Die Sache ist komplizierter, als man denkt.

Auf so viel Zustimmung hat Dirk Niebel (FDP) lange warten müssen. Doch der Vorstoß des Bundesentwicklungshilfeministers, den Biosprit E10 abzuschaffen, brachte ihm spontanen Beifall von Organisationen wie der Welthungerhilfe ein. Es sei „verantwortungslos, dass Menschen hungern müssen, damit wir mit einem scheinbar reinen Gewissen unsere Autos betanken können“, sagte auch Rainer Lang, Sprecher von „Brot für die Welt“. „Gerade bei steigenden Lebensmittelpreisen kann Biosprit zu stärkerem Hunger in der Welt beitragen“, hatte Niebel gesagt und einen Verkaufsstopp für E10 gefordert. Hat er Recht?

Mehr Getreide wird für E5 gebraucht

Niebel hat zunächst einmal falsch gerechnet. Gerade 15 Prozent des verkauften Benzins ist E10 mit zehn Prozent Alkoholbeimischung. 85 Prozent dagegen ist Benzin, dem fünf Prozent Alkohol zugesetzt wurden. Alles verkaufte E5 (Super und Super Plus) enthält deshalb fast dreimal so viel Getreide-Treibstoff wie die gesamte Menge an E10. Dann müsste man konsequenterweise auch auf E5 verzichten. Technisch wäre das kein Problem. Reines Benzin ohne jeden Alkohol verträgt jeder Benzinmotor – auch ohne jede Umrüstung. Das bestätigt gegenüber unserer Zeitung Klaus Picard, Hauptgeschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbands.

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Bio-Sprit E10: Die wichtigsten Infos

Weizen-Exporte sind keine Lösung

Doch wäre ein Verzicht auf die Alkoholbeimischung tatsächlich ein Beitrag gegen den Hunger in der Welt? Das ist mehr als fraglich. Denn dann müsste die EU, von der die Biosprit-Einführung ausging, um überschüssiges Getreide zu vermarkten, zur vorherigen Praxis zurückkehren, Getreide hochsubventioniert auf die Weltmärkte zu drücken.

Doch gerade diese Praxis stand in der Kritik, weil der spottbillige Weizen aus Europa dazu führte, dass in vielen ärmeren Ländern einheimische Bauern nicht mehr mithalten konnten und den Getreideanbau aufgaben. Das war auf lange Sicht für die Ernährungslage der betroffenen Länder verhängnisvoll, weil ihre Eigenversorgung zusammengebrochen ist.

Steigende Maispreise in den USA

Von der deutschen Getreideproduktion sind nach Angaben der Biokraftstoffindustrie nur vier Prozent in die Bioethanolproduktion geflossen. „Ein E-10-Verbot bliebe ohne Auswirkung auf die Ernährungslage in den Entwicklungsländern“, sagt Elmar Baumann vom Verband der deutschen Biokraftstoff-Industrie.

Ganz anders sieht die Lage in den USA aus, wo ehrgeizige Biosprit-Vorgaben dazu geführt haben, dass 40 Prozent der Maisernte zu Treibstoff verarbeitet wird. Nun steigen nach der Dürre in den USA die Maispreise. Doch das hat auf die Ernährungslage anderer Länder keinen direkten Einfluss, weil der restliche US-Mais in den USA ganz überwiegend als Tierfutter eingesetzt wird. Zum Problem wird es aber, wenn US-Rinderzüchter nun auf den Weltmärkten massiv fehlendes Futtergetreide zukaufen, das in anderen Ländern Menschen als Nahrung dienen könnte – aber durch eine steigende Nachfrage zu teuer wird. Indirekt wäre eine Drosselung der Biosprit-Produktion in den USA tatsächlich ein kurzfristiger Beitrag gegen den Hunger in ärmeren Ländern.

Suche nach besserem Biosprit

Dagegen kann wegen der geringen Mengen der geforderte Verzicht auf E10 die Ernährungslage auf der Welt nicht beeinflussen. Langfristig dagegen ist es notwendig, dem steigenden Nahrungsbedarf einer wachsenden Weltbevölkerung alle verfügbaren Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Auch deshalb gilt der heutige Biosprit nur als Übergangslösung. „Die nächsten Biosprit-Generationen sollen aus landwirtschaftlichen Abfällen sowie Holz oder Stroh entstehen“, fordert Picard. Auch schnellwachsende Algen im Meer gelten als aussichtsreicher Ansatz für künftige Energiepflanzen.

Bescheidener Nutzen für die Umwelt

Dennoch hat die Kritik an der Bio-Sprit-Beimischung ihre Berechtigung. Denn vor allem wird der Umweltnutzen des Alkohols im Sprit künstlich schöngerechnet. Er gilt als CO2-neutral, ist es aber in Wahrheit nicht. Schon bei der Produktion und dem Transport wird eine Menge fossiler Energie verbraucht – etwa in Traktoren und Lastzügen. Bei der Verwandlung der Biomasse zu Alkohol ist darüber hinaus viel Wärmeenergie nötig. Denn der vergorene Getreide- oder Zuckerrübenbrei muss mit hohem Energieeinsatz destilliert werden um reinen Alkohol zu gewinnen. Zwar wird an vielen Ecken geforscht, um die Produktion von Bio-Treibstoff energieeffizienter zu machen. Doch auch hier stehen die Entwicklungen am Anfang.

Wenig Probleme mit den Motoren

Ein Grund, warum nach wie vor die meisten Verbraucher auf E10 verzichten, ist der geringere Energiegehalt, der den Mehrpreis für E5 rechnerisch weitgehend aufwiegt. Doch inzwischen ergaben Untersuchungen, dass der Verbrauch beim E10-Einsatz weniger anstieg, als eigentlich zu erwarten war. Auch schädliche Auswirkungen des Alkohol-Treibstoffs auf ältere Motoren und Kraftstoffanlagen konnten so nicht belegt werden. Eine Untersuchung der Zeitschrift „Oldtimer-Markt“ ergab überraschend, dass Autos, die mit E10 betankt wurden, teilweise weniger Schäden aufwiesen als die Vergleichsfahrzeuge nach E5-Einsatz.

Von Martin Prem

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