Elektronik-Messe CES

Wenn das Auto den Unfall verweigert

Las Vegas – Die Elektronik-Messe CES in Las Vegas ist weltweit das wichtigste Treffen der Elektronikindustrie. Doch zunehmend tummeln sich Autohersteller auf diesem Terrain, weil Autos und Smartphones sich immer ähnlicher werden: Sie nehmen ihren Nutzern immer mehr Arbeit ab.

Zwei Passagiere sitzen hinten im Auto. Die Vordersitze sind verwaist. Der elektrische BMW i3 fährt ohne Fahrer. Wie von Geisterhand bewegt, dreht sich das Lenkrad. Den einzigen Befehl hat der Ingenieur Martin Friedl über eine Smartwatch von außerhalb des Autos gegeben. „Verräum Dich“ umschreibt er den Befehl.

Was der Münchner Autobauer hier demonstriert, ist keine wirklich ferne Zukunftsmusik mehr. Im nächsten Jahrzehnt könnte es soweit sein, sagt BMW-Forschungschef Christoph Grote. Das Auto ohne Fahrer, das sich selbstständig im Parkhaus die Lücke sucht, in der es sich verräumt, ist ein kaum verändertes Serienfahrzeug. Dass der Aktionsradius auf ein Parkhaus beschränkt ist, hat rechtliche Gründe. Technisch ist das selbstfahrende Auto weiter, als die meisten Menschen denken. Fahrten auf der Autobahn, bei denen der Fahrer nur noch zusieht, sind für Versuchsingenieure nichts Neues mehr. An unübersichtlichen Landstraßen und im Stadtverkehr sieht es noch anders aus. Doch auch hier geht die Entwicklung rapide voran.

Entscheidendes Hindernis auf dem Weg zum wirklich selbstfahrenden Auto sind ungeklärte Rechtsfragen. So gibt es internationale Übereinkommen, die Fahren ohne Fahrer verbieten. Sie müssen neu ausgehandelt werden. Außerdem ist völlig unklar, wer zahlt, wenn es doch einmal kracht. „Keine Technik ist perfekt“, räumt Grote ein. Die Versicherungswirtschaft ist zumindest aufgeschlossen. Sie rechnet damit, dass selbstfahrende Autos bei weitem mehr Unfälle verhindern, als sie verursachen. Seit der flächendeckenden Einführung von Sicherheitsgurt und ABS ist die Zahl der Verkehrstoten von 30 000 auf 3000 pro Jahr zurückgegangen. Grote rechnet damit, dass sich diese Zahl durch Automatisierung um 80 Prozent reduzieren ließe. Brems- und Spurassistenten gehören dazu. Dazu muss das Auto gar nicht autonom fahren.

Ein Schwestermodell des BMW i3, der menschenleer durch Parkhäuser navigiert, bewegt sich keinen Meter ohne Fahrer. Dafür sitzen die Automaten dem Fahrer als eine Art Oberaufseher im Nacken. Wenn der Fahrer den i3 zu forsch um eine Ecke fährt und eine Mauer streifen würde, bleibt er stehen wie ein störrischer Esel. Erst wenn der Fahrer den Lenkeinschlag korrigiert, lässt das Auto ihn weiterfahren. Auch stählerne Barrieren am Straßenrand, können bei diesem Auto keine Blechschäden mehr verursachen. Bei beiden i3 ist das meiste für ihre erstaunliche Fähigkeiten schon vorhanden. Stellmotoren für Antrieb und Bremse und die elektrische Lenkhilfe sind serienmäßig, sie müssen nur anders angesteuert werden. Lediglich vier Laserscanner rund ums Auto sind als zusätzliche Hardware eingebaut worden. Sie präzisieren das Bild, das Kameras, Radar und Ultraschallsensoren an den Bordcomputer liefern, so sehr, dass der Computer eine perfekte Karte der Umgebung erstellen kann.

Noch sind Laserscanner bei Stückpreisen von rund 1000 Euro für den Einsatz in der Großserie zu teuer. Doch wie überall in der Elektronik geht es mit den Preise rapide bergab. Alle anderen Änderungen werden über Softwareapplikationen eingespielt. Dass fast alle wichtigen Autohersteller derartige Neuerungen auf der Consumer Electronics Show (CES) präsentieren, die gerade in Las Vegas stattfindet und nicht eine Woche später auf der traditionellen Automesse in Detroit, hat darin seine Ursachen. Autos der Zukunft werden zunehmend eine Art Riesen-Smartphone auf Rädern. Bei der Bedienung von Elektronik, Navigation und Komfortfunktionen orientieren sich die Autobauer an den Elektronik-Giganten Samsung und Apple. Touchscreens und sogar Gestensteuerung sind nicht nur bei BMW in der Entwicklungs-Pipeline. Selbst bei der Ausstattung der Fahrzeuge wird die Welt der iPhones und Android-Geräte zum Maß der Dinge. Bei allen neuen BMW- Fahrzeugen sind – von Sportfelgen, Lederausstattung und ähnlichem abgesehen – alle Funktionen hardwaremäßig an Bord. Sogar eine Handy-SIM-Karte ist in jedem BMW fest installiert, damit das Auto drahtlos kommunizieren kann.

Ob man die vorgesehenen Sonderausstattungen nutzen will, kann man gleich beim Kauf entscheiden, oder auch später, in dem man die entsprechende Funktionalität wie eine Smartphone-App nachkauft und installiert, sogar befristete Zusatzausstattungen sollen möglich sein – wenn man beispielsweise den Dienst nur im Urlaub haben will.

Für BMW ist vor allem der Vormarsch von Assistenzsystemen, die immer offensichtlicher ins Fahrgeschehen eingreifen, eine harte Nuss. Ein Autobauer, der ganze Fahrzeuggattungen, aber auch einzelne Modellreihen mit dem Begriff „Activity“ schmückt, muss daran kauen, wenn immer mehr Helfer den Fahrer in eine passivere Rolle drängen. „Ich brauche keinen Automaten, der mir die Fahrfreude wegnimmt“, räumt Werner Huber, der Mann, der im Konzern für die Forschung an Fahrerassistenzsystemen verantwortlich ist. Auch BMW-Forschungschef Grote hält das Dilemma für lösbar. Im täglichen Berufsverkehr und im Stau könne von Freude am Fahren eh keine Rede sein. Da dürfen dann die Automaten ran – auch bei ermüdend langen Autobahnfahrten. Am Wochenende und auf kurvigen Landstraßen nimmt man dann, so Grote, das Lenkrad wieder selbst in die Hand.

Martin Prem

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Von wegen sauber: Diese Euro-6-Diesel verpesten die Luft
Im EcoTest stellte der ADAC die Euro-6-Diesel auf den Prüfstand: Das Ergebnis ist mehr als ernüchternd. Besonders Importeure fallen bei den Abgaswerten durch.
Von wegen sauber: Diese Euro-6-Diesel verpesten die Luft
Auto der Zukunft? Dieses Fahrzeug besteht aus Flachs
An der niederländischen Technik-Universität Eindhoven arbeitet man an einem ganz ausgefallenem Gefährt. Das Auto "Lina" besteht nämlich nur aus Bio-Materialien.
Auto der Zukunft? Dieses Fahrzeug besteht aus Flachs
VW-Studie ID Buzz ab 2022 als elektrischer Bulli im Handel
Im Rahmen des Concours d'Elegance im kalifornischen Pebble Beach hat VW den Serienstart des elektrischen Bullis ID Buzz angekündigt. Der E-Bulli soll allerdings erst ab …
VW-Studie ID Buzz ab 2022 als elektrischer Bulli im Handel
Falschbetankung: Motor nicht starten oder sofort ausstellen
Das Tanken eines Autos gehört eigentlich zur Routine eines Autofahrers. Trotzdem kann es vorkommen, dass versehentlich der falsche Kraftstoff ins Auto gelangt. Wer nicht …
Falschbetankung: Motor nicht starten oder sofort ausstellen

Kommentare