Thilo Jourdan, 48,leitet bei Siemens dieStraßenverkehrstechnik.

Ferienende gleich Verkehrschaos?

Experte: Stau-Fallen lassen sich entschärfen

München - Ferienende gleich Stau? Das muss nicht zwingend stimmen, wie Verkehrsexperte Thilo Jourdan im Interview mit dem Münchner Merkur erklärt.

Ferienende heißt auch Heimreiseverkehr und das bedeutet – Stau. Der ADAC prognostiziert, dass es an diesem Wochenende auf vielen Autobahnen wieder nur sehr langsam voran gehen wird. Besonders betroffen wird in Bayern der Großraum München sowie die Autobahnen A3, A6, A7, A8, A9, A93 und A95 sein. Doch viele Staus könnten mit der richtigen Technik verkürzt oder sogar ganz vermieden werden.

Diese Technik steckt vor allem in den mehr als 1000 Verkehrsleitzentralen, die der Siemens-Konzern weltweit ausgestattet hat. Zum Beispiel in der Leitzentrale der Autobahndirektion Bayern Süd in München. Von hier aus werden rund eine Million Fahrzeuge täglich auf etwa 1100 Kilometern Autobahn so gesteuert, dass es zu möglichst wenig Behinderungen kommt. Wie das funktioniert erklärt Thilo Jourdan, Leiter des Bereichs Straßenverkehrstechnik bei Siemens.

Herr Jourdan, stehen Sie oft im Stau?

(lacht) Ja, leider fast jeden Tag. Ich muss von Augsburg auf der A8 Richtung München, da ist in den Stoßzeiten viel los.

Und das, obwohl Sie mit Ihrer Technik doch Staus vermeiden wollen.

Der Verkehr von Westen nach München hat in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Dafür geht es noch recht flott voran. Das ist nur durch technische Maßnahmen möglich, die die Kapazität der Straße um bis zu 20 Prozent erhöhen.

Wie lässt sich die Kapazität einer Straße ohne Ausbau erhöhen?

Zum Beispiel, indem man zu Stoßzeiten den Standstreifen freigibt. Die Autofahrer sehen nur entweder ein rotes Kreuz oder einen grünen Pfeil auf der Anzeige über dem Standstreifen, doch dahinter steht ein großer technischer Aufwand.

Was passiert im Hintergrund in der Verkehrsleitzentrale?

Erst mal muss überprüft werden, ob der Standstreifen frei ist. Das funktioniert mit intelligenten Kameras, die Alarm schlagen, wenn ein Auto, Mensch oder Gegenstand auf dem Standstreifen steht. Wenn der Standstreifen frei ist und als zusätzliche Spur freigegeben wird, reduzieren wir automatisch die erlaubte Geschwindigkeit. Das erhöht die Sicherheit und steigert zusätzlich die Kapazität der Strecke.

Langsam können mehr Autos auf der Straße fahren als schnell?

Ja, die Kapazität erhöht sich, weil langsam fließender Verkehr dichter ist. Wenn Sie mich als Techniker fragen und nicht als Autofahrer: 80 Stundenkilometer sind besser als 150 Stundenkilometer.

Der Autofahrer Thilo Jourdan sieht das anders?

Der fährt ab und zu gern auch mal etwas schneller. (lacht)

Woher stammen die Daten, auf deren Grundlage die Entscheidungen in der Verkehrsleitzentrale getroffen werden?

Thilo Jourdan, 48,leitet bei Siemens dieStraßenverkehrstechnik.

Wir haben Kameras zum Beispiel an Mautmasten und Brücken, aber auch Sensorik im Boden der Fahrbahn, die uns Daten liefert, wie dicht der Verkehr auf einer Strecke gerade fließt. Damit stellen wir auch fest, ob hauptsächlich Autos oder viele Lastwagen unterwegs sind.

Klingt aufwändig. Wie viele Leute arbeiten in so einer Verkehrsleitzentrale?

In der Zentrale, die für die Autobahnen rund um München zuständig ist, arbeiten rund 15 Leute daran, dass der Verkehr fließt.

Lohnt sich der Einsatz teurer Technik denn?

Klar. Weniger Staus sind nicht nur gut für die Umwelt, sondern erhöhen auch die Sicherheit. Die Zahl der Unfälle sinkt um 15 bis 20 Prozent. Der CO2-Ausstoß liegt auf Strecken mit Verkehrsleittechnik sogar um 30 bis 50 Prozent niedriger, weil der Verkehr regelmäßiger fließt und kein ständiges Stop-and-Go herrscht.

Was lässt sich in Zukunft noch verbessern?

Vor allem die Kommunikation zwischen der Infrastruktur und den Autos, aber auch der Autos untereinander. Schon heute bekommen einige Fahrer aktuelle Verkehrsdaten per Navigationsgerät ins Auto, doch das läuft meist über eigene Zentralen der Hersteller. Wenn sich dieses System verbessern lässt, könnte man die Zahl der Staus weiter reduzieren.

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Gibt es irgendwann gar keine Staus mehr?

Nur, wenn wir das Autofahren ganz einstellen (lacht). Oder zumindest die Finger vom Lenkrad lassen. Beim sogenannten autonomen Fahren würde ein Computer automatisch die richtige Geschwindigkeit einstellen, so dass der Verkehr in einer einzigen Kolonne wie in Science-Fiction-Filmen fließt. Dann gäbe es wohl fast keine Staus mehr.

Interview: Philipp Vetter

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