Gelbe Engel mit Wagenheber

- München - Einen festen Arbeitsplatz hat Günther Brachem, 59, genau genommen nicht. Er flitzt, wie es für einen "Gelben Engel" des ADAC üblich ist, immer dorthin, wo er gerade gebraucht wird - und das seit 35 Jahren. Ein Büro hat er trotzdem: seinen Fiat Ulysse. Darin ist auch eine kleine Werkstatt untergebracht, in der sich vom Auspuff-Ersatzteil bis hin zur kleinen Handsäge alles findet. Brachem feiert übrigens heuer nicht nur sein Dienstjubiläum, sondern mit all seinen Kollegen auch noch den 50. Geburtstag des Pannendienstes.

<P>Fast immer mit<BR>offenen Armen empfangen<BR><BR><BR>Die Scheibenwischer arbeiten eifrig, aus den Lautsprechern tönt leise Musik, und das Datenfunk-Gerät rauscht gelegentlich. Jetzt zeigt dessen Display in roten Buchstaben an, dass zwei Hilfesuchende warten. Brachem rechnet mit leeren Batterien und kaputten Scheibenwischern: "Gerade an diesen dunklen Tagen lassen viele das Licht brennen." Doch bei seinem nächsten "Fall" ist es mit Aufladen nicht getan.</P><P>"Wir haben nur Post eingeworfen und wollten wieder losfahren, da hat er keinen Mucks mehr gemacht", sagt eine ältere Dame und deutet auf den dunkelblauen VW-Bus. Sie und ihr Mann warten schon seit fast zwei Stunden in der Kälte. "Tut mir Leid, aber es geht furchtbar zu heute", entschuldigt sich Brachem und schließt das Starthilfekabel an. Es rührt sich nichts. Der Anlasser ist kaputt. Da hilft nur eines: Anschleppen. Im Nu hat Brachem das Seil montiert, und nach ein paar Metern läuft der Bus wieder. "Geben Sie Obacht, dass der Motor bis zur Werkstatt nicht abstirbt", warnt Brachem noch, bevor es zum nächsten "Termin" geht.</P><P>Fast immer wird Brachem mit offenen Armen empfangen. Nach der Ausbildung zum Kfz-Mechaniker musste er, um Pannenhelfer zu werden, zwei Jahre Berufserfahrung nachweisen und Lehrgänge absolvieren. Lehrgänge sämtlicher Automobil-Hersteller gehören immer noch zum Beruf des Münchners, der vor allem im Osten der Landeshauptstadt unterwegs ist. "Die Technik schläft ja nicht", meint der 59-Jährige und sucht im ADAC-Straßenatlas nach der Sandgrubenstraße, dem nächsten Einsatzort. "Man kann schließlich nicht vor einem Auto stehen bleiben und sagen, das mach' ich nicht." Beim ADAC ist Erfahrung gefragt. Wenn ein Scheibenwischer kaputt ist, so liege es oft nur daran, dass sich eine Mutter gelöst habe - bei älteren Modellen sei meist das Gestänge ausgeschlagen.</P><P>Welches Problem ihn als Nächstes erwartet, weiß Günther Brachem nicht. Das Display zeigt nur an, dass das betreffende Auto in einer Tiefgarage steht. "Mit der Beleuchtung sieht es nicht so gut aus hier", entschuldigt sich der Eigentümer. Der Scheinwerfer in Brachems Kofferraum bringt Licht ins Dunkel. Als er den Motorraum öffnet, sagt der ADAC-Helfer: "Der schaut ja noch aus wie neu."<BR>Erst 13 000 Kilometer hat der Mazda auf dem Buckel, doch sein Besitzer ließ ihn lange in der Garage stehen. "Das ist die Selbstentladung, ganz normal", erläutert Brachem, schließt das Ladegerät an und nimmt schon einmal die Daten auf, während die Batterie gespeist wird. "Diese Batterie, falls sie doch kaputt sein sollte, kriegen Sie nur bei Mazda. Die Japaner haben eigene Maße", erklärt Brachem, und der Mann streckt ihm seine Mitgliedskarte entgegen. "Sogar die goldene", merkt er an. Brachem notiert sich die Mitgliedsnummer sowie Fahrzeugtyp und Kilometerstand. Die Daten sind für den ADAC wichtig: "Die Berichte werden gesammelt, und in der ADAC-Motorwelt steht dann, welche Autos wie oft kaputtgehen", so Brachem.</P><P>Was ihm an seinem Beruf gefällt, sind vor allem die Vielseitigkeit und die Unabhängigkeit. Unbequem wird es allerdings, wenn er sich, etwa um einen kaputten Auspuff wieder zu montieren, mit einem überdimensionalen Wagenheber unter ein Fahrzeug legen muss. "Das ist vor allem bei schlechtem Wetter nicht besonders schön", sagt er.</P><P>Als Autoelektronik<BR>noch Zukunftsmusik war</P><P>1969, als Günther Brachem anfing, "hat es zum Beispiel noch keine Elektronik gegeben, es gab nur mechanische Fehler". Mobilfunk war Zukunftsmusik, alles lief per Sprechfunk. Seit etwa zwei Jahren sind Einsätze auf der Autobahn seltener geworden. "Vielleicht, weil die Autos immer besser werden", spekuliert er. Seit einem Vierteljahr haben die Pannenhelfer einen Laptop bei sich, der bei Fahrzeugmodellen nach Baujahr 2001 über einen Euro-Stecker bei der Diagnose hilft, indem er die Fehler direkt aus dem Motorsteuergerät erkennt.</P><P>Acht Stunden dauert Brachems Schicht. In dieser Zeit erledigt er im Schnitt acht Einsätze. Dazwischen meldet er sich ab, um sich an einem Imbiss-Stand zu stärken. Erst einmal drückt er aber dem Mazda-Besitzer einen Durchschlag in die Hand. "Das ist nur für die Statistik", sagt er, und der Mann meint zufrieden: "Ah, keine Rechnung."<BR></P>

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