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Es wird gemauschelt, was das Zeug hält.

Offizielle Abgas-Werte weichen ab

Die große Sprit-Lüge: tz beantwortet die wichtigsten Fragen

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Erst das Atemgift NOx, nun auch der Klimakiller CO2. Der internationale Umweltforscher-Verbund ICCT – Enthüller des VW-Abgas-Skandals – erhebt mit einer neuen Untersuchung schwere Vorwürfe gegen die Autoindustrie.

Während die Vereinten Nationen in Marrakesch um weitere Schritte im Kampf gegen die globale Erwärmung ringen, ziehen die Wissenschaftler eine alarmierende Zwischenbilanz zum tatsächlichen Treibhausgas-Ausstoß vieler Fahrzeuge – mögliche finanzielle Folgen für Staat und Autofahrer inbegriffen.

Was haben die Forscher festgestellt?

Auf der Straße verbrauchten neue Pkw 2015 im Schnitt 42 Prozent mehr Sprit, als die Hersteller im Prospekt offiziell angeben. Vor fünf Jahren hatte eine frühere Studie noch einen Unterschied von 23 Prozent, vor zehn Jahren von 15 Prozent ergeben. Je strenger die politischen Vorgaben, desto dreister die Tricks: Nach der EU-Einigung auf verpflichtende CO2-Autoregeln 2008 sanken die offiziellen Werte „deutlich schneller“ – aber der echte Ausstoß des Treibhausgases längst nicht im selben Maß. „Besonders hohe Abweichungen werden im Premium-Segment beobachtet“ – mit mehr als 50 Prozent höheren Verbrauchswerten. Vor allem beim Start einer neuen Modellgeneration sei der Anstieg oft sprunghaft.

Was bedeutet das für die Verbraucher?

Neben möglichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen und den Folgen für die Erderwärmung gehen die Tricksereien auch ans Geld: Die durchschnittlichen Spritkosten sind laut ICCT rund 450 Euro jährlich höher als die Herstellerangaben vermuten lassen. Spritverbrauch zu hoch? Das sollten Autobesitzer jetzt tun.

Wie kommt es zu der immer größer werdenden Kluft bei den Messungen?

Die Fahrzeughersteller nutzen „immer systematischer Schlupflöcher in der bestehenden Regulierung aus“, meint ICCT-Europa-Chef Peter Mock. So werden für die Tests Reifen oder Batterien optimiert sowie die Klima­anlagen abgeschaltet.

Wie haben die ICCT-Experten ihre Zahlen erhoben?

„Wir haben die Daten für etwa eine Million Fahrzeuge aus sieben europäischen Ländern untersucht“, so ICCT-Mitglied Uwe Tietge. Dabei griffen die Forscher auf Angaben privater Autonutzer bei spezialisierten Verbrauchs-Webseiten, Tankdaten von Leasingfirmen, Straßentests von Fachzeitschriften und Messungen von Autoclubs zurück.

Was sind die Folgen der CO2-Mauscheleien?

Für Europa hat das Thema CO2 mehr Sprengkraft als für den wichtigen Automarkt USA. In der EU richten sich Hauptziele der Klimapolitik an der Verringerung von Kohlendioxid aus, die Regulierung wird bald noch verschärft. Und auch die Kfz-Steuer hängt maßgeblich am Verbrauch und den CO2-Werten.

Was sagt die Autoindustrie?

Die Autobauer versprechen baldige Besserung: Dass es grundsätzliche „ärgerliche Unterschiede zwischen Labor- und Straßenwerten“ gebe, sei seit Langem klar, so der Verband VDA. Die ab 2017 geplanten Straßenmessungen und genaueren Bedingungen für Prüfstandtests würden solche Diskrepanzen verringern. „Der Verbraucher bekommt mehr Verlässlichkeit.“ Die vom ICCT vorgelegten Daten seien „nur bedingt belastbar“: Sie bezögen sich nicht auf eigene Messungen, sondern auf Zweitauswertungen der Daten von Autofahrern oder Fachpublikationen.

So tricksen die Autohersteller: Unterschied zwischen offizieller Hersteller-CO2-Angabe und den tatsächlich von ICCT ermittelten Emissionen finden Sie hier.

Was bringen die neuen Testverfahren?

Ab 2017 werden mit tragbaren Messsystemen die Emissionen im realen Straßenverkehr überprüft. ICCT-Experte Mock sieht diese Real Drive Emissions (RDE) mit gemischten Gefühlen: „Die neue Testprozedur wird helfen, die Abweichung in etwa zu halbieren. Gleichzeitig gibt es jedoch Schlupflöcher in der neuen Regulierung.“ Der ökologisch ausgerichtete Verkehrsclub Deutschland (VCD) sieht die Gefahr neuer Tricksereien: „Die zuständigen Politiker im Verkehrs- und Umweltministerium in Berlin wie auch in Brüssel müssen dem endlich einen Riegel vorschieben.“ 

Stichwort: ICCT

Als Verbund von Umwelt- und Technikforschern aus verschiedenen Ländern hat sich der International Council on Clean Transportation (ICCT) in den letzten Jahren vor allem mit der Autoindustrie angelegt. Die unabhängige und über Stiftungsgelder finanzierte Organisation gehörte zusammen mit der West Virgina University zu den Enthüllern des VW-Abgas-Skandals. Ihre Daten führten maßgeblich dazu, dass sich die Umweltbehörden den Schadstoffausstoß von Dieselautos genauer anschauten – „Dieselgate“ war die Folge. Heute hat der 2005 gegründete ICCT etwa 40 feste Mitarbeiter. Europa-Chef ist der Ingenieur Peter Mock, der zuvor in der Umweltabteilung des Daimler-Konzerns tätig war.

Mit einer Kaufprämie für Elektro- und Hybridmobile möchte die Bundesregierung den Umstieg zu alternativen Antrieben reizvoll machen. Welche E-Autos und Plug-in-Hybride es in Deutschland gibt lesen Sie hier.

Klimakiller? Was es aus dem Auspuff bläst 

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