Wie kommen all die Straßen ins Navi?

München - Der Markt für Navigationsgeräte boomt. Alleine in Deutschland haben sich im letzten Jahr etwa zwei Millionen Autofahrer für einen mobilen Pfadfinder entschieden, für 2007 sprechen die Prognosen sogar von rund vier Millionen verkauften Geräten. Damit aber die freundliche Computerstimme im Cockpit den Fahrer präzise und schnell zum Ziel lenken kann, benötigt das Programm eine Unmenge von Informationen. Straßennamen, Hausnummern, Abbiegeverbote und Einbahnstraßen müssen als digitale Kartendaten zur Verfügung stehen.

Unternehmen wie etwa Tele Atlas sammeln deshalb alle möglichen Informationen wie früher die alten Landvermesser und neuzeitlichen Kartographen, wobei heutzutage allerdings modernstes Know How zur Verfügung steht. Die so erstellten Kartendatenbanken kommen u. a. bei Navis, bei Routenplanern im Internet, bei Handys und bei Paketauslieferungen der Deutschen Post zum Einsatz.

Die Informationen werden auf zwei Arten zusammengetragen. Zum einen werden Quellen wie Luftbilder und offizielle Karten ausgewertet. Doch ein großer Teil der angezeigten Strecken wird auch tatsächlich abgefahren. In Europa beispielsweise sind bei Tele Atlas für das so genannte "Mobile Mapping" zurzeit 22 Fahrzeuge mit High-Tech-Equipment im Einsatz. Die umgebauten Wohnmobile sind mit sechs Kameras ausgestattet, die eine 360 Grad Rundumsicht garantieren.

Die Apparate schießen jeweils drei Bilder pro Sekunde, die auf einer Festplatte im Fahrzeuginnern gespeichert werden. Gleichzeitig wird für jedes Bild per GPS ermittelt, wo es genau geschossen worden ist. Die Daten werden erst an die Zentrale des Unternehmens in Gent geschickt und gehen von dort aus per DVD nach Indien. An zwei Standorten werten Mitarbeiter die Bilder aus, alle für den potentiellen Nutzer wesentlichen Informationen müssen dabei herausgefiltert werden.

Alle Autobahnen und größeren Verbindungsstraßen werden in regelmäßigen Abständen in Augenschein genommen, da sich die Datenlage häufig ändert. 60 000 bis 120 000 Straßenkilometer werden so pro Fahrzeug und Jahr mit den Kameras erfasst.

Dabei richtet sich die Geschwindigkeit des Wagens nach den Lichtverhältnissen. Bei idealer Sicht sind maximal 130 km/h möglich, bei schlechten Wetterverhältnissen eventuell nur 50 km/h. Die gesammelten Daten werden den Herstellern von Navigationsgeräten verkauft, die ihre Produkte anschließend mit den von ihnen gewünschten Daten bestücken. Im Moment deckt Tele Atlas weltweit etwa 64 Länder mit 21,3 Millionen Straßenkilometern ab. Eine große Nachfrage besteht im Moment nach Kartendaten von Osteuropa, der Türkei und China. Hier scheitern die technischen Möglichkeiten zum Teil aber an rechtlichen Vorschriften. "Mobile Mapping" ist in Russland beispielsweise nicht erlaubt, da nicht von jeder Gegend Fotos gemacht werden dürfen. Hier müssen die Kartographen die notwendigen Daten auf die altmodische Art zusammentragen -mit den eigenen Augen und den Händen.

In Zukunft sollen aber auch Fußgänger die digitalen Lotsen auch für den Einkauf in der Innenstadt nutzen können. Zur besseren Orientierung wird der Bildschirm zudem die Wirklichkeit deutlicher abbilden: Städte sieht man dann mit allen Gebäuden in 3-D-Optik. Im Moment arbeitet man eifrig an verlässlichen Innenstadtkarten für Fußgänger. Während auf dem Display bislang nur offizielle Straßen angezeigt werden, die von Autos genutzt werden können, sind dann auch Fußwege und kleine Verbindungssträßchen abrufbar.

Für die weitere Zukunft schwebt den Entwicklern von digitalen Karten ein multifunktionales Navigationsgerät mit Internetverbindung vor: Wenn der Benutzer unterwegs ist, könnte das Display beispielsweise lokale Events anzeigen. Das griechische Restaurant um die Ecke wäre außerdem nicht nur mit den Öffnungszeiten, sondern auch mit der aktuellen Speiskarte vertreten, die man ganz einfach per Knopfdruck abrufen könnte.

Im Moment ist Tele Atlas ebenso wie Mitbewerber Navteq dabei, 3- D-Stadtpläne in sein Angebot aufzunehmen. Bisher kann man nur einzelne Sehenswürdigkeiten wie das Brandenburger Tor oder den Eiffelturm dreidimensional sehen. Doch bis Ende 2008 sollen 50 Großstädte komplett abrufbar sein, Berlin, Paris, Amsterdam, London und Rom werden bereits heuer im Juli fertiggestellt. Da aber diese Datenmengen riesig und die Speichermengen der Geräte begrenzt sind, ist allerdings fraglich, ob und in welcher Form die Stadtpläne schließlich in die Navis kommen werden.

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