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Tachomanipulation: Der Begriff ist weitverbreitet, aber genau genommen nicht ganz korrekt. Denn nicht die angezeigte Geschwindigkeit ist manipuliert, sondern der Wert, den der Kilometerzähler anzeigt.

Vorsicht beim Gebrauchtwagen-Kauf

Ganoven haben leichtes Spiel beim Tacho-Betrug

Nünchen - Bei zehn bis 30 Prozent der Gebrauchtwagen wurde der Kilometerstand zurückgeschraubt, um sie teurer zu verkaufen. Die Hersteller machen es den Ganoven leicht, kritisiert der ADAC.

Manchmal sollte man als Autokäufer genau hinhören. Ein Rentner habe das Auto besessen und sei kaum gefahren, erzählt der Verkäufer den Interessenten für einen Gebrauchtwagen mit für das Alter erstaunlich geringem Kilometerstand. Rein äußerlich ist nichts an dem Auto auszusetzen. Das Wartungsheft sei leider verloren gegangen, so der Händler. Viel spricht dafür, dass hier etwas nicht stimmt. Bei 30 Prozent aller Gebrauchtwagen wurde nach Schätzungen des ADAC und der Polizei beim Kilometerstand getrickst. Immerhin zehn Prozent räumt auch der Auto-Herstellerverband VDA ein.

Dabei sieht der Autoclub eine Mitverantwortung der Hersteller. Diese machen es den Betrügern leicht. Denn die Daten über den Kilometerstand im Bordcomputer sind oft ungeschützt. Das ermöglicht es auch den Verkäufern eines Neuwagens, Testfahrten mit dem Auto zu löschen, um ein echtes Neufahrzeug und nicht eines mit 40 Kilometern auf dem Tacho zu übergeben. Doch es eröffnet auch anderen den Zugang ins Datenherz des Autos und ermöglicht Manipulationen.

Teure Folgeschäden sind programmiert

Wer den Kilometerstand eines Autos schönt oder schönen lässt, kann in den meisten Fällen einen erklecklichen Zusatzgewinn einstreichen (siehe Grafik). Den Schaden hat der Käufer, der wesentlich mehr für das Auto zahlt, als es eigentlich wert ist.

Doch das ist nur der kleinere Teil des Schadens. Wenn ein zurückgedrehter Tacho dem Käufer vorgaukelt, dass der Zahnriemen für die Ventilsteuerung noch zehntausende Kilometer hält, obwohl er eigentlich längst am Ende seiner Lebenserwartung angelangt ist, sind schwere Schäden programmiert. Wenn dieser Riemen reißt, gerät die feine Abstimmung der vielen bewegten Teile im Motor aus dem Takt: Geöffnete Ventile krachen auf den Kolben, werden verbogen oder herausgerissen, zerstören die Lauffläche der Zylinder und beschädigen auch Kurbelwellen und Gehäuse. Kapitale Motorschäden sind beim Reißen eines Zahnriemens nahezu unvermeidbar.

Diagnosegerät hilft den Betrügern

Gemessen daran ist die Manipulation ein Kinderspiel. Für zum Teil unter 200 Euro wird im Internet ein voll funktionsfähiger Nachbau des einstmals teuren Auto-Diagnosegeräts Digiprog III angeboten. Damit kann man nach defekten Relais etwa an der Klimaanlage oder funktionsunfähigen Sensoren fahnden, wenn man das Gerät an die OBD-Schnittstelle des Autos angeschlossen hat. Aber es gibt auch eine Funktion „Tacho-Adjust“, mit der man den Kilometerstand der meisten Automodelle nach Belieben verändern kann – was verboten ist. Gibt man die Wunschzahl ein, sendet das Digiprog III den manipulierten Kilometerstand an alle Stellen im Bordnetz, in denen die Laufleistung des Auto gespeichert ist.

Durch Widersprüche im Computer allein kommt man der Manipulation nicht auf die Spur. Da muss man schon nach anderen Dingen fahnden. Wenn im Motorraum ein Zettel an den nächsten Ölwechsel bei 160 000 Kilometern erinnert, der Tacho aber 98 000 gefahrene Kilometer anzeigt, dann stimmt etwas nicht. Doch nur sehr dumme Betrüger hinterlassen solch verräterische Spuren.

Nach Spuren der Manipulation suchen

Mehr Glück hat man manchmal, wenn einem Vertragswerkstätten der Hersteller weiterhelfen. Wenn man ein Auto mit 100 000 Kilometern gekauft hat, der Computer der Werkstattkette aber bei Eingabe der Fahrzeugdaten die letzte Inspektion bei 140 000 Kilometern ausspuckt, hat man wohl einen Betrüger überführt. Doch nicht alle Werkstätten sind in dieser Hinsicht kooperativ. Und wer sein Auto bei einer freien Werkstatt warten lässt, hinterlässt keine entsprechenden Daten. Dann kann es immer noch weiterhelfen, die früheren Fahrzeughalter aus den Fahrzeugpapieren zu ermitteln und sie nach dem Kilometerstand des Autos zu fragen. Auch die Münchner Polizei kam mit solchen Recherchen auf die Spur von 100 Verdächtigen in einem Verfahren um Tachomanipulation.

Sicherheitstechnik ist oft nur nicht aktiviert

„Wir werden die Betrügereien nicht völlig verhindern können“, sagt Markus Sippel, Leiter Fahrzeugtechnik beim ADAC gegenüber unserer Zeitung. „Wir wollen aber, dass die Hersteller die Manipulationen erschweren und sie damit teuer machen.“

Doch was den Testern auffiel, weist in eine andere Richtung. Da haben Steuergeräte schon die entsprechende Sicherheitstechnik installiert. Sie ist aber schlicht nicht aktiviert. Andere gehen inzwischen weiter. Bei BMW ist Manipulation auch noch möglich. Doch nicht mehr auf Knopfdruck. Da muss der betrügerische Verkäufer oder sein Helfer eine Platine freilegen und zwei oder sogar mehrere Kontakte überbrücken – um am Tachostand zu tricksen. Das erschwert die Tricksereien und macht sie teurer.

Martin Prem

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