Der Mensch hinter dem Verkehrssünder

- München - Stand jetzt die Fußgängerin links oder rechts am Straßenrand? Verkehrsszenen flackern schnell über den Computerschirm. Kaum Zeit, sich zu entscheiden, kaum Zeit, die richtige Antwort mit dem Infrarot-Stift anzutippen. Von wegen Idiotentest - die Aufgaben bei der medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU) sind anspruchsvoll. Die Aufregung ist groß, für viele ist die MPU die letzte Chance, je wieder an eine Fahrerlaubnis zu kommen.

<P>Meist ist schon allerhand passiert, bevor man im Wartezimmer einer Begutachtungsstelle Platz nimmt. Zweimal mit Alkohol am Steuer oder eine Alkoholfahrt über 1,6 Promille, Drogendelikte, 18 Punkte in Flensburg, aggressives Verhalten: Unter diesen Umständen verlangt die Führerscheinstelle das kostenpflichtige Gutachten, wenn man eine neue Fahrerlaubnis beantragt hat. Der Antragsteller darf entscheiden, bei welchem autorisierten Betrieb er zur Untersuchung will, die Behörde schickt die Akte weiter. 112 539 medizinisch-psychologische Untersuchungen wurden 2002 in Deutschland durchgeführt, die Führerscheinstelle der Stadt München ordnete im vergangenen Jahr 1740 Mal die MPU an.<BR><BR>"Wir leisten einen Beitrag zur Verkehrssicherheit", sagt Gerhard Laub vom Medizinisch-Psychologischen Institut des TÜV Süd in München. Die Begutachtung diene dazu, die Zweifel der Behörden an der Fahrtauglichkeit auszuräumen. Drei Teile muss man dabei über sich ergehen lassen: Nach der medizinischen Untersuchung wartet der Reaktionstest. Verkehrssituationen erscheinen für einen Augenblick auf dem Computerbild, dann wird der Bildschirm wieder dunkel, man muss Fragen beantworten. Wo stand der parkende Lkw? Bei anderen Tests werden Reaktion und Schnelligkeit verlangt. Der Adrenalinspiegel steigt, man fühlt sich überfordert. Dann wartet der Psychologe, die schwerste Hürde der MPU. <BR><BR>"Der Antragsteller muss sein Problem erkannt haben und zeigen, dass er etwas geändert hat", erläutert Psychologe Josef Plab, Leiter der Münchner Institutsniederlassung des TÜV Süd. Es gehe dabei um weit mehr als nur um den Führerschein. "Alkohol- oder Drogenprobleme fallen nicht vom Himmel. Wir suchen nach dem Menschen hinter dem Alkoholfahrer und nach seiner Geschichte."<BR>Zur MPU kommen hauptsächlich Männer zwischen 25 und 40. "Ansonsten sitzt der einfache Arbeiter ebenso vor uns wie der Professor oder Politiker", sagt Laub. <BR><BR>In 40 Prozent der Fälle äußern sich Laub und seine Kollegen im Gutachten negativ. Die Stadt München schätzt, dass jeder Zweite die MPU nicht besteht. Eine Vorbereitung mit psychologischer Unterstützung ist kein Muss, aber ratsam. In diese Marktlücke stoßen unseriöse Anbieter. "Wenn einem garantiert wird, dass man nach dem Kurs seinen Führerschein wieder bekommt, sollte man besser die Finger davon lassen", rät Laub. Auch Carmen Liebs vom Verein "Beratung und Aufklärung bei Führerscheinproblemen" warnt vor schwarzen Schafen. Alarmzeichen seien Festpreise und pauschale Angebote, achten sollte man auf die Qualifikation des Therapeuten.<BR><BR>Generell empfiehlt Liebs, sich gleich nach dem Verlust des Führerscheins zu informieren. Viele wüssten gar nicht, dass sie eine MPU brauchen, um wieder eine Fahrerlaubnis zu bekommen. Bei Alkoholvergehen sei auch das Sammeln von Leberwerten sinnvoll, diese können verlangt werden, um die Abstinenz nachzuweisen. "Ich kenne viele Fälle, in denen etliche Jahre vergehen, bis die MPU klappt, nicht zuletzt durch das Informationsdefizit." Weiter fordert Liebs mehr Transparenz. "Auf Wunsch soll man eine Mitschrift des psychologischen Gesprächs bekommen können." Das sieht der ADAC ähnlich. "Viele können sich mit dem Ergebnis des Gesprächs nicht identifizieren", kritisiert Marcus Schäpe, Verkehrsjurist beim ADAC in München. Die Dokumentation des Beratungsgesprächs würde die Qualität der MPU erhöhen.<BR><BR></P>

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