+
Schilderwald auf deutschen Straßen. Das Verkehrsrecht verwirrt viele Autofahrer. Mythen halten sich hartnäckig.

Gilt die Lichthupe als Nötigung?

Populäre Irrtümer der Autofahrer

München - Blinken ist nie verkehrt, und wer die Lichthupe benutzt, macht sich immer strafbar – Rechtsirrtümer im Straßenverkehr sind in Deutschland zuhauf im Umlauf.

Der Regelungsdschungel auf deutschen Straßen hat schon so manchen Autofahrer Nerven gekostet. Für fast jede Situation gibt es in der Straßenverkehrsordnung (StVO) die passende Vorschrift. Hartnäckig halten sich aber auch hier einige beliebte Irrtümer.

-Die Parkuhr ist kaputt, also kann ich umsonst parken.

Leider falsch – wenn ein Parkautomat nicht funktioniert, muss der nächste aufgesucht werden. Sind alle Maschinen in der Umgebung defekt, darf mit Parkscheibe maximal bis zur angegebenen Höchstparkdauer geparkt werden. Wer übrigens den Beifahrer vorschickt, damit er eine gerade frei gewordene Parklücke frei hält, kann Pech haben. Denn rechtlich gesehen hat das erste Auto am Parkplatz Vorrecht. Reservieren darf man hier nicht.

-Wer in einen Kreisverkehr einfährt, darf nicht blinken.

Richtig. Viele Autofahrer blinken rechts, wenn sie in einen Kreisel fahren. Erlaubt ist das aber nicht. Das Blinken beim Ausfahren dagegen ist Pflicht, denn nur so wissen andere Fahrer, ob sie gefahrlos in den Kreisel fahren können.

-Wer mit High-Heels am Steuer erwischt wird, muss zahlen.

Falsch. Tatsächlich ist die Frage des Schuhwerks in der StVO nicht geregelt. Wer also in High-Heels oder Flip-Flops in eine Verkehrskontrolle gerät, muss keine Strafe fürchten. Wird der Fahrer jedoch in einen Unfall verwickelt, kann ihm das Gericht laut ADAC durchaus eine Mitschuld wegen Verletzung der Sorgfaltspflicht zusprechen. Auch der Versicherungsschutz der Kaskoversicherung kann erlöschen.

-Wie laut ich die Musik im Auto aufdrehe, geht außer mir niemanden etwas an.

Falsch. Dass man die Musik im Auto so laut aufdrehen darf, wie man möchte, ist ein weit verbreiteter Irrtum. Wird das Gehör des Fahrers durch die Musik so beeinträchtigt, dass er zum Beispiel einen kreuzenden Krankenwagen nicht wahrnimmt, liegt eine Ordnungswidrigkeit vor, die mit bis zu 20 Euro geahndet wird.

-Mit dem Handy in der Hand Auto fahren ist verboten. Einen Anruf schnell wegdrücken ist aber kein Problem.

Falsch. Wer während des Fahrens einen eingehenden Anruf auf seinem Handy wegdrückt, muss ebenfalls zahlen. Denn auch das bloße Abweisen eines Anrufs gilt als Benutzung des Geräts und zieht ein Bußgeld von 50 Euro nach sich.

-Die Kfz-Haftpflicht muss immer zahlen – auch bei einem Unfall mit Sommerreifen im Winter.

Richtig. „Es ist generell sehr selten, dass die Kfz-Haftpflicht nicht zahlt – zum Beispiel bei Alkohol oder Drogeneinfluss am Steuer“, so Jochen Oesterle vom ADAC. Auch bei der falschen Reifenwahl kann sich die Versicherung nicht aus der Haftung ziehen. Gerät ein Fahrer auf schneeglatter Straße in einen Unfall und hat noch Sommerreifen aufgezogen, trägt er zwar in jedem Fall eine Mitschuld. Seine Haftpflichtversicherung zahlt aber selbst bei grober Fahrlässigkeit – unabhängig von der Reifenwahl. Die Kaskoversicherung dagegen kann sich weigern, den Schaden am eigenen Fahrzeug zu übernehmen. Der ADAC empfiehlt, sich den Versicherungsvertrag genau anzuschauen. „Bei guten Vollkasko-Tarifen ist die vollständige Übernahme des Schadens auch bei grober Fahrlässigkeit mit drin“, sagt Oesterle.

-Wer auf der Autobahn von hinten mit der Lichthupe kommt, begeht Nötigung.

Falsch. Zumindest außerhalb geschlossener Ortschaften ist es durchaus erlaubt, mit Hupe und Lichthupe seine Überholabsicht kundzutun. Allerdings: Drängeln ist Nötigung, mit oder ohne Lichthupe.

Bei der Sache? Die Sünden hinterm Steuer

Bei der Sache? Die Sünden hinterm Steuer

-Bei einem Auffahrunfall ist immer der hintere Fahrer schuld.

Falsch. Entgegen der landläufigen Meinung ist bei Auffahrunfällen nicht zwangsläufig der hintere Fahrer schuld. Wer grundlos oder zum Beispiel für ein kleines Tier bremst und die Stoßstange des Hintermanns im Heck hat, kann trotzdem eine Mitschuld bekommen.

Allerdings hat der hintere Fahrer bei Auffahrunfällen laut ADAC meist die schlechteren Karten. Denn er muss erst einmal beweisen, dass der Vordermann grundlos gebremst hat. „Da er den Sicherheitsabstand nicht eingehalten hat, trifft ihn in jedem Fall die Hauptschuld“, sagt der Rechtsexperte.

-Wenn es neblig wird, sollte man immer die Nebelschlussleuchte anschalten.

Falsch. Viele Autofahrer fahren bei schlechter Sicht grundsätzlich mit angestellter Nebelschlussleuchte. „Funzel aus!“, mögen sich viele Fahrer denken, die sich von der grellroten Leuchte des Vordermanns geblendet fühlen. Und sie haben in den meisten Fällen Recht: Das Fahren mit Nebelschlussleuchte erlaubt der Gesetzgeber nur bei Sichtweiten unter 50 Metern, das entspricht dem Abstand zwischen zwei Leitpfosten. Ist die Sicht so schlecht, darf außerdem nur noch mit einer Geschwindigkeit von maximal 50 Stundenkilometern gefahren werden.

-Beim Reißverschlussverfahren sollte man versuchen, so bald wie möglich die Spur zu wechseln.

Falsch. Denn vorgeschrieben ist, dass alle verfügbaren Spuren bis zum Ende ausgefahren werden müssen. Wer also links am Stau vorbeifährt und am Ende der Spur einfädeln möchte, ist im Recht. Lässt der vorderste Fahrer den vermeintlichen Drängler nicht einscheren, kann das sogar den Tatbestand der Nötigung erfüllen.

-Wenn ich im Parkhaus ein Auto anfahre, sollte ich immer auf den Geschädigten warten oder die Polizei rufen – sonst ist das Fahrerflucht.

Richtig. Bei einem Parkrempler reicht es nicht, einen Zettel unter den Scheibenwischer zu klemmen. „Verkratzt man beim Ausparken ein fremdes Auto, sollte man tatsächlich immer bei der Polizei anrufen“, so der ADAC. „Die Beamten nehmen dann die Personalien auf und entscheiden, ob Sie gegebenenfalls an der nächsten Dienststelle vorbeifahren müssen.“ Benachrichtigt wird der Geschädigte dann von der Polizei. Ist kein Handy in Reichweite, ist der Fahrer verpflichtet, etwa eine Stunde zu warten. Taucht der Geschädigte bis dahin nicht auf, muss die Polizei informiert werden.

-Nach einem Unfall muss ich so schnell wie möglich die Spur räumen.

Falsch. Passiert im Berufsverkehr ein Unfall, ist der Rückstau oft kilometerlang. Laut dem ADAC sind die Unfallbeteiligten aber nicht zwingend verpflichtet, die Spur sofort zu räumen. Ist die Schuldfrage strittig, sollte erst einmal das Warndreieck aufgebaut werden. Die Fahrer sollten den Schaden und die Position der Fahrzeuge fotografieren und bei Bedarf die Polizei informieren.

-Beim Unfall mit einem Geisterfahrer kann seine Haftpflicht die Zahlung verweigern.

Richtig. Jochen Oesterle erklärt: „Ist der Geisterfahrer unabsichtlich auf die falsche Fahrbahn gekommen, zahlt seine Haftpflicht in jedem Fall.“ Handelt es sich aber nachweislich um einen Suizidversuch, kann auch die Haftpflicht die Zahlung verweigern. Der Geschädigte bekommt seinen Schaden aber auf jeden Fall ersetzt: Hier springt in Deutschland die Verkehrsopferhilfe ein.

Daniela Beer

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Verbrauche ich weniger Sprit, wenn der Tank nicht voll ist?
Viele Autofahrer glauben, dass sie Sprit sparen, wenn sie nicht volltanken – denn so hat das Fahrzeug weniger Gewicht zu schleppen. Doch geht die Rechnung auf?
Verbrauche ich weniger Sprit, wenn der Tank nicht voll ist?
Bereits gefahren: Überarbeitete Ducati Multistrada 1260
Die Italiener haben der Neuauflage ihres reisetauglichen Kurvenfegers, der nun als Multistrada 1260 ab sofort beim Händler steht, ein paar Komfort-Gene verpasst.
Bereits gefahren: Überarbeitete Ducati Multistrada 1260
Erste VW-Diesel von Umrüstungsverweigerern stillgelegt
VW-Kunden, die ihr Diesel-Fahrzeug umzurüsten müssen, sollten der Aufforderung innerhalb der gesetzten Frist nachkommen. Ansonsten droht die Stilllegung des Fahrzeugs. …
Erste VW-Diesel von Umrüstungsverweigerern stillgelegt
Amphetamin: Fahrer muss unwissentlichen Konsum belegen
Fahren unter Alkoholeinfluss ist ein absolutes No-Go. Mit Drogen im Blut in eine Verkehrskontrolle geraten, bedeutet ebenfalls Ärger mit der Polizei. Da helfen auch …
Amphetamin: Fahrer muss unwissentlichen Konsum belegen

Kommentare