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Bandagen und Ballast machen spürbar, mit welchen Einschränkungen Autofahrer im Alter leben. Schon in einen Kleinwagen einzusteigen, wird so zur sportlichen Übung.

Test

So sieht das ideale Senioren-Auto aus

München - Auch Autofahrer altern. Autobauern fällt es aber schwer, für diese Kunden etwas anzubieten. Um ihnen auf die Sprünge zu helfen, stattet der ADAC seine jungen Tester mit Einschränkungen aus, die für viele Ältere zum Alltag gehören.

An Brust und Füßen hängen Gewichte von insgesamt 20 Kilogramm. Die Gelenke sind mit Bandagen an ihrer Beweglichkeit gehindert, ein Ohrenschutz sorgt für künstliche Schwerhörigkeit und eine getönte Skibrille erschwert auch das Sehen. Mit dieser Montur fühlen sich selbst junge Autotester plötzlich steinalt. Darauf kommt es auch an. Denn der ADAC wollte testen, welche Autos man selbst im höheren Alter sicher und bequem fahren kann.

Mängel bei der Rundumsicht

Kein einziges der 13 getesteten Autos (nur Modelle, die schon auf den ersten Blick seniorengerecht zu sein scheinen, kamen in den Test) bietet eine erstklassige Rundumsicht. Das ist erstaunlich. Denn in dieser Disziplin waren die Hersteller schon einmal viel besser. So bieten alle Mercedes-Modelle der 1960er-Jahre einen freien Blick in fast alle Richtungen. Und auch andere Hersteller haben sich seither verschlechtert: Flache Windschutzscheiben, zu niedrige Heckfenster, breite Säulen, die die Sicht behindern. Grund für die schlechte Sicht nach außen sei in erster Linie das Design, stöhnt ADAC-Experte Markus Sippl. Zu all dem kommen oft auch noch getönte Scheiben, die die Augen von allem, was außerhalb des Autos passiert, noch ein bisschen besser abschirmen.

Zumindest die getönten Scheiben sind meist Sonderzubehör, das man getrost weglassen kann. Dafür gibt es in den Aufpreislisten viele Dinge, die das Fahren – nicht nur im Alter – leichter machen: Automatikgetriebe, Abbiegelicht, automatische Heckklappe, Assistenten für Fernlicht, Notbremsung, Spurhaltung sowie eine Abstandsregelung. Das alles geht richtig ins Geld. Sippls Antwort darauf ist einfach: „Lasst doch einfach die Ledersitze weg.“

Trotz aller Schwächen stellt ein Auto alle Konkurrenten und auch die Sieger der Vorjahre in den Schatten: Der VW-Sharan (baugleich mit dem Seat Alhambra) erreicht in vier von sieben Disziplinen die Note Eins:

-Vorbildlich ist sein ebener Kofferraum, dessen Deckel sich auf Knopfdruck wie von Geisterhand öffnet. Keine Ladekante hindert den Fahrer daran, auch große Lasten zu verstauen und festzuzurren. Platz gibt es dank umklappbarer Sitze in Hülle und Fülle.

-Eine ähnlich gute Note bekommt das Auto für Bedienung und Instrumente. Alle Hebel sind in Griffweite und alle auch dort, wo sie die meisten Fahrer schon intuitiv vermuten. Dazu kommen klare Instrumente mit gutem Kontrast.

-Die sehr guten Noten, die der Sharan/Alhambra für Nachtfahrten bekommt, muss ein Fahrer vorher extra bezahlen: Xenonlicht und dynamischer Fernlichtassistent, die immer für die bestmögliche Ausleuchtung sorgen, sind in der Grundausstattung noch nicht enthalten.

-Auch bei der Ausstattung erhält der Sharan/Alhambra die Bestnoten. Dabei sind einige Assistenten für das Auto nicht einmal gegen Aufpreis erhältlich: Ein Kollisionswarner, der Alarm schlägt, wenn man zu dicht auffährt. Ein Notbremsassistent, der auch noch eine Notbremsung einleitet, und ein Abstandstempomat, der automatisch den richtigen Abstand zum Vordermann einhält. Das alles sind noch relativ neue Optionen, die sich allmählich von der Oberklasse kommend auch in immer kleineren Fahrzeugen durchsetzen.

-Bei Sicht und Komfort erreicht der Sharan/Alhambra jeweils die Note Zwei. Besser schlug sich hier keiner. Dagegen zeigt ein französischer Hersteller, wie man auch das Ein- und Aussteigen für Alte zum Kinderspiel macht. „Besonders niedrige Türschweller, ideale Sitzhöhe und günstige Schwellerbreite“, notieren die Tester beim Renault Scénic. Das Auto bekam dafür eine Eins. Aufgrund von Schwächen in anderen Disziplinen landet es insgesamt auf Platz sechs.

Vorbildliches Modell wurde zum Flop

Eigentlich ist das Pflichtenheft des ADAC für ein altengerechtes Auto gar nicht so schwierig abzuarbeiten. Alles, was man dazu braucht, gibt es bereits – wenn auch nicht in einem Auto gebündelt. Ein hohes Auto mit niedrigem Einstieg, guter Rundumsicht, breiten Türen (idealerweise als elektrische Schiebetüren) und möglichst allen verfügbaren Ausstattungen, die das Fahren sicherer und bequemer machen. Vieles davon ist in den knapp zehn Jahren, in denen der ADAC hier aktiv ist, besser geworden – vor allem die Verfügbarkeit von elektronischen Assistenzsystemen.

Doch wenn es um das ideale Senioren-Auto geht, denkt Manfred Groß ganz an die Anfänge zurück. Er ist inzwischen im Ruhestand, hat aber als Ingenieur beim Autoclub das Senioren-Programm „fit & mobil“ mit angeschoben. Schon beim ersten Test ist er auf ein Auto gestoßen, bei dem vieles passte: Der Peugeot 1007 war ein kompakter, hochgebauter Mini-Van, mit großen Schiebetüren. „Er hatte noch einige Schwächen, wäre aber die ideale Basis gewesen“, sagt Groß.

Doch die potenzielle Kundschaft spielte nicht mit. Der Bau des kompakten Senioren-Autos wurde 2009, nach nur gut vier Jahren, wegen geringer Verkaufszahlen eingestellt. Aus dem Straßenbild ist dieses Auto weitgehend verschwunden.

Martin Prem

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