Sinfonie der vier Ringe

München - Was bringt Sie dazu, 20 000 Euro oder mehr für ein neues Auto auszugeben? Die schicke Karosserie? Der kraftvolle Motor? Oder einfach nur das günstige Finanzierungsangebot? Die Autofirmen wissen mehr: All das sind wichtige Argumente - die aber nichts nützen, wenn Sie Ihr Traumauto sprichwörtlich nicht "riechen" können.

Denn im Showroom und bei der Probefahrt kommt es vor allem darauf an, dass Sie sich wohl fühlen. Das neue Auto muss gut riechen, gut klingen und sich gut anfühlen. Nur wenn Plastik nicht nach Plastik müffelt, wenn die Tür mit sattem Plopp ins Schloss fällt und wenn Schalter mit perfektem Klick einrasten, kann sie entstehen, die Auto-Liebe auf den ersten Klick. Wir sagen Ihnen, was dahinter steckt.

Der Geruch:

"Man verbringt heute so viel Zeit im Auto, dass die sinnliche Wahrnehmung immer wichtiger wird", weiß Heiko Lüßmann-Geiger. Der Chemiker ist im wahrsten Sinne des Wortes die oberste "Audi-Nase". Er leitet das Geruchsteam der Ingolstädter, intern auch "Nasenteam" genannt. Sechs Mitarbeiter sorgen dafür, dass ein Audi wie ein Audi riecht. Dafür nehmen sie während der Entwicklung pro Modell rund 500 Bauteile aus dem Innenraum unter die Lupe - beziehungsweise unter die Nase.

Dabei werden Materialproben in Einmachgläsern verschlossen und auf 80 Grad erwärmt - denn solche Temperaturen können auch in einem von der Sonne aufgeheizten Auto entstehen. Danach wird geschnüffelt. Audis Supernasen sortieren Leder aus, das nach Fischöl riecht, Fußmatten, die Zwiebelaroma ausdünsten, oder schweißig miefende Kunststoffteile. Ziel ist der angenehm neutrale "Neuwagen-Geruch", den die Kunden schätzen - und der sich möglichst lange halten soll. Künstlich getrickst wird dabei nicht.

Das Gefühl:

Nicht nur die Nase kauft mit im Autohaus - auch die Fingerkuppen müssen zu ihrem Recht kommen. Hierfür sorgen bei den Herstellern die Haptik-Teams. Als Haptik bezeichnet man die Lehre vom Tastsinn. Denn die schönste Probefahrt nützt nichts, wenn sich der Interessent schon an der kalten oder zu rauen Oberfläche der Türgriffe stört. Bei Audi kümmert sich das Haptik-Team zum Beispiel um die Form der Türgriffe, das Rad für die Lehnenverstellung, den Blinkerhebel oder die Oberfläche des Schaltknaufs. Gefragt ist dabei nicht nur das richtige Material, sondern zum Beispiel beim Handschuhfach auch das "perfekte Schließerlebnis".

Nicht zu leicht und nicht zu schwer muss die Klappe schließen, und der Kunde muss durch spürbares Einrasten deutlich fühlen, dass das Handschuhfach auch tatsächlich zu ist. "Wenn sich der Kunde im Auto wohl fühlt, haben wir unseren Job gut gemacht", sagt Gerhard Mauter, Leiter von Audis Haptik- Team. Wie wichtig in seinem Bereich die kleinsten Details sein können, zeigte vor einigen Jahren VW: Im neuen Golf schnalzten die Haltegriffe über den Türen nicht mehr ungebremst zurück, wenn sie die Passagiere losließen - sondern schwebten sanft wieder in ihre Ausgangsstellung. Der simple Trick beeindruckte viele Kunden weit mehr als sonstige aufwändige Technik-Innovationen. 

Der Klang:

Früher achteten die Hersteller vor allem darauf, wie ihre Autos nach außen klingen - ein zum Fahrzeug passendes Motorgeräusch stand im Mittelpunkt. Heute arbeiten bei Audi rund 50 Akustik-Spezialisten vor allem am Wohlfühl-Klang im Innenraum. Akustik- Chef Ralf Kunkel spricht daher vom "Orchester Auto" und von der "Sinfonie der vier Ringe". Dabei geht es nicht nur um die klangliche Abstimmung von Motor und Auspuffanlage, sondern um kleinste Details: Wie surrt der Fensterheber, wie tickert der Blinkerschalter, und mit welchem Klang rasten die Bedienknöpfe ein?

Gerhard Thoma, Leiter für Akustik- Projekte bei BMW, erklärt, wie satt eine Tür ins Schloss schlagen muss: "Wie in einer Burg." Erst dann fühlt sich der Kunde geborgen und sicher. Und das geht nur mit aufwändigem Klang-Design, bei dem die Türschlösser beispielsweise mit Kunststoff überzogen werden, um den metallischen Ton zu reduzieren. Thoma: "Macht man das nicht, würde sich das Schließen der Tür anhören wie das Rasseln eines Kastens voller Schrauben." Beim Blinkergeräusch, das über einen Mini- Lautsprecher am Armaturenbrett sogar noch verstärkt wird, sucht BMW immer noch nach dem perfekten Klang.

In den Oberklassemodellen wäre das satte Ticken einer alten englischen Standuhr ideal - doch leider verlangt der Gesetzgeber ein relativ schnelles Tack- Tack-Tack. Akustik-Experte Thoma seufzt deshalb: "Die Standuhr klingt nur deshalb so schön solide, weil sie langsam läuft. Bei einer höheren Frequenz klingt das wie ein billiger Küchenwecker." Und billig geht gar nicht, gerade bei Audi oder BMW. Gerhard Thoma weiß: "Wenn sich ein Auto innen anhört, als ob das Gelump gleich auseinander fällt, dann traut der Kunde dem ganzen Auto nicht." Da nützen dann auch eine schicke Karosserie oder ein gutes Finanzierungsangebot nichts.

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