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So mancher Autofahrer hat es geahnt: Der Spritverbrauch ist in Wahrheit oft erheblich höher als im Prospekt des Autoherstellers angegeben. Wenn jetzt zu Pfingsten wieder viele in den Urlaub aufbrechen, wird das besonders spürbar.

Spritverbrauch

Die Tricks der Autobauer auf dem Prüfstand

München - Autohersteller tricksen beim angebenen Spritverbrauch angeblich immer dreister. Verbraucherschützer fordern unabhängige Kontrollen.

Viele Autofahrer dürften sich bestätigt fühlen. Die Verbrauchsangaben von Autoherstellern liegen teils deutlich und immer stärker unter realistisch erzielbaren Werten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Deutschen Umwelthilfe (DUH), die sich auf ADAC-Daten stützt. Demnach haben sich die durchschnittlichen Abweichungen seit 2001 von sieben auf 23 Prozent mehr als verdreifacht, kritisiert DUH-Chef Jürgen Resch. Schon 2009 ist Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Verändert hat sich die Lage seitdem offenbar nicht.

Nur die Tricks der Hersteller werden ausgefeilter. DUH-Experte Axel Friedrich nennt Beispiele, wie der seit 1996 geltende EU-Verbrauchstest mit dem Kürzel Nefz (neuer europäischer Fahrzyklus) in die Irre geführt werden kann. Einmal koppeln Hersteller am Prüfstand die Lichtmaschine ab, was Sprit spart. Oder sie verwenden aus gleichem Grund extrem aufgepumpte Spezialreifen. Moderne Bordcomputer erkennen mittlerweile, wenn sie auf einem Prüfstand stehen und schalten in einen Sparmodus. Auch werden Kühlergrill oder Türschlitze verklebt, um die Aerodynamik zu verbessern.

Für die DUH sind das gezielte bis rechtswidrige Manipulationen. Der Automobilverband VDA widerspricht. Der Nefz-Test möge Mängel haben, weshalb auch eine Novellierung geplant sei. Eine Vergleichbarkeit sei aber gegeben. Zudem sei der Test so genormt, dass es kaum Spielräume bei der Durchführung gebe. Den größten Einfluss auf den Verbrauch habe die Fahrweise. Das bestätigen Experten des ADAC. Allein der Fahrstil könne den Spritverbrauch um rund ein Drittel schwanken lassen.

Auch der Club hat aber keine Zweifel, dass die Verbrauchsangaben der Hersteller an der Realität weit vorbeigehen, weshalb echte Verbrauchstests einen realen Fahrzyklus abbilden müssten. Der ADAC selbst spricht von Abweichungen zwischen zehn und 25 Prozent. Im Schnitt seien es zuletzt elf, vor einem Jahrzehnt noch sieben Prozent gewesen. In der ADAC-Originalstatistik fällt das Auseinanderklaffen also nicht so dramatisch wie bei der DUH aus. Die Tricks der Hersteller beim Nefz-Test sind aber auch dem Club bekannt, der den eigenen ADAC-Eco-Test für den weltweit umfangreichsten seiner Art hält. Auch er findet aber im Labor statt, was Kfz-Bordcomputer mittlerweile ebenfalls erkennen und auf Sparmodus schalten.

Auch auf die Angaben von Elektroautos könne man sich übrigens nicht verlassen, warnt der ADAC. So seien beim Renault Fluence 14 Kilowattstunden Verbrauch angegeben. Wegen Ladeverlusten hat der ADAC 26 Kilowattstunden ermittelt.

Aus der DUH-Studie ergeben sich indessen gravierende Folgen für Kfz-Halter, die Finanzen des Bundes und das Erreichen von Schadstoffgrenzwerten. Konservativ liegen die Spritkosten über die Lebenszeit eines Wagens im Schnitt um mindestens 2000 Euro höher, als es die Verbrauchsangaben der Hersteller vermuten lassen, sagt Resch. „Das ist Verbrauchertäuschung“, kritisiert er.

Weil sich die Kfz-Steuer seit 2009 am Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) bemisst, entgehe zudem dem Staat heute rund eine halbe Milliarde Euro an Einnahmen, was innerhalb der nächsten zehn Jahre auf rund zwei Milliarden Euro Steuerausfall anzusteigen drohe.

Der wichtigste Grund der Autobauer, um Verbrauchsangaben zu schönen, sind für Resch aber bis 2020 EU-weit verschärfte Abgasgrenzwerte. Werden sie verfehlt, sind hohe Strafen fällig. „Hier geht es um Milliarden“, sagt Resch. Schon jetzt stöhnt die Branche und hält die Vorgaben für nur knapp erreichbar. Wenn die Spritangaben aber im Schnitt um ein Viertel zu niedrig angesetzt sind, wäre anders ausgedrückt der wirkliche Schadstoffausstoß heute ein Viertel höher als ausgewiesen.

Hochmotorisierte deutsche Hersteller sieht Resch als die schlimmsten Sünder in Sachen Verbrauchsangaben. „Die Deutschen betrügen am stärksten“, sagt der DUH-Chef. Französische Hersteller seien dagegen weit ehrlicher, gefolgt von der Konkurrenz aus Asien.

Um Tricksern und Täuschern das Handwerk zu legen, fordert die Deutsche Umwelthilfe vom Bund, das Kraftfahrtbundesamt (KBA) bei auffälligen Abweichungen im Spritverbrauch zu Nachmessungen zu verpflichten. Zudem müsse im Internet eine Meldestelle für offensichtliche Falschangaben beim Spritverbrauch installiert werden. „Das wird nicht kommen“, schätzt indessen ein VDA-Sprecher. Einer EU-Norm könne kein deutscher Alleingang entgegengesetzt werden.

Von Thomas Magenheim-Hörmann

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