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Daimler-Chef Dieter Zetsche auf der Detroit Motor Show

Wie wird die Zukunft von Mercedes, Herr Zetsche?

Detroit - Die tz sprach mit Daimler-Boss Dieter Zetsche auf der Messe in Detroit über Zahlen und Trends. Im Roundtable-Gespräch präsentierte er sich locker und ziemlich offen.

Beim Absatz 2011 in den USA knapp von BMW geschlagen, von Audi erstmals bei den Gesamtstückzahlen überholt – dennoch traf die tz einen bemerkenswert entspannten Daimler-Chef Dieter Zetsche bei der Detroit Motor Show. Im Roundtable-Gespräch präsentierte er sich locker und ziemlich offen.

Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz! Was Bluesröhre Janis Joplin schon anno 1970 in ihrem Lied besang, sagt viel über den Ruf, den die Stuttgarter Autobauer im Land der unbegrenzten Möglichkeiten haben. Und dennoch wurden Sie beim Absatz erstmalig von BMW geschlagen. Tut das weh?

Dieter Zetsche: Ziel muss sein, dass wir am Ende des Jahrzehnts auch in dieser Disziplin, also beim Absatzvolumen, wieder vorne sind. Und wenn man ehrlich ist: Hätten wir so ein Ergebnis wie die Wettbewerber erzielt, hätten wir das auch kommuniziert. Trotzdem sind wir insgesamt mit dem Ergebnis des vergangenen Jahres sehr zufrieden. Mit einer Steigerung um 7,7 Prozent auf insgesamt 1,36 Millionen verkaufter Autos (das ist unser bestes Ergebnis ever) können wir uns schon sehen lassen.

Wie sind Sie für die Aufholjagd aufgestellt?

Zetsche: Ziemlich gut. Wir stecken noch mitten im Erneuerungszyklus. Bei den Kompakten haben wir mit der B-Klasse schon eine Benchmark gesetzt, im September kommt die neue A-Klasse. Mit der fast runderneuerten C-Klasse und der S-Klasse sind wir ebenfalls gut aufgestellt. Dazu gibt es in den nächsten vier Jahren noch zehn wesentliche Ergänzungen unseres Produktportfolios. Außerdem haben wir bei den Themen Qualität und Kundenzufriedenheit aufgeholt, ohne diese beiden Parameter kann man auch beim Volumen nicht zunehmen.

Audi hat mit einem Marktanteil von 34 Prozent im chinesischen Premiumsegment (oder 100.000 Fahrzeugen mehr als Mercedes Benz) bei den ausländischen Marken in China aber weit die Nase vorne …

Zetsche: Audi hat da einen signifikanten Vorsprung, weil die Kollegen – ähnlich wie wir im amerikanischen Markt – dort schon länger tätig sind. Auch wir werden uns künftig in China besser positionieren. Natürlich mit unserem Gesamt-Portfolio, aber vor allem mit C-, E- und GL-Klasse und mit unseren Kompaktfahrzeugen.

Audi hat vor allem bei den jüngeren Leuten gepunktet.

Zetsche: Die Kunden sind im Premiumsegment ja generell eher etwas älter. So zwischen 48 und 58 Jahren, bei uns vielleicht noch ein bisschen mehr. Aber bei Audi geht das über den Preis. Ich sehe das bei unseren Mitarbeiterfahrzeugen, da ist die Käuferschicht auch um zehn Jahre jünger. Audi erzielt beim Kaufpreis circa ein Drittel Umsatz weniger als wir. Von daher sind die Kunden automatisch jünger.

Sie haben die Zusammenarbeit mit Renault und Nissan noch weiter intensiviert?

Zetsche: Unser Ziel ist es nicht, weitere Felder der Zusammenarbeit zu finden, aber wenn wir auf ein Thema stoßen, dann gehen wir das auch an. Wir bauen künftig 4-Zylinder-Motoren im US-amerikanischen Nissan-Werk. Nissan nimmt diese Triebwerke dann auch für ihre Infiniti-Fahrzeuge her. Das bringt uns viele logistische Vorteile, und wir machen uns dadurch, dass wir Motoren im Dollar-Raum produzieren, auch von den Währungsschwankungen ein Stück weit unabhängiger.

Bei der Brennstoffzelle arbeiten Sie auch enger mit Nissan zusammen?

Zetsche: Da ist noch nichts entschieden. Brennstoffzellentechnik ist von Stückzahlen abhängig, und Nissan hat sich mit diesem Thema ebenfalls schon sehr beschäftigt. Die Logik deutet darauf hin, dass unsere gemeinsamen Überlegungen positiv ausgehen.

Um beim Thema Zukunftstechnologie zu bleiben: Mit der neuen fast 100-prozentigen Aluminium-Karosserie beim neuen SL hat Mercedes gerade eine neue Benchmark in Sachen Gewicht (minus 140 Kilogramm) und gesteigerter Sicherheit und Festigkeit gesetzt. Die Konkurrenz wie die Kollegen vom Münchner Autobauer BMW setzt dagegen auf Karbon. Wie heißt der Stoff, aus dem die Zukunft ist?

Zetsche: Wir dürfen das Thema Karbon nicht dogmatisch angehen. Das hängt immer ganz vom Fahrzeugsegment ab, ob man jetzt einen Roadster baut oder ein Kompaktauto. Dann eignen sich unterschiedliche Materialien auch für unterschiedliche Fahrzeugteile. Technologisch sind wir beim Thema Aluminium zu Hause, aber wir haben mit dem SLR auch schon ein komplettes Karbon-Auto gebaut. Aluminium oder Karbon – unterschiedliche Komponenten brauchen unterschiedliche Materialien. Wir müssen da technologisch von Fall zu Fall unterscheiden und wollen bewusst nicht nur auf das Innovations-Marketing-Thema setzen.

Wenn Sie so über die Detroit Motor Show (die eigentlich NAIAS heißt, also North American International Auto Show) gehen und dabei bei Ihren ehemaligen Kollegen von Chrysler vorbeischauen, was denken Sie dann?

Zetsche: Ich freue mich, dass es der Autoindustrie auch in den USA besser geht. Niemand hat erwartet, dass sich die Wirtschaft so schnell erholen würde, auch wenn es jetzt schon wieder neue Gefährdungspotenziale gibt. Ich freue mich vor allem, dass es Chrysler besser geht, auch wenn die Nachhaltigkeit noch bewiesen werden muss. In diesem Unternehmen steckt immer noch sehr viel Herzblut von mir drin.

Rudolf Bögel

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