Hat das Ministerium 14.000 Schüler übersehen?

München - Trotz Sommerferien kehrt beim Thema Schule keine Ruhe ein. Wieder steht Kultusminister Spaenle in der Kritik. Sein Ministerium soll 14 000 neue Schüler übersehen haben. Und die Lehrer schwitzen nun über der Stundenplanung für nächstes Jahr.

Kaum hat sich der Wirbel um das G 8 halbwegs gelegt, hagelt es schon wieder neue Kritik am Kultusministerium.

Diesmal prophezeit der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) „einen noch nie dagewesenen Mangel an Lehrkräften“ für das kommende Schuljahr, wie es Verbandspräsident Klaus Wenzel formuliert. Betroffen sind demnach Grund- und Hauptschulen. Grund dafür ist aus BLLV-Sicht eine falsche Prognose des Ministeriums über die Schülerzahl nächstes Jahr. Dort sei man ursprünglich von weniger Schülern ausgegangen, als jetzt tatsächlich auf die Schulen drängen. Wenzel spricht von 14 000 Schülern, die niemand auf der Rechnung hatte. Dadurch stehe nun der Pflichtunterricht auf der Kippe. „Um den aufrechterhalten zu können, sind mindestens 850 zusätzliche Stellen erforderlich“, sagt Wenzel. Vom Ministerium zugesagt seien aber nur 250 Stellen.

Zudem warnt der BLLV-Präsident, dass Stellen an den Grundschulen abgezogen würden, um die Löcher in den Mittelschulen zu stopfen – allerdings mit verheerenden Folgen: „Grundschullehrkräfte fragen sich, wie sie die Unterrichtsversorgung überhaupt noch sicherstellen können.“ Die Lehrer sind darüberhinaus auch erbost, weil sie für die neuen Planungen nun zwei statt – wie üblich – eine Woche ihrer Ferien opfern müssen. Das erfuhren sie wenige Tage vor Schuljahresende, da hatten viele schon ihren Urlaub gebucht.

Das Kultusministerium weist die Vorwürfe vehement zurück und bezeichnet sie als „unzutreffend“. „Die Schülerprognose 2012 hatte den erfreulichen Anstieg der Schülerzahlen an der Mittelschule bereits zur Grundlage“, heißt es in einer Stellungnahme des Ministeriums. Für den Schüleranstieg im Schuljahr 2012/2013 „wurden und werden zusätzliche Ressourcen“ bereitgestellt, um den Unterricht „gewohnt verlässlich“ sicherzustellen. Nichtsdestotrotz scheinen einige Schulleiter bereits an die Grenzen ihrer Belastbarkeit zu stoßen. Zum Beispiel: Andrea Schoeffel, Rektorin an einer Grundschule im Landkreis Augsburg. Sie hat zwei Tage vor Schuljahresende ihre Kündigung beantragt – aus Protest. In Bayern ein bislang einzigartiger Fall. „Die Rahmenbedingungen an meiner Schule haben sich so verändert, dass ich die Arbeit nach meinen pädagogischen Vorstellungen nicht mehr weiterführen kann“, sagt Schoeffel. Ihre stellvertretende Schulleiterin sei für nächstes Schuljahr abberufen worden, „genauso wie eine weitere etablierte Kollegin“. Beide sind dann Teil der mobilen Reserve – ein für Schoeffel nicht hinnehmbarer Verlust für ihr achtköpfiges Team. Zwar kommt Ersatz für ihre Kolleginnen, doch bringen diese Lehrkräfte nicht die gleichen Zusatzqualifikationen mit. Sie dürfen zum Beispiel nicht Englisch unterrichten.

Das zu kompensieren, „macht eine sinnvolle Stundenplanerstellung nahezu unmöglich“, sagt Schoeffel. Ihre Entscheidung ist sowohl eine persönliche als auch eine politische. „Ich will damit auch ein Zeichen setzen, dass das System krankt.“ Schoeffel ist die Ehefrau des gleichnamigen Sportartikelherstellers.

Kritik am Vorgehen des Ministeriums kam von der SPD. Martin Güll, der Bildungsexperte der Sozialdemokraten, bezeichnet die Planungen aus dem Hause Spaenle als „so dilettantisch, dass es schmerzt“.

Patrick Wehner

Rubriklistenbild: © dpa

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