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Das Haus des Täters.

49-Jähriger schießt auf Polizisten 

Die verschrobene Welt des „Reichsbürgers“

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Georgensgmünd – Erstmals in Bayern ist ein so genannter „Reichsbürger“ offen gewalttätig geworden: Ein 49-Jähriger verletzt vier Polizisten, einen davon lebensgefährlich. Der Innenminister kündigt eine harte Gangart gegen die rechtsextreme Querulanten-Gruppe an.

Ein Bild sagt eigentlich alles: „Regierungsbezirk Wolfgang. Mein Wort ist hier Gesetz!“ – dieser Aufkleber prangt am Briefkasten des 49 Jahre alten Wolfgang P. in dem 6000-Einwohner-Ort Georgensgmünd südlich von Nürnberg. Dass auf seinem Grundstück er das Sagen habe, und niemand sonst, nahm der frühere Kampfsporttrainer bitter ernst, wie sich am Mittwoch zeigte: Als um 6 Uhr morgens ein Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei das Einfamilienhaus des Wolfgang P. stürmte, nutzte der Mann die wenigen Augenblicke, bis die Polizisten die Haustür aufgebrochen hatten, zur martialischen Gegenwehr. 

Er zog eine kugelsichere Weste an und griff selbst zur Waffe. Aus dem ersten Stock schoss er durch eine verschlossene Wohnungstür auf die Polizisten. Ein 32 Jahre alter SEK-Beamter wurde drei Mal getroffen – eine Kugel drang in den Ellenbogen, eine zweite knapp an der Schutzweste vorbei an der Schulter ein und verletzte ihn lebensgefährlich. Der Polizist wurde im Klinikum Nürnberg operiert. Ein zweiter Polizist, 31, erlitt einen Durchschuss im Oberarm, zwei weitere Beamte erlitten leichte Verletzungen durch Glassplitter. P. blieb unverletzt.

Behörden wollen Reichsbürger nun stärken in den Blick nehmen

Selbst entworfene Flagge für das Grundstück des P., das er als eigenes Staatsgebiet deklariert hat

„Ich bin über den Fall entsetzt“, sagte Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Er kündigte an, die Behörden würden die „Reichsbürger“ nun „stärker in den Blick nehmen“. „Reichsbürger“ – das sind Leute, die auf Deutschland in den Grenzen von 1871 oder 1937 beharren, die jegliche staatliche Institution nicht anerkennen und deren harter Kern in Bayern sich als „Exilregierung Deutsches Reich“ definiert. Der harte Kern „ist völkisch, antisemitisch und damit eindeutig rechtsextremistisch“, wie Verfassungsschutz-Sprecher Martin Schäfert sagt, und umfasst vielleicht 40 Personen.Franken scheint ein Schwerpunkt der Gruppe zu sein, in Nürnberg ist am 6. November ein Treffen der „Exilregierung“ geplant. Die „Reichsbürger“ bereiten Behörden viel Ärger, vor allem Gerichtsvollziehern, weil diese die Steuerschulden der „Reichsbürger“ eintreiben sollen. Im März stahl eine „Reichsbürgerin“ im Amtsgericht Kaufbeuren eine Strafakte – bis gestern der gravierendste Vorfall. Dass solche Leute aber Terrortaten verüben, war bisher unbekannt. Herrmann sprach von einer bisher nicht gekannten „Eskalation“. Er warnte davor, die „Reichsbürger“ lediglich „als Spinner“ abzutun. Die Kontrollen würden jetzt verschärft – insbesondere bei denjenigen, die den Behörden als Besitzer von Waffen bekannt sind.

Wolfgangs P.s krude Welt

Wolfgang P.

So ein Fall war auch Wolfgang P., der als Jäger 31 Schusswaffen legal besaß. Spätestens 2015, so zeigen Einträge auf der Facebook-Seite des Täters, verschrieb sich P. der Geisteswelt der „Reichsbürger“. Er nannte sich „Wolfgang Johannes aus der Familie P.“, erklärte „unter Eid“, vor Zeugen und mit Fingerabdruck, dass er „auf diesem Planeten, genannt Erde, körperlich seelisch und geistig voll anwesend“ sei. Auf Facebook teilte er auch verschwörerische Beiträge etwa über einen eigenständigen „Staat Steiermark“ und einen „Staatenbund Österreich“ sowie einen Artikel über die angebliche „Finanz-Diktatur“, die „sich im Geheimen auf einen neuen Weltkrieg“ vorbereite. Auch ein Foto hat P. geteilt: In ein Bild von den Nürnberger Prozessen sind als Angeklagte die Gesichter von Gabriel, Maas, Merkel und Gauck montiert – die Überschrift lautet: „Schuldig hängen!“

Dem Landratsamt Roth fiel P. erstmals am 25. Mai dieses Jahres auf, wie Landrat Herbert Eckstein (SPD) berichtete. Da ging in der Kreisbehörde die erste Meldung „über Auffälligkeiten“ ein – das Hauptzollamt Regensburg, das wohl die säumige Kfz-Steuer eintreiben wollte, war an P. gescheitert. Als auch Besuche vor Ort missrieten, weil P. und andere Personen den Behörden-Mitarbeitern den Zutritt verweigerten, stufte das Landratsamt P. als unzuverlässig ein und widerrief seinen Jagdschein und die Erlaubnis zum Besitz von Waffen. Legal besaß P. wohl über 30 Stück. Aber selbst die Zustellung von Anhörungsschreiben misslang. 

Im Internet kursiert ein Video, das zeigt, wie P. Polizisten und Behörden laut und drohend regelrecht verjagt. An den Landrat selbst verfasste er ein Schreiben, in dem er „allgemeine Handelsbeziehungen“ erklärt, unter denen er bereit sei, mit den Behörden in Kontakt zu treten. Darauf konnte man sich natürlich nicht einlassen, sagte der Landrat. Um bei P. die Waffen zu beschlagnahmen, traf die Polizei eine „Gefährdungsabschätzung“, die dazu führte, dass am Mittwoch das SEK aufmarschierte. Am Ende fielen dann die Schüsse.

Gegen P. wird wegen versuchten Mordes ermittelt, sagte Oberstaatsanwältin Anita Traud am Mittwochnachmittag. Wahrscheinlich wird die Polizei im Zuge ihrer Ermittlungen auch bei der Kampfsportschule vorbeikommen, bei der P. Ausbilder war. Dass er dort als „Fachtrainer für Gewaltprävention“ registriert war, klingt im Nachhinein wie Hohn. 

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