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Das Übungsszenario: Ein Kleinflugzeug ist bei einem Konzert in die Zuschauermenge gestürzt. Für Realismus sorgen brennende Kulissen, Knallkörper und Verletztendarsteller.

Sanitäter kommen bei Übung ins Schwitzen

600 Einsatzkräfte proben den Ernstfall - „Opfer“ staucht Retter zusammen

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Zum Glück ist es nur eine Übung: Ein Kleinflugzeug stürzt während eines Konzerts ins Publikum. 600 Einsatzkräfte simulieren diesen Katastrophenfall - und kommen dabei ganz schön ins Schwitzen. Auch dank starker Schauspieler.

Lampferding - Hilfeschreie gellen durch den Wald, blutverschmierte Jugendliche rennen durcheinander, andere liegen jammernd, stöhnend oder reglos auf der Erde. Flammen schlagen aus der Kiesgrube in den Abendhimmel. Explosionen hallen wie Schüsse über die Lichtung. Rauch liegt in der Luft.

Tina Thanner, Rettungsassistentin, schließt für einen Moment die Augen und schnauft durch. Dann greift die 29-Jährige auf dem Fahrersitz des Rettungswagens zum Funkgerät. „Schwabing 71-2 an der Einsatzstelle.“ Ihre Kollegin Pearl Schummer, 28, hat sich draußen vor dem Fahrzeug einen Helm übergestülpt. Um sie drängen sich Kinder, die um Hilfe für ihre verletzten Freunde betteln. „Wir kümmern uns“, sagt Schummer betont ruhig. Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren.

Die Retter ringen um den Überblick, während sich die Opfer-Darsteller voll ins Zeug legen und Panik verbreiten.

600 Einsatzkräfte aus dem Großraum München üben

Denn bei dem Chaos, das um sie herum herrscht, vergisst man fast, dass es sich nur um eine Übung handelt. 600 Einsatzkräfte aus dem Großraum München haben ihre Zelte auf dem Gelände einer ehemaligen Raketenabwehrstellung der Bundeswehr bei Lampferding (Kreis Rosenheim) aufgeschlagen. Organisiert vom privaten Rettungsdienst MKT, üben Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste den Ernstfall, darunter Katastrophenszenarien, wie sie im Bayern der Nachkriegszeit glücklicherweise noch nicht vorgekommen sind.

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Wäre nicht alles simuliert, hätte das Schicksal am Samstag grausig in der Region zugeschlagen: Zu einem Lagerhallen- und einem Kindergartenbrand sind Thanner und Schummer schon ausgerückt, zu einer Messerstecherei auf einer Baustelle und zu einer Schlägerei in einem Asylheim. Die Wasserwacht war bei Bootsunfällen im Einsatz, Polizei und Feuerwehr öffneten Wohnungen, halfen bei Verkehrsunfällen und häuslicher Gewalt.

Und dann stoßen am Abend auch noch zwei Kleinflugzeuge zusammen - und eins davon stürzt in die jugendliche Zuschauermenge bei einem Konzert. Im Minutentakt steigt die Schätzung der Verletztenzahl von 15 auf 30, dann auf 50. Die beiden Rettungsassistentinnen sind mit dem Sanka „Schwabing 71-2“ als Erste am Einsatzort und müssen das Anrücken der weiteren Retter koordinieren.

Im Stress: Tina Thanner und Pearl Schummer (re.).

Sanitäter und Notärzte werden angestachelt

Inzwischen zucken immer mehr Blaulichter durch die Kiesgrube und Helikopter kreisen über dem Unglücksort. Feuerwehrleute schleppen, zerren, schieben rot und blau und blutig geschminkte Verletzte weg von den Flammen und hin zu den Sammelstellen, wo die Sanitäter und Notärzte sich um sie kümmern. Dort, auf einem Kiesweg, kauert der 16-jährige Quirin und macht den Rettern Beine: „Helft uns endlich!“, brüllt er, so laut es die Lungenflügel hergeben. „Hier verbluten Menschen und ihr tut nichts!“ Dann fällt er für einen Moment aus seiner Rolle und muss schmunzeln. „Endlich darf ich mal so richtig rumschreien“, flüstert er. Dann plärrt er weiter.

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Quirin ist einer von 41 Verletztendarstellern, die dafür sorgen, dass der Einsatz für die Retter bloß nicht zu einfach wird. Viele sind selbst bei der Feuerwehr und wissen, worauf es ankommt: Panik, Panik, Panik. Während die einen schreien wie am Spieß, versuchen sich andere loszureißen und zurück an die Unglücksstelle zu laufen.

Jüngstes „Opfer“: Emily (6) aus Neuried bei München.

Puls messen und Infusionsnadeln aufkleben

Inzwischen haben sich Tina Thanner und Pearl Schummer ihre blauen Gummihandschuhe übergestreift und sich mitten ins Getümmel gestürzt. Sie horchen nach Atemgeräuschen, messen Puls, kleben Infusionsnadeln auf. Gepiekst wird nicht - es ist ja eine Übung. Doch die beiden Retterinnen wischen sich immer wieder angestrengt die Haare aus dem Gesicht und den Schweiß von der Stirn. Der Notfall mag gespielt sein - der Stress ist echt.

Auch Absturzopfer haben Hunger: Zwei Verletztendarsteller mit - aufgeschminkten - blutigen Wunden und Beulen gönnen sich während einer Übungspause eine kleine Zwischenmahlzeit.

Schließlich setzt sich der Rettungskreislauf in Bewegung: Die Krankenwagen fahren die Verletzten von der Kiesgrube in die ehemalige Raketenabwehrstation, wo die Münchner Uni-Klinik eigens ein Simulations-Krankenhaus mit Schockraum und Intensivstation eingerichtet hat. Wenige Meter weiter leuchten zwölf Computermonitore in der improvisierten Leitstelle, die den Einsatz koordiniert. Das Ziel: Die komplette Rettungskette vom Notruf bis zur Notaufnahme zu simulieren, damit im Ernstfall das Zusammenspiel der Rettungsdienste stimmt.

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Auch Tina Thanner und Pearl Schummer liefern bis tief in die Nacht Verletzte ein, bevor sie sich schließlich in der Einsatzbasis auf ihre Feldbetten fallen lassen dürfen. Ausschlafen ist fällig, denn tags darauf attackiert eine Gruppe Terroristen ein Musikfestival. Auch das, zum Glück, nur eine Übung.

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