Schockierende Zahl

620 Kinder in Bayern vermisst

  • schließen

Jeden Tag verschwinden in Deutschland mehr als 200 Kinder und Jugendliche spurlos. Einige von ihnen tauchen nie wieder auf - und nicht alle Eltern bekommen die Chance zu trauern.

München – Lars Bruhns hat es täglich mit Panik zu tun. Die Menschen, die bei ihm und seinen Kollegen anrufen, können manchmal nicht mehr klar denken vor Angst. Sie wenden sich an die Initiative Vermisste Kinder, weil ihr Sohn oder ihre Tochter spurlos verschwunden ist. Das passiert deutschlandweit mehr als 200 Mal am Tag. Allein in Bayern gelten momentan 620 Kinder und Jugendliche als vermisst. Nicht jeder Fall geht tragisch aus – doch die Angst ist fast immer gleich groß.

Lars Bruhns, Mitbegründer der Initiative Vermisste Kinder

„Sehr viele Kinder tauchen von selbst wieder auf“, sagt Bruhns. Jugendliche verschwinden oft aus Liebeskummer, weil sie Streit mit den Eltern haben oder Angst wegen schlechter Noten. Dazu kommt eine große Zahl von Fällen vermisster jugendlicher Flüchtlinge, berichtet der Vorstand der Initiative. Und rund 80 Minderjährige in Bayern werden wegen Kindesentziehung gesucht. Aber dazwischen gibt es auch immer wieder die tragischen Fälle. Kinder und Jugendliche, die entführt oder ermordet werden. Oder nie wieder auftauchen.

„Für Familien ist die Klarheit sehr wichtig“

„Der wohl bekannteste Fall in Bayern ist Peggy Knobloch“, berichtet Bruhns. Erst nach 15 Jahren wurde im vergangenen Herbst die Leiche des Mädchens entdeckt. Bruhns hatte 2001, als die Neunjährige auf dem Schulweg verschwand, Kontakt mit ihrer Mutter. Manchmal bleibt die Initiative über Jahrzehnte mit Eltern in Verbindung. Deshalb weiß Bruhns auch so gut: „Für die Familien ist die Klarheit sehr wichtig. Sie können besser damit um gehen, um ein totes Kind zu trauern, als Jahrzehnte in Ungewissheit zu leben.“

So wie es zum Beispiel die Eltern der 1995 verschwundenen Münchnerin Sonja Engelbrecht tun müssen. Die damals 19-Jährige verschwand spurlos, nachdem sie nachts von einer Telefonzelle aus jemanden angerufen hatte. Bis heute gibt es keine einzige Spur zu ihr. Die Chancen, dass der Fall noch aufgeklärt werden kann, sind gering. „Dafür wäre ein großer Zufall nötig“, sagt Bruhns. So wie im Falle Peggy Knoblochs. Ein Pilzsammler hatte vergangenen Herbst ihr Skelett in einem Waldstück entdeckt.

Experte: Eltern sollen sofort die Polizei rufen, wenn ihr Kind nicht auftaucht

Studien haben belegt, dass die Überlebenschance von entführten Kindern bei 78 Prozent liegt, wenn sie innerhalb von drei Stunden gefunden werden, berichtet Bruhns. „Deshalb ist es so wichtig, dass Eltern sofort die Polizei informieren, wenn ihr Kind nicht auftaucht.“ Die 24-Stunden-Frist gelte nur für Erwachsene. Die Initiative Vermisste Kinder unterstützt die Polizei in enger Absprache bei der Suche. „Wir arbeiten beispielsweise mit einer Firma zusammen, die die Vermisstenmeldung auf den digitalen Infotafeln an den Bahnhöfen veröffentlichen kann.“ Auch die sozialen Netzwerke bekommen bei der Suche eine immer größere Bedeutung.

Peggy Knobloch verschwand mit neun Jahren. Nach 15 Jahren wurde ihre Leiche entdeckt.

Andere Länder fahnden intensiver - zum Beispiel per Facebook

Trotzdem hinkt Deutschland seinen Nachbarländern hinterher, was die Suche nach verschwundenen Kindern angeht, berichtet Bruhns. In England werden alle Polizeibeamten in der Region sofort informiert, wenn ein Kind vermisst wird. In Luxemburg läuft die Fahndung noch intensiver. „Dort arbeitet die Polizei mit Facebook zusammen“, erklärt Bruhns. Wenn ein Kind als vermisst gemeldet wird, geht eine automatische Nachricht an alle Facebook-User in der betroffenen Region. Ähnlich effektiv arbeitet die Polizei in den Niederlanden. „Dort schaffen sie es, rund 98 Prozent der Bevölkerung in weniger als 20 Minuten über einen Vermisstenfall zu informieren.“ Das Argument, in Deutschland gebe es zu wenig Fälle für solche Methoden, kann Bruhns nicht nachvollziehen. „Es kostet kaum Geld und Personal“, sagt er. „Wenn nur ein Kind so gefunden wird, hätte es sich schon gelohnt.“

Seine 1997 gegründete Initiative nutzt jedes Jahr den Gedenktag für vermisste Kinder um die Bevölkerung zu sensibilisieren. Sie appelliert an die Eltern, ihren Kindern Selbstbewusstsein zu geben. Bruhns sagt: „Wenn Mädchen und Jungs selbstbewusst auftreten und Stärke ausstrahlen, ist das die beste Prävention gegen Verbrechen.“

Rubriklistenbild: © dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Der Sommer kommt nicht in Gang - neue Unwetter drohen vor allem am Dienstag
Das Wochenende war voller Sonnenschein - doch am Sonntagabend wurde es richtig ungemütlich. Und wie die Dinge liegen, bleibt es wechselhaft mit großer Unwettergefahr - …
Der Sommer kommt nicht in Gang - neue Unwetter drohen vor allem am Dienstag
Reizgas und Handschellen: Mann stirbt nach Festnahme plötzlich - jetzt gibt es Obduktion
Eigentlich wollte die Polizei nur helfen, als sie auf einen randalierenden und blutenden Mann in Aschaffenburg zuging. Der schlug aber zu. Nach der Festnahme starb er.
Reizgas und Handschellen: Mann stirbt nach Festnahme plötzlich - jetzt gibt es Obduktion
Fahrer will Tier ausweichen: Auto überschlägt sich und landet in tiefem Graben
Er wollte offenbar einem Wildtier ausweichen. Doch das hatte für einen Mann und seinen Beifahrer im Landkreis Kulmbach fatale Folgen.
Fahrer will Tier ausweichen: Auto überschlägt sich und landet in tiefem Graben
Polizisten greifen bei Schlägerei ein, doch dann eskaliert die Situation völlig
Mehrere Polizisten wollten Sonntagfrüh eine Schlägerei in der Augsburger Innenstadt schlichten. Doch dann wurden die Beamten plötzlich selbst zur Zielscheibe.
Polizisten greifen bei Schlägerei ein, doch dann eskaliert die Situation völlig

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.