Großes Merkur-Interview

GSG9-Beamter: So befreiten wir die "Landshut"

München - Auf den Tag genau vor 35 Jahren befreite die GSG 9 in Mogadishu die entführte Lufthansa-Maschine "Landshut". Einer der Elite-Polizisten, der damals dabei war, lebt heute in Bayern. Im Münchner Merkur gab er ein großes Interview. 

Das Kommando lautete: „Feuerzauber los!“ Dann stürmten die Männer der Elite-Einheit GSG 9 die entführte Lufthansa-Maschine „Landshut“. Es war der 18. Oktober 1977, kurz nach 2 Uhr morgens mitteleuropäischer Zeit. Stefan Hirner*, damals 23, war einer dieser Männer. Heute, 35 Jahre danach, lebt er in Bayern. Er sagt: „Wir fürchteten zunächst, das wird ein Kamikaze-Einsatz. Wir wussten ja nicht, in welchem Land und unter welchen Bedingungen wir die Befreiungsaktion durchführen müssen.“

Herr Hirner, was dachten Sie bei Ihrem Einsatz?

Ich dachte nicht, ich musste funktionieren. Sie sind wie programmiert. Als das Kommando kam, war klar: rein, ins Cockpit, in die erste Klasse – Feuerkampf. Die Terroristen waren alle vorne im Flugzeug. Wir erschossen drei; die vierte verletzten wir schwer.

Als Sie in die Economy- Klasse kamen, sahen Sie all diese Menschen ...

... Diese Menschen wirkten wie Marionetten, reagierten auf jeden Befehl, sie hatten keinen eigenen Willen mehr. In ihren Augen war pure Angst. In der Maschine war es heiß, es stank nach Fäkalien und ein Verwesungsgeruch hing in der Luft – die Terroristen hatten ja den Kapitän, Jürgen Schumann, erschossen. Es war wirklich hart.

Hand aufs Herz: Ist man auf einen solchen Einsatz wirklich vorbereitet?

Wir, die GSG 9, waren damals schon eineinhalb Monate kaserniert – wir hatten keinen Kontakt mehr nach außen, nicht einmal zu unseren Familien. Am 5. September 1977 hatte die RAF Hanns Martin Schleyer, den Arbeitgeberpräsidenten, entführt – seither hatten wir dutzende Wohnungen gestürmt, um Schleyer zu finden. Wir waren also im Dauer-Einsatz, unterbrochen durch wenige Stunden Schlaf, dann ging’s weiter. Als die Nachricht von der „Landshut“ kam, war ich gerade mit einem Team in Köln, ein Einsatz in einem Haus mit 47 Stockwerken ...

Was passierte jetzt, nach dem Anruf von Ulrich Wegener, dem Gründungskommandeur der GSG 9?

20 von uns wurden sofort in Richtung Zypern geschickt, danach flogen wir der „Landshut“ hinterher. Bei einer Zwischenlandung in Ankara überfielen uns die Medien – der Einsatz war publik, die Terroristen bekamen Wind davon.

Kehrten Sie dann um?

Ja, wir flogen nach Köln-Bonn zurück, blieben dort aber nur kurz. Danach starteten wir erneut, diesmal mit einem Einsatztrupp von 62 Mann. Nach einer Odyssee – wir waren der „Landshut“ ja immer auf den Fersen – flogen wir schließlich nach Kreta und warteten auf weitere Anweisungen.

Der nächste Stopp war Mogadischu ...

Wir landeten dort am 17. Oktober 1977 um 19.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit – Ortszeit war es 17.30 Uhr. Schon das Landemanöver war kritisch; die Terroristen durften uns auf keinen Fall sehen. Unser Pilot flog also tief übers Meer, setzte ganz vorn an der Landebahn an – und bog dann sofort ab. In Mogadischu musste alles schnell gehen: Gerät entladen, kurzes Training, Einsatzbesprechung. Ich gehörte damals zu den Sturmtrupps, vorher wurden noch die Scharfschützen in Position gebracht.

Dann ging’s los?

Ja. Wir mussten uns rund 1000 Meter an die Maschine heranschleichen. Alles ganz langsam. Parallel liefen die Verhandlungen mit den Terroristen. Am Anfang, wo wir noch etwas weiter weg waren, hatte das Ganze mehr einen Übungscharakter. Doch plötzlich, als das Flugzeug in Sichtweite kam – das war schon gespenstisch. Die „Landshut“ war ja nicht richtig beleuchtet, sie hatte nur ein Notstromaggregat.

Als Sie direkt unter dem Flugzeug standen ...

... legten wir die Leitern an. Wir verständigten uns nur per Handzeichen, wir konnten nicht einmal flüstern. Außerdem hatten wir auch noch Funkprobleme, das heißt: Wir bekamen nicht komplett mit, wie die Verhandlungen mit den Terroristen gerade verliefen. Wir mussten auch darauf gefasst sein, dass an den Türen Sprengstoff angebracht ist – dass wir sofort sterben, wenn wir sie öffnen. In diesem Fall standen schon die Reservetrupps bereit, um zu stürmen.

Sie haben in kürzester Zeit die Terroristen überwältigt und konnten alle Geiseln befreien. Wie lange dauerte die Evakuierung?

Sieben bis acht Minuten. Zuerst Kinder und Frauen, dann die Männer. Unser Reservetrupp kümmerte sich um die Opfer. Viele von ihnen wollten jetzt nicht mehr allein in ein Flugzeug steigen. Sie bestanden darauf, dass GSG 9-Leute an Bord sind, wenn sie nach Deutschland zurückgebracht werden.

Klappte das?

Ja. In der ersten Maschine flogen die befreiten Geiseln, die GSG 9-Reserve – und ein Kollege aus meinem Team, der bei dem Einsatz verletzt wurde. Ein Halsdurchschuss, Gott sei Dank nichts Lebensgefährliches. Wir anderen nahmen dann die zweite Maschine.

Zurück in Deutschland wurden Sie spektakulär empfangen ...

Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet. Wir hatten ja nichts mitbekommen in all den Wochen zuvor. Wir hatten unsere Pflicht getan – und fertig.

Haben alle den Einsatz in Mogadischu verkraftet?

Viele, aber nicht alle. Einige hörten auf, weil ihre Familien solche Gefahren nicht mittragen wollten. Zwei, drei von uns stürzten ab – es war zu viel für sie gewesen. Damals musste ja jeder selbst mit der Situation, dem „Danach“, fertigwerden. Das ist heute ganz anders.

Interview: Barbara Nazarewska 

Rubriklistenbild: © Symbolbild/dpa

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