Schiri drohte zu erblinden, Spieler verurteilt

Die Folgen des Prügel-Spiels in Rosenheim

Rosenheim - Bei einem A-Klassen-Spiel in Rosenheim ist ein Schiedsrichter krankenhausreif geprügelt worden. Das sind die Folgen für den Verband, den Fußball und die Integrationsbemühungen:

Horst Winkler ist Vorsitzender des Fußball-Bezirks Oberbayern.

Das Verbands-Sportgericht des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) hat die beiden Spieler des FC Iliria Rosenheim, die beim A-Klasse-Spiel gegen den ESV Rosenheim den Schiedsrichter bzw. den Gäste-Trainer körperlich attackiert und schwer verletzt hatten, aus dem Bayerischen Fußball-Verband ausgeschlossen. Sie dürfen somit keinem Mitgliedsverein des BFV mehr angehören. Außerdem verhängte das Verbands-Sportgericht gegen den FC Iliria Rosenheim eine Geldstrafe in Höhe von 500 Euro wegen „Verletzung der Platzdisziplin“.
Handelt es sich um einen Einzelfall?

Der Münchner Merkur hat beim Bezirksvorsitzender Horst Winkler nachgefragt.

Horst Winkler, als Vorsitzender des Fußball-Bezirks Oberbayern müssen Sie sich seit vier Wochen mit einem Fall auseinandersetzen, der auch bundesweit für Aufsehen sorgte: In Rosenheim wurde ein Schiedsrichter ins Krankenhaus geprügelt. Wie geht es dem Mann inzwischen?

Den Umständen entsprechend gut. Er kann wieder sehen, wird aber um eine Sehhilfe nicht herumkommen. Es stand wirklich Spitz auf Knopf, ob er nicht auf einem Auge erblindet. Am Montag wurde er noch einmal operiert, ist aber guter Dinge, dass die Sehkraft zumindest teilweise wieder hergestellt werden kann.

Haben Sie Kontakt?

Natürlich, wir sind ständig im Gespräch, wir lassen ihn mit seinem Problem nicht allein. Auch die Schiedsrichtergruppe Chiem kümmert sich intensiv um ihn. Er selbst hat ja sehr besonnen reagiert, hat sich mit seiner Geschichte nicht in die Öffentlichkeit gedrängt und hat damit verhindert, dass noch mehr Staub aufgewirbelt wird.

"Im Jahr zehn bis 15 Tätlichkeiten gegen Schiedsrichter"

War dieser unglaubliche Ausraster von zwei Spielern des FC Iliria gegen den Schiedsrichter ein Einzelfall?

Leider nein. Wir haben in Oberbayern bei 100 000 Spielen im Jahr zehn bis 15 Tätlichkeiten gegen Schiedsrichter, allerdings nicht in dieser Heftigkeit. Meist sind es kleinere Schubsereien. Diese Geschichte sticht da in ihrer Brutalität schon heraus.

Und an den meisten Fällen sind Spieler ausländischer Herkunft beteiligt?

Ja, die sind leider überproportional vertreten. Sie haben ein anderes Temperament, eine andere Mentalität, geraten schneller außer Kontrolle. Wobei es aber gerade in der Landeshauptstadt viele Integrationsmodelle gibt, die ganz hervorragend funktionieren. In München haben mehr als 50 Prozent der aktiven Spieler Migrationshintergrund und die weitaus meisten von ihnen benehmen sich tadellos.

Problem aber sind vor allem die Mannschaften, die sich nur aus einer bestimmten Nationalität zusammensetzen?

Die gibt es ja gar nicht. Die ausländischen Vereine öffnen sich alle für andere Nationalitäten. Auch der FC Iliria ist keineswegs rein albanisch geprägt, es gibt sogar deutsche Spieler. Würden sie sich völlig abkapseln, wäre das sicher ein Kritikpunkt. Das ist aber nicht so.

Der Rosenheimer Fall hat nun wieder viele auf den Plan gerufen, die ihre pauschalen Vorurteile gegen Ausländer bestätigt sehen. Ein Rückschlag für die Integrationsbemühungen des Verbandes?

Vorübergehend auf alle Fälle. Die bedauerlichen Begleitumstände dieses Vorfalls haben einige Leute, die eigentlich nichts mit Fußball zu tun haben, für ihre politischen Zwecke genutzt, gerade in diversen Internetforen. Dem versuchen wir natürlich mit all unseren Möglichkeiten entgegenzusteuern.

"Wir dürfen solche Fälle nicht verschweigen"

Wie?

Wir dürfen solche Fälle nicht verschweigen, sondern müssen sie verantwortungsvoll aufarbeiten. Eine gewisse Aggressivität gehört zum Fußball, hier aber wurde eine Grenze weit überschritten. Es wäre schade, wenn solche Ausnahmen als Begründung herhalten müssten, in den Integrationsbemühungen nachzulassen. Wir sind alle zusammen aufgefordert, der Gewalt Einhalt zu gebieten. Fußball geht nur miteinander.

Es wurde gefordert, den Verein aus dem Verband oder zumindest aus dem Spielbetrieb auszuschließen.

Das war für uns nie ein Thema. Das wäre ein vernichtender Schlag gegen die Integration gewesen. In unserem Rechtsstaat kann jeder einen Verein gründen, sich beim BLSV anmelden und bei uns Fußball spielen, egal, ob Ausländer oder Deutscher.

Die beiden Spieler werden lebenslang gesperrt. Hat der Verband daneben auch die Möglichkeit, gegen den Verein vorzugehen?

Natürlich. Es gibt Geldstrafen, Punktabzug, sogar Zwangsabstieg, was auch schon praktiziert wurde. Der FC Iliria hat aber schon selbst reagiert, die beiden Übeltäter sofort suspendiert. Das Schlimme ist, dass der Verein immer nach seinem schwächsten Glied beurteilt wird, also selbst nun schwer unter dem Vorfall und den daraus resultierenden Folgen zu leiden hat.

Kann der Verband ihm da helfen?

Wir haben ein gut funktionierendes Konfliktmanagement. Das setzt an, wenn wir irgendwo Fälle von Gewalt feststellen. Der Verein wird von ausgebildeten Sozialarbeitern aufgesucht, beraten und betreut.

Trotzdem wird es nun Vereine geben, die gegen den FC Iliria nicht mehr antreten wollen.

Natürlich gab es da intern heftige Debatten, einige haben gesagt, gegen die werden wir nicht mehr spielen. Aber wenn wir nun den ganzen Verein aus dem Spielbetrieb nehmen, bestrafen wir 45 Leute, weil sich zwei daneben benommen haben. Das kann es nicht sein.

Und wie sieht es bei den Schiedsrichtern aus, traut sich noch jemand, Spiele mit diesem Verein zu pfeifen?

Also da muss ich sagen, hat die Schiedsrichtergruppe Chiem ganz hervorragend reagiert. Ein Boykott war nie ein Thema, der Obmann selbst hat das nächste Spiel von Iliria gepfiffen und wählt nun auch sehr sorgfältig die Leute aus. Für dieses besonnene Verhalten wird die Gruppe nun auch mit einem Sonderpreis ausgezeichnet bei der Verleihung des Ehrenamtspreises.

Inwieweit schaden solche Vorfälle wie in Rosenheim dem Ansehen des Fußballs? Bekommen die Oberwasser, die im Fußball eine ausgesprochen rohe Sportart sehen und ihre Kinder lieber zum Golf oder Tennis schicken?

Der Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Wie alle gesellschaftlichen Bereiche müssen auch wir uns mit dem Thema Gewalt auseinandersetzen. Und das tun wir, mit einem hervorragend funktionierenden Konfliktmanagement.

Reinhard Hübner

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