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Voller Einsatz: Gerlinde Reinhold aus München ging als Leih-Oma in die USA und betreute dort den vierjährigen Johannes und die kleine Viktoria.

Abenteuer Aupair

Als Leih-Oma ins Ausland

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München - Ruhestand, Kinder aus dem Haus – war’s das jetzt?, fragen sich immer mehr Frauen im fortgeschrittenen Alter und steigen ins Flugzeug. Auf der ganzen Welt spielen sie Oma für fremde Kinder von fremden Eltern in einem fremden Land – einfach aus Spaß und Abenteuerlust.

Nur einmal hat Gerlinde Reinhold (68) mit ihrer zukünftigen Gastfamilie in den USA telefoniert. Drei Wochen später saß die Münchnerin im Flugzeug nach Washington DC. Sie hatte keine Ahnung, was sie erwartet. Da waren nur die freundliche Stimme am Telefon und die Namen der Kinder, für die sie bald verantwortlich sein würde: Victoria und Johannes (1 und 4).

Aber das ist Teil des Abenteuers. Ein, zwei Telefongespräche, meist mit Videoübertragung am Computer, dann treffen Leih-Oma und Gastfamilie die Entscheidung und es gibt kein Zurück mehr. Ein Risiko. „Jetzt machst du’s, viel Zeit hast du ja auch nicht mehr“, hat sich Reinhold damals gedacht.

Für Fernweh gibt es keine Altergrenze. Bei Michaela Hansen (53), der Erfinderin von Granny Aupair, war es ein Sonntagnachmittag vor dem Fernseher. Es lief eine Sendung über Aupair-Mädchen im Ausland. Und plötzlich war sie da, die Sehnsucht nach der Fremde. „Wieso kann ich keinen Aupair-Dienst machen, wieso nur die jungen Mädchen?“, hat sie sich gefragt. „Und so bin ich auf die Idee gekommen.“ Seit fünf Jahren schickt Hansen über die Internetseite www.granny-aupair.de Großmütter in die weite Welt.

Auf der Seite können sich Omas und Gastfamilien gegenseitig beäugen. Jeder hat ein Profil mit Bildern und persönlichen Details und Anforderungen. Manche Familien wünschen sich eine richtige Haushälterin, die kocht, putzt und sich nebenbei um die Kinder und den Opa im Rollstuhl kümmert. „Da war mir von Anfang an klar: Das will ich nicht“, sagt Reinhold.

Musste sie auch nicht. Unter der Woche kümmerte sie sich um die beiden Kinder, während die Eltern in der Arbeit waren. Am Wochenende mietete sie sich ein Auto und lernte Washington kennen. Mit ihrem Mann reist Reinhold auch viel, sagt sie: „Aber der mag keine Städtereisen. Ich schon.“ Vor allem aber wollte Reinhold sehen, ob sie es noch kann – so ganz allein. Gerade wenn man wie sie, „so jung abgeholt wurde“. Reinhold hat früh geheiratet, drei Kinder großgezogen und 25 Jahre die Verwaltung einer Zahnarztpraxis geleitet. Da bleibt nicht viel Zeit, um sich selbst und die Welt kennenzulernen.

Claudia Iwen aus Gilching (Landkreis Starnberg) hat Jahre lang ihre kranke Mutter gepflegt. Nach deren Tod war plötzlich nichts mehr zu tun für die 58-Jährige. Iwen traute sich: Südfrankreich, ein kleiner Weiler nahe der Stadt Bergerac. Ihr Mann hat sie hingefahren, und ist auch noch ein paar Nächte in der Nähe geblieben: „Da bleibst du nicht lange“, war er sich sicher. Da hat er sich getäuscht.

Glücklich in Frankreich: mit den Enkeln aus zeit: Claudia Iwen mit Moise und dem neugeborenen Carlos.

„Das war wie Urlaub“, schwärmt Iwen. Die französischen Gasteltern hatten gerade ein zweites Kind bekommen und waren mit allem ein wenig überfordert. Deshalb ihr Gesuch bei Granny Aupair. Iwen griff ihnen unter die Arme, kümmerte sich um die beiden Buben Moîse (2) und den neugeborenen Carlos und besserte ihr Französisch auf. Zweieinhalb Monate verbrachte sie dort. „Morgens am Markt Einkaufen war fast das schönste.“ An ihren freien Tagen klapperte die Seniorin die ganze Region ab.

Die Familie stellte ihr ein Auto, als ein Teil der Bezahlung. „Das regeln alle Gastfamilien und Grannys individuell“, sagt Unternehmerin Hansen. Reinhold bekam in den USA zum Beispiel Taschengeld von den Eltern. 100 Dollar pro Woche. Andere zahlen den Flug.

Manchmal wird man sich auch nicht einig, hat falsche Vorstellungen voneinander. Besonders unglücklich ist das, wenn die Leih-Oma schon vor Ort ist. Iwen ist das bei ihrem zweiten Granny-Einsatz in der Schweiz passiert. Die Eltern waren berufstätig und überließen ihr, anders als ausgemacht, alle drei Kinder, davon ein Baby. Irgendwann hat Iwen aufgegeben und ist entnervt abgereist. „Das Risiko besteht“, sagt Hansen. „Das liegt dann aber nicht mehr bei uns. Wir stellen nur den Kontakt her.“

Wenn es richtig gut läuft, ist dagegen eins besonders hart: Der Abschied. Gerlinde Reinhold wird die „dunklen Augen“ von Victoria nie vergessen, Iwen nicht, wie Moîse sie am Tag ihrer Abreise zum Bahnhof begleitete. „Ich habe innerlich geheult“, sagt sie. „Für Moîse war alles total aufregend. Aber er wusste natürlich nicht, was da passiert.“

Abschied gehört eben dazu,wenn man auf Reisen geht. Und das Abenteuer ist längst noch nicht vorbei: Gerlinde Reinhold ist vor drei Tagen wieder in die USA geflogen. Und auch Claudia Iwen zieht es als Leih-Oma wieder ins Ausland. Wenn alles klappt, dann geht es wieder nach Frankreich.

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