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Schutz vor der Abschiebung: Pfarrerin Doris Otminghaus gewährt Hasibullah A. aus Afghanistan Kirchenasyl in Haßfurt. 

Er lebt seit sechs Jahren in Deutschland

Kurz vor Abschiebung nach Afghanistan: 22-Jähriger flüchtet in Kirchenasyl

Haßfurt/München – Er lebt seit sechs Jahren in Deutschland, arbeitet und spielt Fußball im Verein: Plötzlich werden Hasibullah A. die Papiere weggenommen. Er soll bei der Sammelabschiebung zurück nach Kabul. Hasibullah flüchtet ins Kirchenasyl in die evangelische Kirchengemeinde in Haßfurt.

Am Mittwoch startete eine Chartermaschine am Frankfurter Flughafen. 34 Afghanen wurden nach Kabul abgeschoben. In der Maschine hätte Hasibullah A. sitzen sollen. „Ich habe gedacht, wenn ich zurück nach Afghanistan muss, will ich sterben“, sagt der 22-Jährige. Doch so weit kam es nicht: Hasibullah ist jetzt ins Kirchenasyl geflüchtet. Die evangelische Kirchengemeinde im unterfränkischen Haßfurt hat die Abschiebung des Moslems im letzten Moment verhindert.

Der 22-Jährige teilt sich den Platz im Pfarrhaus mit zwei kurdischen Jesiden. Noch vor einem Monat hat er sich das nicht träumen lassen. Damals sitzt er bei der Ausländerbehörde in München und erfährt, dass er abgeschoben wird. Seit sechs Jahren lebt er in München. Wenn er nicht als Sortierer und Baggerfahrer bei einer Entsorgungsfirma arbeitet, spielt er Fußball beim SV Türkspor Allach. „Das hat Spaß gemacht.“

Von der geplanten Sammelabschiebung am Mittwoch weiß er da noch nichts. Die Behörde teilt Hasibullah nur mit, dass ihn die Polizei jederzeit holen kann. Dann müsste er zurück in sein Heimatdorf nahe Kabul, dorthin, wo die beiden Onkel vor seinen Augen erschossen wurden, wo er keine Arbeit und Freunde hat. „Niemand will in einem unsicheren Land leben“, sagt er.

Hasibullahs Arbeitskollegen und Fußballfreunde starten Petition gegen Abschiebung

Die Behörden halten Regionen Afghanistans für ausreichend sicher, weshalb die Bundesregierung weitere Zwangsrückführungen anstrebt. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte nach der Abschiebung erklärt, solche Rückführungsmaßnahmen müssten verantwortungsvoll und behutsam, aber ebenso bestimmt und konsequent durchgeführt und fortgesetzt werden. „Sie sind richtig und notwendig, um unser Asylsystem funktionsfähig zu halten.“

Hasibullahs Arbeitskollegen und Fußballfreunde in München starten eine Petition gegen dessen Abschiebung. Sie können gar nicht fassen, dass jemand, der schon so lange in München wohnt, sich auf deutsch unterhalten kann und gut integriert ist, abgeschoben werden soll. „Er war immer anständig, hilfsbereit und hat sich mit den anderen Jungs gut verstanden“, berichtet Recep Yerlikaya vom SV Türkspor Allach.

Am vergangenen Dienstag sitzt Hasibullah mit Stephan Theo Reichel in einem Café. Reichel berät für die evangelische Landeskirche Gemeinden zum Thema Kirchenasyl . Hasibullah hat seine Nummer von einem Freund. Reichel beschreibt den jungen Mann als völlig verzweifelt.

Er hat schon viele Fälle begleitet, in denen ein Flüchtling abgeschoben werden soll. Aber „das ist einer der bewegensten“, sagt Reichel. Bei seiner Aufgabe ist professionelle Distanz gefragt, doch das Schicksal des jungen Afghanen berührt ihn trotzdem sehr. Hasibullah hat bei dem Treffen Schmerzen. Reichel geht mit ihm zum Arzt, weil das Amt ihm alle Papiere genommen hat. Es ist Gürtelrose – eine Folge von dem Stress im vergangenen Monat.

Während die beiden beim Arzt sind, steht die Polizei bereits vor Hasibullahs Wohnung. Er soll in die Maschine am Frankfurter Flughafen. Reichel weiß, dass Pfarrerin Doris Otminghaus einen Platz im Kirchenasyl frei hat, weil er sie im Fall der beiden Jesiden berät. Er selbst darf nicht aktiv nach Plätzen suchen. Otminghaus engagiert sich seit März für Flüchtlinge und hat für sie vier Betten im Pfarrhaus aufgestellt. Für Hasibullah ist Haßfurt die letzte Rettung. Sein Anwalt erfährt zwischenzeitig von der zentralen Aufnahmebehörde, dass die Regierung die Abschiebung am Mittwoch trotz der angelaufenen Petition nicht stoppen will.

Kirchenasyl wird nur gewährt, wenn Leib und Leben bedroht sind

„Hasibullah hat eine innere Fröhlichkeit“, sagt Otminghaus und ist beeindruckt von dem 22-Jährigen. Er verließ seine Heimat vor acht Jahren. Auf der Flucht saß er im Iran im Gefängnis. In Deutschland schlug er sich ohne Sprach- oder Integrationskurs alleine durch.

Kirchenasyl wird nur gewährt, wenn Leib und Leben bedroht sind, betont Reichel. Hasibullah ist so ein Ausnahmefall. „Afghanistan ist das Ende“, sagt er. Die Sammelabschiebung stieß vergangene Woche auf Kritik. Laut Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm müsse es die Möglichkeit von Rückführungen grundsätzlich geben. Aber vor dem Hintergrund der schwierigen Sicherheitslage in Afghanistan müssten die Rückführungspolitik überprüft und die Abschiebungen ausgesetzt werden.

Hasibullahs Gürtelrose heilt langsam ab. „Mir geht es ein bisschen besser“, sagt er. Wie es jetzt weitergeht? Laut Reichel laufe die Petition weiter. Wie lange das Kirchenasyl nötig ist, lässt sich nicht sagen. Hasibullah: „Ich wünsche mir einfach, so wie alle anderen Menschen zu leben.“

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