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Protest am Flughafen: 14 Afghanen wurden Montag abgeschoben. 60 Menschen demonstrierten dagegen. Unser Bild zeigt einen Protest bei der Abschiebung im Februar.

Protest am Münchner Flughafen

Abschiebungen nach Afghanistan: „Die Angst macht alle krank“

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München - 14 abgelehnte Asylbewerber aus Afghanistan sind am Montagabend nach Kabul abgeschoben worden. Die Abschiebepraxis macht nicht nur den afghanischen Flüchtlingen zu schaffen – sie bringt auch die Asylhelfer an ihre Grenzen.

Claudia Kuss ahnt, was sie erwartet, wenn sie in dieser Woche ins Flüchtlingsheim nach Obergünzburg (Kreis Ostallgäu) kommt. Frust, Angst und Tränen. Junge Männer, die mit gesenktem Kopf durch die Gänge schleichen oder sich in ihren Zimmern verkriechen. Die Stimmung ist seit Wochen schlecht. Und kurz nach der Sammelabschiebung nach Afghanistan ist es besonders schlimm. Kuss betreut seit einem Jahr die 50 Asylbewerber, die in ihrer Gemeinde leben. Alle sind Afghanen. 41 haben bereits einen Ablehnungsbescheid bekommen. Alle 50 haben panische Angst. „Sie sind aus Afghanistan geflohen, weil sie bedroht wurden und um ihr Leben fürchteten“, berichtet die 55-Jährige. „Sie sind sicher, dass die Abschiebung für sie den Tod bedeutet.“

In Afghanistan gibt es landesweit Gefechte

Umstritten sind die Abschiebungen, weil sich in Afghanistan der Konflikt zwischen Regierung und den radikalislamischen Taliban verschärft. Landesweit gibt es Gefechte und Anschläge. Rund 60 Menschen haben deswegen am Montagabend am Flughafen München demonstriert, als zum fünften Mal seit Dezember ein Flugzeug aus Deutschland Richtung Kabul abhob. An Bord waren 14 abgelehnte afghanische Asylbewerber, drei von ihnen aus Bayern. Unter ihnen ein 23-Jähriger aus München, der seit knapp sieben Jahren in Deutschland lebt und auch eine deutsche Freundin hatte. Er wurde an seinem Arbeitsplatz verhaftet. Aus Nürnberg wurde ein junger Afghane abgeschoben, der nach islamischen Recht mit einer Afghanin verheiratet ist. Für die standesamtliche Eheschließung warteten die beiden nur noch auf seinen Pass. Er kam zu spät.

In den ersten drei Monaten dieses Jahres hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) über 93 362 Asylanträge von Afghanen entschieden. 45 710 bekamen eine Ablehnung – also etwa jeder Zweite. Die Anerkennungsquote schwankt von Monat zu Monat (siehe Grafik). Eine Sprecherin des BAMF erklärt das damit, dass sich zeitweise Anträge von alleinstehenden jungen Männern häufen, die eher abgelehnt werden als Familien. Ulla Jelpke, Linken-Abgeordnete des Bundestags, hatte von einer kontinuierlich sinkenden Anerkennungsquote berichtet. Damit wolle man ein abschreckendes Signal aussenden, sagte sie. Ihre Zahlen weichen von denen des BAMF ab. Es handle sich um eine sogenannte bereinigte Schutzquote. Asylanträge, die nach der Dublin-Regelung nicht in Deutschland bearbeitet werden dürfen, und eingestellte Verfahren sind nicht berücksichtigt. Die Anerkennungsquote des BAMF bezieht sich auf alle gestellten Asylanträge.

„Anfangs war die Motivation bei allen sehr groß“

Die Flüchtlinge, die Claudia Kuss in Obergünzburg betreut, sind alle alleinstehende junge Männer. Die meisten von ihnen besuchen die Berufsschule, einige arbeiten bereits. „Anfangs war die Motivation bei allen sehr groß“, erzählt Kuss. Aus der Hoffnung auf eine Chance ist bei allen Panik geworden, berichtet sie. „Die Angst vor der Abschiebung macht die Menschen krank.“ Einer der Männer hat in den vergangenen Wochen acht Kilo abgenommen. Auch Suizidversuche habe es bereits gegeben.

Das belastet auch die Asylhelfer, sagt Kuss. „Ich helfe Flüchtlingen, weil ich nicht tatenlos zusehen wollte, wenn Menschen Unrecht geschieht.“ Doch wenn es um die Abschiebungen der Afghanen geht fühlt sie sich wie viele andere Helfer hilflos. „Wir haben alles getan, um die Menschen bei uns gut und schnell zu integrieren. Nun müssen wir denen, die alles getan haben, um hier auf eigenen Beinen stehen zu können, erklären, warum sie abgeschoben werden.“ In ihrem Helferkreis hat sich die Zahl der Mitglieder von 45 im vergangenen Jahr halbiert. Auch Claudia Kuss sagt: „Ich weiß nicht, wie lange ich noch die Kraft habe, weiterzumachen.“

„Wieso bezieht die Kirche nicht Stellung?“

Immer wieder hat sie Briefe an Politiker geschrieben, um auf die Situation in vielen Flüchtlingsheimen und Helferkreisen aufmerksam zu machen. Nie bekam sie eine Antwort. Vor drei Wochen hat sie einen Brief an Kardinal Reinhard Marx verschickt. „Wieso bezieht die Kirche nicht Stellung?“, fragt sie. „Warum setzt sie sich nicht stärker für die Wahrung der Menschenrechte ein?“ Eine Reaktion hat sie auch auf diesen Brief nicht bekommen.

Lesen Sie auch: Aufstand der Leisen: Warum jetzt die Flüchtlingshelfer auf die Straße gehen

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