Abschied von der „alten Kiste“

München/Landshut - Die atomare Katastrophe in Japan entfacht die Debatte um die bayerischen Atomkraftwerke neu. Was gestern noch als sicher galt, wird heute in Zweifel gezogen.

Mit krachendem Getöse startet die Mirage F1 in Straßburg. Ihr Pilot setzt Kurs auf Bayern. Bei der kleinen Gemeinde Niederaichbach trifft der Abfangjäger auf zwei weitere Jets. Über den Köpfen der Niederbayern proben sie den Luftkampf. Aus der Übung wird Ernst: Die Mirage kollidiert mit einem der Jagdbomber, schert aus und rast in ein hügeliges Waldstück. Sie stürzt ab - in Sichtweite der Landshuter Atomkraftwerke. Die Entfernung zu Isar 1 beträgt rund zwei Kilometer - oder fünf Flugsekunden. Am 30. März 1988 schrammt Bayern fünf Sekunden am GAU vorbei.

Es gibt keine Tsunamis am Ufer der Isar. Und so stark wie in Japan bebt die Erde hier nie. Dennoch: Absolute Sicherheit ist Illusion - das belegt der Mirage-Absturz. „Es kann alles mögliche passieren“, warnt Raimund Kamm, Atom-Gegner und Grünen-Politiker aus Augsburg. Absturz, Anschlag, menschliches Versagen. „Wenn Isar 1 in die Luft fliegt, geht ganz Bayern in die Knie“, sagt Kamm. „Eine solche Gefahr gibt es bei keiner anderen Technologie.“

Vor allem Isar 1 gerät immer wieder in die Kritik. Die furchteinflößenden Nachrichten aus Japan lassen selbst Befürworter der Kernenergie zu Zweiflern werden. Die Koalition in Berlin will die Laufzeitverlängerung für drei Monate aussetzen. Bayerns Umweltminister Markus Söder (CSU) fordert sogar, Isar 1 noch im Frühjahr abzuschalten. Doch warum immer wieder Isar 1?

Der Siedewasserreaktor der Baureihe 69 wurde in den 60er Jahren entwickelt. Man wollte Kosten sparen und machte irreparable Fehler, sagen die Kritiker. Der Sicherheitsbehälter sei zu klein, der Stahlboden zu dünn. Beides erhöht das Risiko im Störfall. Nach einem Versagen des Reaktordruckbehälters würde auch die Sicherheitshülle bald nachgeben. Bei einer Kernschmelze könnte Radioaktivität vergleichsweise schnell in die Umwelt gelangen. Vorwarnzeit: Fünf Stunden wenn es gut läuft, vielleicht aber auch nur 90 Minuten. Nach Schätzungen der Deutschen Umweltstiftung wären knapp 10 Millionen Menschen von einem Störfall in Isar 1 direkt betroffen.

Beim Bau des Kraftwerks kalkulierte man zwar den Absturz eines Starfighters ein, doch die fliegen längst nicht mehr. Zerschellt ein moderner Kampfjet oder ein Passagier-Flugzeug an der Betonhülle: Katastrophe. Die Parallele zu Japan drängt sich auf: Das AKW Fukushima wurde so gebaut, dass es ein Beben der Stärke 8.0 aushält. Doch die Erschütterung war stärker. Die Natur nimmt auf kalkulierte Risiken keine Rücksicht. Terroristen oder der Zufall auch nicht.

Aufgrund seiner schwachen Bauweise und des Reaktortyps gehöre Isar 1 zu den gefährlichsten Meilern in Deutschland, sagt Kamm. „Das war alles bekannt“, ärgert er sich. „Japan hat daran doch nichts verändert.“ Dass Unions-Politiker jetzt plötzlich Sicherheits-Bedenken hegen, sei „die pure Scheinheiligkeit“. Kamm ist Grüner, bei ihm klebt das „Atomkraft? Nein danke!“-Bapperl quasi im Parteibuch. Doch Gabriele Goderbauer-Marchner ist CSU-Fraktionsvorsitzende im Landshuter Stadtrat. Auch sie fragt: „Wie lange muss es denn noch dauern, bis man sich von der alten Kiste endlich verabschiedet?“

Ursprünglich sollte Isar 1 Mitte 2011 stillgelegt werden, wenn ein ausgehandeltes Reststrom-Kontingent aufgebraucht ist. So wollte es die Rot-Grüne Bundesregierung. Doch Schwarz-Gelb beschloss die Laufzeitverlängerung bis 2019. 250 Millionen Euro sollten zusätzlich in die Sicherheit von Isar 1 fließen, verkündete Söder. Die bayerischen Kraftwerke seien dann die sichersten der Welt. Ist das jetzt alles Makulatur?

Kritiker behaupten seit langem, dass eine Nachrüstung kaum etwas an dem Risiko ändere. Fehlkonstruktion bleibt eben Fehlkonstruktion. Oder wie es der Landshuter Oberbürgermeister Hans Rampf (CSU) ausdrückt: „Man kann einen alten VW nicht zum Ferrari herrichten.“ Rampf setzt sich nach wie vor dafür ein, Isar 1 stillzulegen. Von der neu entfachten Debatte fühlt er sich „bestätigt“. Selbst die Bayern-FDP sagt: „Isar 1 wird kaum zu halten sein.“

Wird die Laufzeitverlängerung drei Monate auf Eis gelegt, könnte Isar 1 tatsächlich das Reststrom-Kontingent erfüllt haben - und somit vom Netz gehen müssen. Vielleicht aber auch nicht. Der Zeitrahmen für den Meiler ist denkbar knapp. Wie es nach dem Moratorium weitergeht, ist ohnehin noch unklar.

Eon will sich zu der aktuellen Debatte nicht äußern. „Wir nehmen das zur Kenntnis und erwarten Gespräche“, sagt ein Sprecher. Und: „Isar 1 erfüllt alle Sicherheitsanforderungen.“

17 Atom-Meiler gibt es noch in Deutschland. Seit 2007 stehen Krümmel und Brunsbüttel jedoch fast ununterbrochen still, daher gibt es de facto nur noch 15 Kernkraftwerke. In Koalitionskreisen heißt es, man könne ohne Probleme auf mindestens drei AKWs verzichten, ohne eine Stromlücke zu riskieren. Atom-Kritiker sprechen sogar von sieben Anlagen, die problemlos verzichtbar seien. Isar 1 produziert - grob geschätzt - nur gut ein Prozent des deutschen Stroms.

Thomas Schmidt

Rubriklistenbild: © dpa

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