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Sagen zum Abschied nicht mehr nur leise Servus: Bayern ist längst keine tschüss-freie Zone mehr.

Ade, Pfiatdi und Tschüss: So sagen die Bayern Servus

München - Es ist eine Glaubensfrage: Was sagt man zum Abschied? Servus? Pfiati? Ade? Oder gar: Tschau? Schon zu Goethes Zeiten war die Vielfalt der Abschiedsgrüße groß. Das wird auch so bleiben – die tschüss-freie Zone Bayern ist Vergangenheit.

Die alten Römer sagten zum Abschied „Vale“, Lebe wohl!, wörtlich übersetzt: Bleib gesund! Auch Goethe bevorzugte in seinen reiferen Jahren diese Grußformel: „Leben Sie wohl“, „Leben Sie recht wohl“ steht unter Hunderten seiner Briefe. Der junge Goethe liebte es spontaner und bunter: „Ade“ und „Gute Nacht“, französisch „Adieu“ und italienisch „Addio“ schrieb er an seine Weimarer Freundin Charlotte von Stein, und oft verdoppelte er das Abschiedswort (Ade, ade) oder ergänzte es mit einer liebevollen Anrede: „Ade Engel“, „Adieu liebe Frau“, „Adieu Gold“.

„Ade“ kann man zwar heute noch regional hören, zum Beispiel im Fränkischen oder Schwäbischen, aber für viele klingt dieser Gruß nach Romantik und Volkslied. Zur Zeit Goethes war das anders: Damals galt „ade“ im ganzen deutschen Sprachgebiet als normaler Abschiedsgruß unter einander vertrauten Personen und hatte so wenig Romantisches wie heute ein „Tschüs“ oder „Servus“.

Sprachgeschichtlich ist „ade“ der älteste im Deutschen überlieferte Abschiedsgruß, zuerst belegt beim Minnesänger Gottfried von Straßburg, der in „Tristan und Isolde“ (um 1210) zwei Pilger sagen lässt: „friunt [Freund] … a dê, a dê“. Die Formel ist nicht germanischen Ursprungs, sondern kommt vom altfranzösischen Abschiedssegen „a Dieu“, zu Gott, expliziter: Gott befohlen!, der seinerseits zurückgeht auf Kirchenlateinisch „Ad Deum“. Bis in das 17. Jahrhundert blieb „ade“ mit seinen zahlreichen Varianten die allgemein übliche Abschiedsformel im Deutschen, dann wurde es in den höheren Gesellschaftskreisen, bei denen Französischkenntnis zum guten Ton gehörte, verdrängt durch „Adieu“ – also sein etymologisches Ausgangswort, das nun neu, nämlich mit französischer Aussprache, entlehnt wurde.

Das Nebeneinander von volkssprachlichem „ade“ und gebildetem „adieu“ dauerte bis August 1914, dem Beginn des Ersten Weltkriegs. Damals trat eine neue, uns heute vertraute Abschiedsformel in den Vordergrund, die schlagartig „Adieu“ verdrängte: „Auf Wiedersehen!“. Der Krieg gegen den „Erbfeind“ Frankreich wurde nämlich nicht nur an der Front geführt, sondern auch in der Heimat. Statt gegen französische Soldaten kämpfte man hier gegen französische Wörter: Ladenschilder mit „Café“ oder „Coiffeur“ wurden abmontiert, und der alltägliche, leicht überpüfbare Gruß „Adieu“ als Zeichen undeutscher Gesinnung gewertet. „Deutsch sei der Gruß“ lautete die Propagandaformel der Anti-Adieu-Kampagne, die ihre Botschaft auf Postkarten auch in Versen verbreitete:

Als Abschiedsgruß sag nie "Adieu". Das tut dem deutschen Herzen weh!

Welcher Abschiedsgruß war aber damals – modern gesprochen – „politisch korrekt“? Vorgeschlagen wurden „Grüß Gott!“ und „Guten Tag!“, die aber beide hauptsächlich Eröffnungsgrüße sind; weiter „Lebe wohl!“, das einen altertümlichen Beigeschmack hatte, und „Auf Wiedersehen!“. Durchgesetzt hat sich „Auf Wiedersehen“, das im bairischen Deutsch zu „Auf Wiederschaun“ wurde und medial am Telefon oder im Radio zu „Auf Wiederhören“.

Der Abschiedsgruß „Auf Wiedersehen“, der im 18. Jahrhundert als Übersetzung von französisch „Au revoir“ entstand, war ursprünglich keine feste Formel. Man sagte und schrieb „Auf ein baldiges Wiedersehen“, „auf frohes Wiedersehen“ (Goethe) oder „Adieu, bis auf ein Wiedersehen“. Das „Wiedersehen“ wurde im wörtlichen Sinn verstanden, man hätte den Gruß nicht wie heute auch gegenüber Personen verwendet, die man nie mehr sehen wird oder nicht mehr sehen will.

In den 1920er Jahren entwickelte sich „Auf Wiedersehen“ zur allgemeinen hochdeutschen Abschiedsformel. Daneben gab es aber umgangssprachlich und in den Dialekten eine ganze Palette anderer Abschiedsgrüße, die in weniger formellen Sprechsituationen eingesetzt wurden: Im Norden eine Reihe von Formen, die direkt oder indirekt auf spanisch „Adiós“ zurückgehen: adiés (das in Goethes „Götz von Berlichingen“ vorkommt), adjös, adschüs, tschüs u.ä.; im Süden neben „Grüß Gott“ – das man wie „Guten Tag“ auch beim Weggehen sagen kann – „Ade“, „Servus“, „Habe die Ehre“ und die zahlreichen Varianten von „Behüte dich/euch/Sie (Gott)“: „Pfiati“, „Pfia Gott“, „Pfiati Gott“, „Pfiat Eahna Gott“.

Bis in die 1950er Jahre war „Auf Wiedersehen“ in Norddeutschland der häufigste hochdeutsche Abschiedsgruß unter näheren oder ferneren Bekannten. Dann setzte der Aufstieg von „Tschüs“ ein, das 1967 in den „Duden“ aufgenommen wurde und inzwischen auch literaturfähig ist, zum Beispiel bei Christa Wolf (Was bleibt, 1990): „Na dann tschüs, sagte meine Tochter“. Bei einer Spracherhebung 1975 wurde auf die Frage „Wie sagt man an ihrem Ort gewöhnlich, wenn man sich von einem guten Freund verabschiedet?“ nördlich des Mains meist die Antwort „Tschüs“ gegeben, vereinzelt „Auf Wiedersehen“. Im Süden hingegen kam „Tschüs“ damals kaum vor, es dominierten „Ade“, „Servus“, „Pfiati“ und (in der Schweiz) „Tschau“.

Heute sieht die süddeutsche Grußlandschaft anders aus: Die alten Abschiedsgrüße gibt es zwar noch, aber sie werden bedrängt von zwei neuen, die sich in den letzten Jahrzehnten enorm ausgebreitet haben, zunächst unter Kindern und Jugendlichen, inzwischen aber auch unter Erwachsenen: „Tschüs“ und „tschau“.

Hinter „tschau“ steckt die italienische Grußformel „ciao“ (ausgesprochen: tscha-o), die zurückgeht auf italienisch „sciavo“, (Ihr) Sklave/Diener; die Bedeutung entspricht also der von „Servus“, dem lateinischen Wort für „Sklave/Diener“. Über den Gebrauch von „tschau“, – für den sich ein früher literarischer Beleg bei Max Frisch (Homo Faber, 1957) findet: „Tschau!, sagte er [der Jugendliche]“ – wurde und wird in Bayern kaum diskutiert, wahrscheinlich weil das Wort aus dem Süden stammt und ein sonniges, jugendliches Flair hat. Hingegen löst das aus dem Norden kommende „Tschüs“ immer wieder öffentliche Diskussionen aus, von der Einrichtung „tschüs-freier Zonen“ bis zum Tschüs-Verbot an einer Passauer Schule Anfang 2012. Warum trifft das Tschüs einen bayerischen Nerv?

Das bayerische Problem mit dem „Tschüss“ beginnt schon bei der Schreibung: „tschü-s“ oder „tschü-ss“? Der Duden lässt beide Schreibungen zu, empfiehlt aber „tschü-s“, was lautlich zur Folge hat: das „ü“ wird als Langvokal ausgesprochen, der bei Bedarf auch überlang sein kann: Tschüüüs. Dieses „flötende“ Tschüs hört man im Süden selten, weil hier der Vokal kurz ausgesprochen wird, was der Schreibung „tschü-ss“ entspricht. Hingegen kann man beim Tschau den Gruß auch flöten: tschaaauuu.

Die im Internet verbreitete Meinung, Bairischsprecher hätten Schwierigkeiten, den Laut „ü“ auszusprechen und lehnten deshalb das Tschüs ab, geht von falschen Voraussetzungen aus. Zwar kennt das bairische Vokalsystem kein „ü“, aber im Bairischen gibt es viele hochdeutsche (Fremd)Wörter mit diesem Vokal, zum Beispiel „Düsenjäger“, den niemand als „Diisnjaga“ ausspricht; selbst „München“ lautet nur noch selten „Mingga“, der Name wird verhochdeutscht ausgesprochen. Kurzum: Am „ü“ liegt es nicht, wenn das Tschüs manchem Bairischsprecher missfällt.

Das eigentliche Problem des Tschüs in Bayern liegt in der „richtigen“ Verwendung. Im Norden ist sie relativ einfach: „Tschüs“ ersetzt außer in förmlichen Sprechsituationen „Auf Wiedersehen“. Im Süden hat es „tschüs“ aber mit einem ganzen Grußrepertoire zu tun, in dem es seinen Platz erst noch finden muss. Ein Einheimischer, der immer und überall „tschüs“ sagt, ein Tschüssler, wird deshalb in seinen kommunikativen Fähigkeiten als „beschränkt“ eingeschätzt, und das kann in der Tat – wie die Passauer Rektorin ihr Tschüs-Verbot begründete – negative Folgen im Berufsleben haben.

Es empfiehlt sich deshalb unter Erwachsenen, das Tschüs in Begleitung eines alten, eingeführten Grußwortes zu verwenden: „Auf Wiederschaun! Tschüss!“, „Servus! Tschüss!“. Diese Grußmischung (siehe Kasten), die nebenbei die „interkulturelle Kompetenz des Sprechers unter Beweis stellt, wird im sprachlichen Alltag häufig gemacht, übrigens auch dann, wenn man einen rein bairischen Gruß nicht für angemessen oder für übersetzungsbedürftig hält: „Auf Wiedersehn! Pfiat Eahna!“, pflegt die Besitzerin einer Regensburger Metzgerei mit bayerischen Spezialitäten ihre Kundschaft zu verabschieden.

Fazit: Eine „tschüs-freie Zone“ wird Bayern nicht mehr werden. Die Abschiedsformel ist heute zu verbreitet, vor allem unter Kindern. Diese Verbreitung hat zwei Ursachen: Erstens die innerdeutsche Bevölkerungswanderung von Nord nach Süd, die auch ein sprachlicher Zuzug ist, und zweitens die audiovisuellen Medien. In den Medien – auch wenn sie, wie der Bayerische Rundfunk, ihren Sitz in Bayern haben – herrscht das sprachliche Vorurteil: „Richtiges Hochdeutsch spricht man nur in Norddeutschland“. Deshalb gilt „tschüs“ als gutes Deutsch und wird medial überall hin verbreitet, während „Servus“ allenfalls im Regionalprogramm vorkommt.

Allerdings wird Bayern auch keine Tschüs-Zone werden. Dazu sind die anderen Grußformen zu verankert und mit dem regionalen Eigenbewusstsein verbunden. Sprache dient nicht nur zur Kommunikation, sondern auch zur Differenzierung. In diesem Sinne ist die Grußpalette des Südens ein sprachliches Markenzeichen, betriebswirtschaftlich gesehen: ein Alleinstellungsmerkmal – auf das man nicht verzichten sollte.

Helmut Berschin

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